Mehr als 80 Fachleute tauschten sich bei der Fachtagung in Andernach aus
Was wird aus Kindern, wenn Mama oder Papa seelisch krank sind?
Bundesarbeitsgemeinschaft will Nachwuchs in den Fokus rücken
Andernach. Die Zahlen sind alarmierend: Beinahe jedes zehnte Kind in Deutschland hat Erfahrungen mit der psychischen Erkrankung mindestens eines Elternteils. 740.000 Kinder unter 18 Jahren müssen damit leben, dass ein Elternteil alkohol- oder drogenabhängig ist. 1,5 Millionen Kinder müssen damit fertig werden, dass Mutter oder Vater an unkontrollierbaren Angstzuständen leiden. Direkte Hilfe bekommen diese Kinder bislang nur selten. Behandelt wird der erkrankte Erwachsene. Doch die Frage, inwieweit die Kinder dieser Eltern nach teilweise jahrelangem Martyrium selbst krank geworden sind, stellt sich kaum jemand: Kinder sind die vergessenen Angehörigen der Psychiatrie. Deshalb hat sich vor einigen Jahren die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Kinder psychisch erkrankter Eltern gegründet, die aus engagierten Mitarbeitern von Kliniken, Jugendämtern und anderen Institutionen besteht. Sie wollen Gesellschaft, Fachwelt und Politik für das schwelende Problem sensibilisieren. Denn eines steht für die Experten der Arbeitsgemeinschaft fest: Kinder von psychisch erkrankten Eltern sind meist die Patienten von morgen.
Die Mitglieder der BAG kamen nun in der Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach (RMF) zusammen, um sich auszutauschen und künftig ein stärkeres Netzwerk zu bilden. Organisatorin vor Ort war Diplom-Sozialarbeiterin Ingrid Klee, die in der Andernacher Klinik Tag ein Tag aus mit schweren Familienschicksalen konfrontiert wird: „Es kommt häufig vor, dass die Kinder unserer Patienten auch psychische Probleme haben - schon in sehr jungem Alter“, macht Klee aufmerksam. Kinder würden in solchen Familien oft die Verantwortung für ihre Eltern übernehmen, verlieren ihre Kindheit und sind damit überfordert. „In der Vergangenheit wurde darauf in der Fachwelt jedoch nicht eingegangen. Man hat sich auf den erwachsenen Patienten konzentriert.“
Kinder in den Mittelpunkt rücken
In Andernach ist das seit einigen Jahren anders. Gemeinsam mit Thomas Dreiner, Leiter der Sozialdienste an der RMF, hat Klee ein System aufgebaut, durch das Kinder als Angehörige psychisch erkrankter Eltern in den Mittelpunkt rücken. So gibt es seit mehr als zehn Jahren die Mutter-Kinder-Station, in der die Kleinen zusammen mit ihren Eltern bleiben können. Die Kinder haben sogar die Möglichkeit, den integrativen Kindergarten zu besuchen, der zum parkähnlichen Gelände der RMF gehört. Spezielle Therapiegruppen wenden sich an Patienten, die Eltern sind. Dort geht es um Alltagsbewältigung in der Familie, Grundbedürfnisse von Kindern, Aufklärung von Kindern über die Krankheit aber auch professionelle Unterstützung. Letzteres ist allerdings ein sehr sensibles Thema. Klee muss sich den seelisch erkrankten Eltern mit äußerster Vorsicht nähern, wenn es zum Beispiel um Familiehilfe oder Jugendamt geht. „Wie viele andere Eltern reagieren auch unsere Patienten sehr sensibel, wenn es um ihre Kinder geht. Besonders bei dem Wort Jugendamt gehen gleich die Alarmglocken an.“
Das bestätigt Diplom-Psychologin Erika Hohm. Sie arbeitet im Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim und hat ihre Erfahrungen und entsprechende Studien den rund 80 Kollegen auf der Tagung vorgestellt. „Psychisch erkrankte Eltern nehmen das Jugendamt meist negativ wahr - als „Kinder-weg-nehm-Amt“. Sie vermeiden die Inanspruchnahme präventiver Hilfe. Meist spitzen sich die familiären Krisensituationen dann zu.“ Gegen solche Entwicklungen gehen Ingrid Klee und ihre Mitstreiter vor. Doch sie müssen teilweise dicke Bretter bohren. „Andere Regionen sind da schon viel weiter als wir“, sagt Klee, die selbst dreifache Mutter ist. Ihr Ziel ist es deshalb, das Thema Kinder psychisch erkrankter Eltern in die Region zu tragen, denn: „In unserem Landkreis wird das Thema noch stiefmütterlich behandelt. Deshalb haben wir vor zwei Jahren einen Arbeitskreis zunächst auf Andernacher Ebene gebildet, der aktuell regional ausgeweitet wird. Dort heraus wollen wir versuchen, die Versorgungslücke zu schließen und ein festes Angebot für betroffene Familien zu installieren.“
