Theaterabend widmete sich dem Lyriker Joachim Ringelnatz
Aus dem turbulenten Leben eines Abenteurers
Bad Breisig. „Humor ist der Knopf, der verhindert, dass uns der Kragen platzt“ - Joachim Ringelnatz alias Hans Gustav Bötticher (1883 bis 1934), der dies sagte, war zeitlebens ein Abenteurer. Die Geschichte seines rastlosen Lebens, seines literarischen und künstlerischen Erbes war der Inhalt des Theaterabends am vergangenen Mittwoch.
Hin und wieder lohnt sich die Erinnerung an die Hinterlassenschaft von Joachim Ringelnatz; so schafften es Rückblicke auf sein unstetes Leben und Ausschnitte aus seinem Werk auf die Bühne des Jugend- und Kulturbahnhofs der Quellenstadt. Bötticher, der sich selbst in späterem Leben Ringelnatz taufte, der einstige Seefahrer, Nonsens-Lyriker, Schriftsteller, Kabarettist und Maler wurde im Kulturprogramm der Quellenstadt in einer heiter-melancholischen Reminiszenz von zwei routinierten Theaterleuten des in der sächsischen Stadt Zeitz ansässigen Ensembles „Kolorit“ präsentiert. Protagonisten waren der Schauspieler und Sänger Alexander Fabisch und der begleitende Akkordeonspieler Thomas Volk. Das Porträt des rastlosen, vielseitigen Ringelnatz wurde von einer Reihe von literarischen Beispielen, von autobiographischen Schnappschüssen, vor allem aber von - meist nur der Atmosphäre dienenden - Shantys und Seefahrts-Schlagern begleitet. Die aber sind beim Publikum immer sehr beliebt, und so wurden sie innerhalb der Ringelnatz-Hommage aus vollem Hals gern mit gesungen: „La Paloma“ (das angebliche Volkslied, im Grunde lateinamerikanisches Kampflied), Gassenhauer wie „Capri-Fischer“, „Deine Heimat ist das Meer“, „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“, „Heute an Bord“, „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“, oder man hörte noch einmal die dunkle Stimme der Zarah Leander in „Der Wind hat mir ein Lied erzählt.“ Dazwischen waren Rezitationen der oft skurrilen Lyrik und frechen, humorvollen Anzüglichkeiten des Joachim Ringelnatz zu hören. Der hatte schon sehr früh seinen Lebenstraum erfüllt gesehen, die Welt per Seefahrt kennenzulernen, als Schiffsjunge jedoch böse Erfahrungen mit der alles andere als „christlichen“ Seefahrt machte, der dann ausgebüxt war und wieder eingefangen wurde, im Ersten Weltkrieg Kommandant auf einem Minensuchboot wurde, sich danach der Fliegerei zuwandte, in München Autor und Kabarettist im Ensemble des „Simplicissimus“ wurde, sich später dem Kabarett „Schall und Rauch“ anschloss, als Interpret seiner eigenen, aus Unsinn und Tiefsinn gemischten Moritaten Aufsehen erregte.
Aus all diesen Lebensperioden hatte Alexander Fabisch Beispiele ausgekramt, so auch aus den „Turngedichten“ oder den Ringelnatz-Gesängen zu „Kuttel-Daddeldu“. Er erzählte von Ringelnatz‘ angeblich vom Großen Fritz geschnitzten Schnupftabak-Dose, die aber zum Amüsement des Publikums „vom Holzwurm angefressen“ wurde, er widmete sich dem im Holz des Schiffes gefundenen Skorpion oder dem obskuren Streit zwischen Lampe und Spiegel, den das Stubenmädchen ausbaden muss - viel gehobener Unsinn à la Joachim Ringelnatz, auch gefiltert aus dessen Tagebuchnotizen. Ein Zeitgenosse nannte ihn „den Befahrer aller Meere, Trunkenbold an allem Berauschenden und Zyniker mit Heiligenschein“. Was Ringelnatz hinterlassen hat, ist immer skurril, humorvoll, witzig und tiefsinnig zugleich, so wie der ganze Theaterabend „Seemannsbraut ist die See“. Das Thema des Ringelnatz-Abends war bewusst gewählt als Einstimmung auf die bevorstehenden „Biennale Wasser“, jener Kombination aus Musik, Kunstausstellung und Vorträgen, alle dem großen, wichtigen Thema „Wasser“ gewidmet.
