Allgemeine Berichte | 13.04.2017

Ethnologin Sandra de Vries vermittelte Möglichkeiten, Flüchtlinge besser zu verstehen

Sich in die Lebenswelten anderer Kulturen hineindenken

In Gesprächen und Rollenspielen setzten sich die Teilnehmer mit der Thematik auseinander.E.T. Müller

Andernach. 47 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den Bereichen Caritas, Dekanat, Pfarreiengemeinschaft und Stadt Andernach sowie aus Vereinen und einfach Interessierte waren auf Einladung des Dekanats Andernach-Bassenheim und des Caritasverbands Rhein-Mosel-Ahr e.V. nach Andernach ins Pfarrheim Maria Himmelfahrt gekommen. Mit der Referentin Sandra de Vries, M.A. ging es in diesem Tagesseminar um „Interkulturelle Kompetenz“, eine Veranstaltung, die im Rahmen des „willkommens-netz.de“ der Flüchtlingshilfe im Bistum Trier stattfand.

Um diese Kompetenz zu erlernen, sich mit „Anderen“ zu beschäftigen, muss man wissen, wer man selbst ist! Auch über kulturelle Diskrepanzen, die etwa Niqab und Burka betreffen, sollte gesprochen werden. Sandra de Vries erklärte, dass die westliche Gesellschaft über die Augen kommuniziert, während die meisten Kulturen oft keinen Blickkontakt pflegen. Da kann es als Provokation empfunden werden, wird jemand vom Gegenüber nicht angeschaut.

Deutschland ist eine Distanzgesellschaft

Nach einer Übung, die darin bestand, Grenzen wahrzunehmen und auch einmal zu überschreiten und sich unter anderem gegenseitig am Ohrläppchen zu ziehen oder die Schultern zu berühren, sprachen die Teilnehmenden über die dabei gemachten, nicht immer angenehmen Erfahrungen. „Wir sind eine Distanzgesellschaft. In Deutschland ist es eine Distanz von plus, minus ein Meter. Die Hälfte der Weltbevölkerung aber, die nicht mit den Augen kommuniziert, würde auf Sie zugehen“, erklärte die Referentin. Wer aber im Erstkontakt von seinem Gegenüber den Blickkontakt verlangt, erzeugt Stress.

Flüchtlinge brauchen Zeit, in der Gesellschaft anzukommen. Und Ehrenamtliche könnten helfen, hier Brücken zu bauen, „Brückenmenschen“ zu sein. In diesem Sinne lud das Seminar auch dazu ein, über den eigenen kulturellen Tellerrand zu schauen und Divergenzen nicht als Gefahr, sondern als Bereicherung zu erleben. Ohne ein eigenes Fundament aber, auf dem man selbstbewusst steht, ist dieser Prozess nicht zu leisten.

Sandra de Vries: „Nehmen sie eine interkulturelle Begegnung nie persönlich, sonst wird es zu ihrem Problem.“ Und sie riet der Gruppe, von sich aus in die Offensive zu gehen und im Vorfeld zu sagen, dass man beispielsweise die Hand reichen möchte: „Als Ehrenamtlicher haben Sie dann die Aufgabe, zu erklären: Wenn sie in Deutschland nicht die Hand geben, kann das dazu führen, dass die Menschen das nicht verstehen.“ Schließlich aber sei auch der Handschlag keine „typische deutsche Sitte“, sondern ein „Mitbringsel“ der Amerikaner nach dem II. Weltkrieg. „Wir haben Dinge übernommen und zu eigen erklärt“, führte de Vries aus. Kulturwandel ist ein ständiger Prozess.

Natürlich gibt es auch kulturelle Konstanten. Während beispielsweise in unserer europäischen Individualgesellschaft das „ich“ großgeschrieben wird, ist es im islamischen Bereich die Sippe, das „Wir“. Damit sind gewisse, uns teilweise sehr irritierende Rollenvorstellungen für Männer, Frauen, Kinder verbunden: dass die Frau für den inneren Bereich der Familie zuständig ist, der Mann aber das Sagen hat, dass Kinder bereits im Alter von neun bis 13 Jahren mit Erlangung der Geschlechtsreife als „erwachsen“ gelten. Und doch wird derjenige scheitern, der unsere Werte erzwingen will. Es gelte, den kulturellen Kippschalter umzulegen und mit Widersprüchen umzugehen. Die Irritation ist schließlich beidseitig, betonte die Ethnologin.

So sei auch Entwicklungshilfe erst erfolgreich, seit Brunnenprojekte nicht mehr aufoktroyiert, sondern in „Offenheit und Respekt“ auf Zusammenarbeit und gleiche Augenhöhe gesetzt werden, führte die Wissenschaftlerin aus. Bei allem riet sie den Ehrenamtlichen, sich nicht beirren zu lassen: „Interkulturelle Konflikte sind unvermeidbar und manchmal auch nicht lösbar.“ In ihrer „Vermittlerrolle“ machen Ehrenamtliche Dinge transparent, damit eine interkulturelle Begegnung stattfinden kann. Auch dieser respektvolle Umgang bedeutet nicht, „alles zu tolerieren und zu akzeptieren“, vielmehr ist es der Respekt vor der Unantastbarkeit und Würde eines jeden Menschen.

Bei Sandra de Vries erlernten die Teilnehmenden, sich in die Lebenswelten anderer Kulturen hineinzuversetzen und Flüchtlinge besser zu verstehen. Eine gelungene Veranstaltung, die, wie es der Titel versprach, „Interkulturelle Kompetenz“ vermittelte.

Bemühungen der Ehrenamtlichen sind alles andere als selbstverständlich

Initiiert wurde der Tag von Irmgard Hillesheim, Caritas, und Günter Leisch, Dekanat, um dem Wunsch der Ehrenamtlichen nach Weiterbildung gerecht zu werden. Die Organisation und Moderation lag in den Händen von Pastoralreferent Günter Leisch und Dienststellenleiterin Margret Marxen-Ney, Caritas, die allen Ehrenamtlichen herzlich dankte: „Ihre Bemühungen sind alles andere als selbstverständlich. Ich wünsche Ihnen für Ihr großartiges Engagement weiterhin viel Energie, Freude und Gottes Segen!“

In Gesprächen und Rollenspielen setzten sich die Teilnehmer mit der Thematik auseinander.Foto: E.T. Müller

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