Papst Franziskus sorgt ein weiteres Mal für Wirbel - Sehen Sie die katholische Kirche im Aufbruch, liebe Leserinnen und Leser?
Frischer Wind aus Rom?!
Rom. Ein Papst, der sich anschickt, die Kirche zu erneuern, der jugendlichen Straftätern die Füße wäscht, als Erzbischof Laien förderte und eine Entmystifizierung seines Amtes vollzieht, indem er auf Insignien, Pomp und Glanz verzichtet. Ein Papst, der so ganz anders ist als seine Vorgänger. Und der nicht nur ein Ohr, sondern auch ein Herz für jene zu haben scheint, für die bisher in der katholischen Kirche kein Platz war: Homosexuelle, Geschiedene und Menschen, die abgetrieben haben. Der Papst vom anderen Ende der Welt war schon mit seiner Wahl eine Überraschung. Doch das sollte erst der Anfang sein. Seit dem 13. März diesen Jahres, als der weiße Rauch über dem Vatikan aufstieg und der Erzbischof von Buenos Aires, Jorge Mario Bergoglio, als Papst Franziskus sein Amt angetreten hat, sorgt das gleichsam temperamentvolle wie bescheidene Oberhaupt der Katholiken fast täglich mit seinen Reden, seinem Auftreten und seinem Handeln für Aufsehen.
Zwar reißt Papst Franziskus damit keine Dogmen ein. Noch nicht jedenfalls. Aber vielen gilt er als die - endlich - zeitgemäße Antwort aus Rom auf die Fragen, Probleme und Sehnsüchte des 21. Jahrhunderts. Mit seinem Lächeln, das inzwischen vielfach um die Welt gegangen ist und die Herzen öffnet, und mit seinem neuen Stil begeistert er Menschen auch außerhalb der katholischen Kirche und gibt seinem Amt ein derart positives Image, wie es vor ihm wohl noch niemand schaffte.
Schwule, Lesben und Geschiedene
Aber er irritiert auch. Nicht wenige Gläubige sehen sich in Papst Franziskus mit einem Glaubenshüter konfrontiert, der sich mit straffälligen jugendlichen trifft, der Musliminnen die Füße wäscht und sich von evangelikalen Pastoren segnen lässt. Er ist vom ersten Tag an der Papst, der auf die herkömmlichen Insignien seines hohen Amtes verzichtet, weil er in ihnen Zeichen ungebührlicher Macht der Kirche sieht. Er ist der Papst, der nicht in der Staatskarosse durch den Vatikan fährt, sondern im Kleinwagen. Er ist der, der noch immer nicht in den üppigen päpstlichen Palast umgezogen ist, sondern lieber im einfachen Gästehaus wohnen bleibt. Und er ist der Papst, der nun auch Schwulen und Lesben, Geschiedenen und Abtreibenden sein Ohr und sein Herz schenkt. Das gefällt nicht jedem.
Eine klare Kampfansage expresis verbis hat es bisher aus Rom indes noch nicht gegeben. Dennoch: Papst Franziskus zeigt keine Scheu, seine Kirche als Gipfel einer ultimativen Moral und selbstgerechten Gläubigkeit aufzuschrecken. Gleichsam offen und empathisch wie auch überzeugend spricht er die großen Tabuthemen des Vatikans an: Homosexualität, Abtreibung und Scheidung. Klar, dass solche Gedanken und Äußerungen für Wirbel sorgen - bei Reformwilligen wie bei Konservativen.
Neuen Diskussionsstoff lieferte nun ein Interview des Heiligen Vaters mit Antonio Spadaro, dem Chefredakteur der italienischen Jesuiten-Zeitschrift „La Civiltà Cattolica“, das in diesen Tagen in 16 Jesuiten-Magazinen weltweit veröffentlicht wurde, darunter auch in den Münchner „Stimmen der Zeit“ (www.stimmen-der-zeit.de). Und was Spadoro da zu berichten hat, kommt einer Sensation gleich.
Liebe, Notwendigkeit und Mittelmaß
Da steht unter anderem Folgendes zu lesen über Homosexuelle: „Wenn eine homosexuelle Person guten Willen hat und Gott sucht, dann bin ich keiner, der sie verurteilt (…). Einmal hat mich jemand provozierend gefragt, ob ich Homosexualität billige. Ich habe ihm mit einer anderen Frage geantwortet: ’Sag mir: Wenn Gott eine homosexuelle Person sieht, schaut er die Tatsache mit Liebe an oder verurteilt er sie und weist sie zurück?‘“
Über die Rolle der Frauen in der Kirche sagt der Papst: „Die Frauen stellen tiefe Fragen, denen wir uns stellen müssen. Die Kirche kann nicht sie selbst sein ohne Frauen und deren Rolle. Die Frau ist für die Kirche unabdingbar. Maria - eine Frau - ist wichtiger als die Bischöfe (…). Man muss daher die Vorstellung der Frau in der Kirche vertiefen. Man muss noch mehr über eine gründliche Theologie der Frau arbeiten (…). Der weibliche Genius ist nötig an den Stellen, wo wichtige Entscheidungen getroffen werden.“
Und über die Kirche selbst denkt der Heilige Vater: „Diese Kirche, mit der wir denken und fühlen sollen, ist das Haus aller - keine kleine Kapelle, die nur ein Grüppchen ausgewählter Personen aufnehmen kann. Wir dürfen die Universalkirche nicht auf ein schützendes Nest unserer Mittelmäßigkeit reduzieren (…). Wir müssen also ein neues Gleichgewicht finden, sonst fällt auch das moralische Gebäude der Kirche wie ein Kartenhaus zusammen (…). Es ist eindrucksvoll, die Anklagen wegen Mangel an Rechtgläubigkeit, die in Rom eintreffen, zu sehen.“
Was meinen Sie dazu?
Schon als Erzbischof von Buenos Aires lehrte Papst Franziskus Armut, Barmherzigkeit und reine Liebe. Heute markiert er den Gegenpol zu theologischen Hierarchien und gestaltet sein Amt offen und demütig und bricht Verkrustungen auf. Nicht allen gefällt das. So zeigte sich beispielsweise der US-Bischof Thomas Tobin „ein bisschen enttäuscht“ darüber, dass Papst Franziskus das „Übel der Abtreibung“ ignoriere.
Nun macht eine Schwalbe noch keinen Sommer und ein Papst allein noch keinen katholischen Frühling.
Aber er ändert das Klima in Rom und in der ganzen Welt. Ob dem Fakten folgen, wird sich zeigen. Oder nicht? Wie sehen Sie das, liebe Leserinnen und Leser? Nehmen Sie einen Aufbruch in der katholischen Kirche wahr? Und wenn ja: Will der Papst da vielleicht zu viel? Oder fordert er in Ihren Augen zu wenig? Oder erhoffen Sie Reformen, aber trauen dem neuen Wind noch nicht? Wie denken Sie darüber?
Wir freuen uns auf Ihre Meinung zu dem Thema. Schreiben Sie einfach an: blick-aktuell@kruppverlag.de und teilen Sie uns auch kurz mit, ob wir Ihre Meinung veröffentlichen dürfen.
Reformator? Papst Franziskus.
Papst Franziskus geht mit dem Thema Homosexualität sehr offen um.
