„Abendmusik“ in der Bad Breisiger Marienkirche: Musikalisches Erlebnis im Zeichen Norddeutscher Orgelkunst
„Der Herr ist König“
Bad Breisig. Die jeden Monat einmal veranstaltete „Abendmusik“ in der Marienkirche hielt auch diesmal wieder mehr, als Musikliebhaber sich davon verhoffen: Mit einem meisterlichen Orgelkonzert verzauberte der Regionalkantor Sven Scheuren auf der Barockorgel des Orgelbauers West die Zuhörer. Der mit seinem virtuosen Können auf der „Königin der Instrumente“ bewunderte Musiker ist ein überzeugter Anhänger der Kompositionskunst eines Dietrich Buxtehude oder dessen Zeitgenossen. Scheuren selbst sagt zum Programm: „Die neue Orgel der Marienkirche ist eine typisch norddeutsche Barockorgel. Sie adäquat zur Geltung zu bringen, das kann man vor allem mit norddeutscher Orgelmusik. Alle anderen Orgel-Kompositionen mögen mit diesem Ausnahmeinstrument auch irgendwie schön klingen, oder - mit Abstrichen - realisierbar sein. Aber nur die norddeutsche Orgelkunst wird dieser Orgel mit ihren tollen charakterlichen Eigenarten und besonderen Qualitäten absolut gerecht. Zudem zählen die Werke der norddeutschen Schule des Barock-Zeitalters, speziell des oft ‚Magier des Nordens‘ genannten Dietrich Buxtehude zum Allerschönsten, was die Orgelliteratur je hervorgebracht hat.“ Diesem Credo entsprach die Programmfolge des Meisterkonzerts.
Spezialitäten norddeutscher Orgelkunst
Es begann mit einem fulminanten „Präludium in d-Moll“ des Hamburger Vincent Lübeck, einem Werk, dessen Repetitionsfuge von toccatisch-fantastischen Elementen umrahmt ist, und dessen ausgedehnte Pedal-Soli eine der Spezialitäten norddeutscher Orgelkunst zeigt. Wie virtuos Sven Scheuren das Instrument beherrscht, zeigt er hier bereits mit großer Meisterschaft. Wenn überhaupt eine Steigerung der Eindrücke möglich war, so kam sie mit Buxtehudes „Ciacona c-Moll“, die als ein Meisterwerk dieser Gattung - Variationen über ruhiger Bassmelodie - gilt. In vier Versen variiert in der Folge Buxtehude dem Bußtag-Choral „Nimm von uns, Herr“. Meisterhaft im dreistimmigen Fluss der Themen, übergehend ins zweistimmige Bicinium, vollendet in einem Orgelchoral über einem cantus firmus. Scheurens Interpretation beeindruckt ein ums andere Mal.
Über die Manuale und durch die Register
So auch in dem atemberaubenden Präludium des Arnold Mathias Brunckhorst. Der in verschiedenen Städten Norddeutschlands einst wirkende Barock-Komponist verwendet in seinem großartigen Stück „Charactère de Chasse“, Fugen aus einem an Jagd erinnernden Tempo. Neben dem meisterhaft empfundenen Tanz des Interpreten über die Manuale und durch die Register der Orgel bringt dem Musikfreund auch dessen schriftliche Erläuterung der Werke im Programmheft zusätzliche Bindung zu dem jeweilig erlebten Stück. Das gilt auch für das Präludium e-Moll von Nicolaus Bruhns. Sven Scheuren bringt uns das mit Kontrasten und im Tempo eines Gigue gestaltete Bravourstück des nur 32 Jahre alt gewordenen Komponisten in Interpretation und Erklärung nahe: „Tolle Repitionstechniken und Harfeneffekte atmen bei diesem Stück den Wind der Orgel. Um dies authentisch darzustellen, bedarf es einer solch typisch norddeutschen Orgel. Dem Können des Orgelbauers Rowan West sei’s gedankt,“ so der Organist.
Filigrane Musik
Ein veritabler „Fremdkörper“ zwischen der Fülle norddeutscher Orgelkunst ist die Erinnerung an den 300. Geburtstag des Carl Philipp Emanuel Bach. Zu hören war dessen Sonate F-Dur, ein filigranes Stück quer über die hohen Orgel-Register, das in einigen Passagen an Händels „Stücke für eine Flötenuhr“ erinnert. Diese galante Komposition, einst in Berlin für die Orgel von Prinzessin Amalie von Preußen geschaffen, lockerte mit ihrer fast mediterranen Leichtigkeit das anspruchsvolle Konzert auf. Nach Sven Scheurens Erläuterung, eroberte dieser Musikstil in der Zeit nach Buxtehude auch die norddeutschen Orgeln. Berlin, Wirkungsfeld C.P.E. Bachs, war ja nicht weit. Selbst gestellte Aufgabe des Organisten zum Abschluss des Konzerts: In zwei Improvisationen die einzelnen Klangfarben der von ihm so geliebten West-Orgel vor- und gegenüber zu stellen. Er hatte sich dazu zunächst das „Christkönigs-Lied“ vorgenommen. Sven Scheurens Meisterschaft im Fantasieren über ein Thema quer über alle Möglichkeiten des Instruments konnte man wieder nur bewundern. Die zweite und letzte Improvisation geschieht nach seinen Worten „mit einem Augenzwinkern nach Norddeutschland. Er kündigt an: „Sie werden hierbei Töne hören, die Sie noch nie von der neuen Orgel gehört haben“, und er hält sein Versprechen. Durch das barocke Kirchenschiff rauschen Tonkaskaden in allen Farben und Formen.
Pure Begeisterung
Pure Begeisterung des Auditoriums - und Vorfreude auf versprochene weitere Begegnungen mit Sven Scheuren an der West-Orgel. Aber auch sehr beachtlich: Die dem sakralen - neben musikalischen - Erfolg des Abends dienenden Wortbeiträge der Pfarrreferentin Christel Fassian-Müller. Sie zitiert in den Pausen nachdenkenswerte Texte von Georg Weisel („Macht hoch die Tür !“), aus dem Alten Testament (Psalm 47), und von Leo Tolstoi („Vom König, der Gott sehen wollte“). Außerdem widmet sie sich in poetischem Tiefgang einem „Jahresrückblick“. Ihre Beiträge trugen viel zum grandiosen Gesamt-Eindruck des Abends bei.
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