„Das Rheinland und der Erste Weltkrieg“
Eindringlich in Wort und Bild
Achim Konejung beschreibt die Region mitten in Europa als Aufmarschgebiet, Heimatfront und Besatzungszone
Rheinland. Schon als kleiner Junge hat er weitergebohrt, selbst wenn die Antworten knapp ausfielen. „Das kommt vom Krieg“, hieß es auf die Frage nach dem Glasauge des Opas. Und das echte? Habe er verloren. In den Alpen. Sechsjährig zieht der Junge mit der Familie nach Antwerpen, zu den einstigen Feinden, und geht dort zur Schule. Er wunderte sich doch sehr, wie merkwürdig sich die Erwachsenen verhielten. Und Erklärungen abgeben über den Krieg war offenbar nicht ihre Stärke. So kam es ihm vor, den es noch mehr irritierte, im Unterricht zu hören, die Deutschen, „die gemeinen Feinde“, seien damals in das kleine neutrale Königreich Belgien eingefallen.
Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts
Er hat nicht aufgehört zu fragen, Achim Konejung, 1957 in Krefeld geboren und seit 20 Jahren in Müddersheim bei Vettweiß lebender Autor, Musiker und Kabarettist. Gerade ist sein neues Buch „Das Rheinland und der Erste Weltkrieg“ erschienen. 2014 jährt sich der Beginn des Ersten Weltkriegs zum hundertsten Mal. Das wird das Bewusstsein dafür schärfen, dass es sich bei diesem Krieg um die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts handelt, ein Bewusstsein, dass zumeist von der Beschäftigung mit dem zeitlich näheren Zweiten Weltkrieg überlagert wird.
Die Auswirkungen des Kriegs auf den Alltag der Menschen
Aber Konejung verfolgt nicht die Schlachtenaufstellungen in ganz Europa, die Ausweitung vom Atlantik bis zum Persischen Golf. Ihn interessiert, wie das Rheinland diesen Krieg erlebte. Er fragt: Welche Auswirkungen hatte er auf die Bevölkerung? Wie bestimmte der Krieg den Alltag der Menschen, in seinem Vorfeld, während seines Verlaufs sowie in der anschließenden Besatzungszeit? „Aufmarschgebiet, Heimatfront, Besatzungszone“ sind, analog zum Untertitel des Buches, daher die drei Kapitel der Publikation überschrieben, die sorgfältige Dokumentation wie opulenter Bildband in einem ist. Die Fülle an Foto- und Bilddokumenten - aus einheimischen öffentlichen und privaten Archiven sowie aus bislang schwer zugänglichen ausländischen Quellen, etwa privaten Fotobeständen alliierter Soldaten - hat der Autor über Jahre zusammengetragen. Dennoch bleibt er, das streicht Dr. Karola Fings, stellvertretende Direktorin des Kölner NS-Dokumentationszentrums, im Geleitwort heraus, nicht stehen beim Geschichtsbild, das „erinnerte Erzählung, bildliche Repräsentation und vorherrschende Deutung ergeben“. Konejung fragt und zweifelt, macht seine persönliche Annäherung an das schwierige deutsche und rheinische Kapitel der Geschichte in vier vom familiären Hintergrund geprägten Aufsätzen nachvollziehbar. Opa Karl Konejung, Spross einer Solinger Klingenschmiede-Dynastie, die Besteck, aber auch Säbel und Dolche produzierte, hatte sich freiwillig gemeldet. Er kämpfte in den Karpaten und in Galizien, an der rumänischen Front, im Elsass, in Frankreich und in den venezianischen Alpen, wo er das rechte Auge und Gehör verlor. Das aber erfuhr Konejung, der als Kind gegen „eine Mauer des Schweigens“ stieß, erst viel später.
Die Region wurde ausgebaut zum Truppenaufmarschgebiet
Impulse zur Durchdringung der Kriegszeit mitten in Europa liefert er, fachlich beraten durch renommierte Historiker, ebenso mit ausführlichen Bildkommentaren. Sie betten das Gezeigte in den Kontext ein, in die Geschichte des Ersten Weltkrieges, die ihre Vorgeschichte hat. Viele Mächte, ihre Absprachen und fatalen Bündnisse führten zu einer Konstellation, in der sich alle bedroht fühlten und genötigt, aufzurüsten. Auch das Deutsche Kaiserreich und inbegriffen das Rheinland, das als Aufmarschgebiet neue Brücken, Bahnhöfe und Bahngleise für strategische Strecken erhielt, was damals schon der englische Geheimdienst auskundschafte. Ab 1909 begann „eine beispiellose Aufbauarbeit in der ärmlichen Eifel“. So wurde im Rahmen des Schlieffenplans die Ahrtalbahn bis Dümpelfeld zweispurig ausgebaut und die Eifel- und Ahrtalbahn über die 1913 fertiggestellte Vennquerbahn an die Vennbahn angebunden. Von Lissendorf bis Jünkerath verlief die Strecke gar viergleisig, um Militärtransporte von Köln-Remagen über die 1913 fertiggestellte Vennquerbahn nach Belgien zu führen. Nach dem Krieg nutzten dann die Besatzungsmächte die Eisenbahnen für ihre Zwecke.
Texte und Bilder des inhaltsreichen Buchs sprechen für sich. Aber der eigentliche Gewinn, den Leser und Betrachter aus dem Band ziehen, gründet sich auf die wechselseitige Befruchtung von Wort und Bild. Die Fotos rheinischer Schauplätze in Koblenz, Köln, Duisburg, Düsseldorf, Krefeld und an weiteren Stätten an Rhein, Ruhr und in der Eifel, wirken über die Unmittelbarkeit des Mediums. Dies zumal, wenn bei den zahlreichen Frontalpersonenaufnahmen von Soldaten, Eisenarbeitern, Verwundeten im Lazarett und Kriegsgefangenen sozusagen der Mensch dem Menschen ins Auge blickt. Aber zu Recht, so Karola Fings, misstraut Achim Konejung den Bildern. Nur selten geben sie Alltagszenen wieder, zeigen ausnahmsweise Kriegswitwen, frierende Kinder und Soldaten an einer Gulaschkanone in Köln, ängstliche belgische Zivilisten beim Einmarsch der Deutschen im August 1914 oder Schaulustige, die im Sommer 1918 in Köln Bombenschäden besehen. Militärparaden und Truppenbilder stellen Inszenierungen der Macht dar. „Von zweifelhafterem Charakter sind die Gruppenportraits der Soldaten … Hier formieren sich Männerbünde als Schicksalsgemeinschaft, um zu töten und getötet zu werden“, formuliert Historikerin Fings.
Seltener geraten die Frauen in den Blick, worauf auch Martin Stankowski zu Beginn des Buchs hinweist. Da sind die weiß gewandeten Krefelder Ehrendamen, die 1902 für die kaiserliche Majestät posieren, es gibt die Soldatenfrau, die sich für den Mann im Feld mit dem Neugeborenen ablichten lässt. Man sieht die zweckmäßig gekleideten Arbeiterinnen der Munitionsfabriken, die Krankenschwestern in den überall eingerichteten Lazaretten, ein Schwestern-Trio mit dem Porträt des gefallenen Bruders. Helfen, Trösten und Trauern, das sind die sattsam bekannten Rollenzuweisungen für Frauen im Krieg. „Von der häufigsten Rolle der Frauen, als Prostituierte, Opfer, Geschändete, gibt es typischerweise Bilder“, schreibt Stankowski.
Durchhalten diente auch der Sicherung des privaten Kapitals
Je nach Fahrtrichtung hatten die 1914 nach der Generalmobilmachung ausschwärmenden deutschen Soldaten markige Sprüche wie „Jeder Stoß ein Franzos“ oder „Serbien muss sterbien“ an die Eisenbahnwaggons geschrieben. Bald wurde klar, dass es kein schnelles Ende wie im deutschfranzösischen Krieg 1870/71 geben würde. Und daran hatten, Ironie der Geschichte, auch die nach dem zähen Verlauf eigentlich kriegsenttäuschten Deutschen ihren Anteil. Die Kriegsanstrengungen im Land waren größtenteils durch Kriegsanleihen finanziert. Durchhalten bis zum Sieg entsprach daher neben patriotischem Pflichtbewusstsein auch der Sicherung des privaten Kapitals und seiner Verzinsung, da ein verlorener Krieg das Riko des Verlustes steigerte. Konejung zeigt, dass der Krieg nicht nur auf fernen Schlachtfeldern stattfand, sondern das Rheinland tiefgreifend prägte. Er rüttelt an der verschwommenen Vorstellung, die heute viele vom Ersten Weltkrieg haben, macht nachdenklich und schärft den Blick für Hintergründe, Propaganda und grausame Realität dieser für das ganze Jahrhundert folgenreichen Material- und Menschenschlacht.
„Das Rheinland und der Erste Weltkrieg. Aufmarschgebiet - Heimatfront - Besatzungszone“ von Achim Konejung (ISBN 978-3-939722-90-8, 19,95 Euro) ist im Regionalia Verlag erschienen.
.Drei Schwestern aus Aachen lassen sich 1917 mit dem Foto ihres gefallenen Bruders ablichten. Foto: Privatarchiv/Repro HG
Nicht nur auf dem Schlachtfeld wird gestorben, sondern auch in den vielen über das Land verteilten Lazaretten. Das Foto zeigt die Station VII des Reservelazaretts Mönchengladbach im Jahr 1915. Foto: Privatarchiv/Repro HG

