Stadtmuseum Andernach
Unser Objekt des Monats: Der „Saukobes aus Andernach“
aus Andernach
Andernach. Ein besonderes Highlight mit einer interessanten Geschichte ist unser Objekt des Monats Oktober: eine wertvolle Handzeichnung des bedeutenden Künstlers Hermann Wislicenus (1825–1899). Bezeichnet ist das Werk mit der merkwürdigen Beschriftung „Saukobes aus Andernach.“ Was hat es damit auf sich?
Aufschluss bietet ein handschriftlicher Zettel, welcher der Zeichnung beigefügt ist:
„Der von Professor Hermann Wislicenus in Düsseldorf – später in Goslar – im Jahre 1871 nach der Natur Gezeichnete ist ein Kräutersammler in Andernach a.Rh. Seinen eigentlichen Namen kenne ich nicht, trotzdem er mir über 10 Jahre die verschiedensten Vegetabilien [= Pflanzen] gebracht hat. Bekannt war er allgemein als „Saukobes“. Berlin, Weihnachten 1900. Finzelberg“
Bei dem Unterzeichner handelt es sich um Hermann Finzelberg (1842–1922). Er stammte aus dem brandenburgischen Luckenwalde, hatte in Berlin bei den berühmten Schering-Werken gearbeitet und in Bonn Medizin sowie Pharmazie studiert. Im Jahr 1868 übernahm er die am Andernacher Marktplatz gelegene Apotheke, die später als „Hirsch-Apotheke“ bekannt wurde (das Gebäude wurde um 1980 abgerissen).
1872 wurde in Andernach seine Tochter Lilli Finzelberg geboren, die später in Berlin als Bildhauerin insbesondere mit ihren Porträtplastiken großen Ruhm erlangen sollte. Im Jahre 1875 begann Hermann Finzelberg an der Koblenzer Straße mit der Errichtung einer pharmazeutischen Fabrik, die bald schon große Bedeutung erlangte und bis heute tätig ist. Im Jahre 1882 zog es den Vater schließlich zurück in die Hauptstadt, wo er zum technischen Direktor der Schering-Werke berufen wurde.
Die künstlerische Begabung war Lilli Finzelberg (1872–1939) in die Wiege gelegt worden: Sie wuchs zeitweise bei ihrem Onkel Hermann Wislicenus auf. Im Jahre 1896 heiratete sie schließlich dessen Sohn, ihren Cousin, den Maler Hans Wislicenus (1864–1939).
Hermann Wislicenus war ein bedeutender Künstler des deutschen Historismus, dessen Schaffen stark von der sogenannten Nazarener-Bewegung geprägt wurde. Seine Darstellungen greifen auf die klassische, strenge Linienführung der italienischen Renaissance und mitunter auch auf barocke Lebendigkeit zurück. Für diese Stilrichtung wurde Wislicenus hoch geschätzt, sodass ihm 1877 der Entwurf und die Ausführung der monumentalen Wandgemälde in der Goslarer Kaiserpfalz übertragen wurden.
Was hat es nun genau mit unserem „Saukobes“ auf sich? Wie uns die Notiz von Hermann Finzelberg zeigt, war der Mann rund zehn Jahre lang für die Belieferung der Apotheke mit frischen Wildkräutern zuständig. Diese pflückte er vermutlich im Stadtgebiet sowie auf dem Krahnenberg und brachte sie anschließend zur Apotheke am Markt. Hiermit verdiente er – der wohl mit Vornamen Jakob („Kobes“ oder „Köbes“) hieß – sein karges Brot.
Gemalte, gezeichnete und fotografierte Porträts von Menschen aus privilegierten Bevölkerungsschichten finden wir aus dem 19. Jahrhundert vielfach. Dabei handelte es sich in der Regel um repräsentative Auftragsarbeiten. Selten ist hingegen ein so intimes, ausdrucksstarkes Bildnis eines „einfachen Mannes“, dem die Spuren eines harten und wohl auch entbehrungsreichen Lebens ins Gesicht geschrieben sind. Hier griff Hermann Wislicenus meisterhaft auf ältere Vorbilder wie die berühmten Kopfstudien Leonardo da Vincis, Albrecht Dürers und die barocken „Tronies“ (Kopfstudien) Rembrandts zurück.
Wislicenus muss vom Antlitz des „Saukobes“ derart fasziniert gewesen sein, dass er ihn in diesem Brustbild als Bleistiftzeichnung verewigte. Vielleicht war es auch die Wertschätzung des Firmengründers Hermann Finzelberg für seinen treuen Lieferanten, die dazu beitrug, dass sein Porträt für die Nachwelt festgehalten wurde – zeigt es doch jenen Mann, dessen harte Arbeit zur Versorgung der Apotheke und letztlich auch zur Entstehung der späteren pharmazeutischen Fabrik beitrug.
Dass sich das Bildnis eines ansonsten unbekannten Andernachers in einer solch meisterhaften Ausführung erhalten hat, ist für die Stadtgeschichte ein außergewöhnlicher Glücksfall. Die Handzeichnung mit dem Porträt des „Saukobes“ konnte kürzlich aus einer Privatsammlung für das Museum gewonnen werden, wo sie ab sofort in der Bagatelle (Hochstr. 92) ausgestellt ist.
Unsere Öffnungszeiten: Di.-Fr.: 10-16 Uhr, Sa.: 10-13 Uhr, So. und feiertags: 14-17 Uhr.
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„Saukobes aus Andernach“ Foto: Stadtmuseum Andernach