Galantes, Markantes und Amüsantes
Orgelkonzert zum Karneval in der Pfarrkirche mit Sven Scheuren
Brohl-Lützing. Das Christentum ist eine fröhliche Religion. Das hat man in der Vergangenheit manchmal ignoriert und triefenden Ernst und Würde über die Heiterkeit der frohen Botschaft gestellt, so wäre es über Generationen undenkbar gewesen, der geweihten Kirchenorgel im Katholischen Gotteshaus St. Johannes der Täufer in Brohl fröhliche Klänge, gar Karnevals-Themen zu entlocken. Heutzutage gilt das nicht mehr als Gotteslästerung, zumal, wenn es in absoluter Perfektion durch einen Orgel-Virtuosen wie Sven Scheuren, den Dekanats-Kantor an der Stiftskirche Treis-Karden und Stellvertretender Kantor von St. Maria in der Kupfergasse in Köln - erfolgt. Er versteht es, mit seinem großen organistischen Können, mit seinem Tastenzauber auf Manualen und Pedal der erst vor drei Jahren ergänzten, umstrukturierten und neu intonierten Walcker-Orgel alle die klanglichen Schönheiten zu entlocken, die tief in das Gemüt der Zuhörer eindringen. Es ist eine Offenbarung, Sven Scheuren auf dem wunderbaren Instrument der Brohler Orgel zu erleben. Wer durch die Würde des Gotteshauses nicht fromm wird, der wird es spätestens beim Erleben solch hehrer, fröhlicher Orgelklänge. Pfarrverwaltungsratsvorsitzender Martin Schnitker konnte viel Prominenz in der Kirche begrüßen, darunter Pfarrei-Gemeindereferentin Christel Fassian-Müller, MdL Guido Ernst, Verbandsbürgermeister Bernd Weidenbach, Ortsbürgermeisterin Christel Ripoll und eine Reihe weiterer Mandatsträger. Eingangs des Konzertes galt es, die angepeilte fröhliche Stimmung musikalisch aufzubauen. Nun stehen der Komponist Jan van Weelden (1917 - 1992) und der Lübecker Barock-Komponist Dietrich Buxtehude nicht gerade in dem Verdacht, rheinisch-fröhliches Liedgut komponiert zu haben. Aber geradezu karnevalistisch festlich klingen die „Festival Fanfaren“ des Holländers allemal - zunächst flott, dann im aber auch im feierlichen Adagio. Und aus der Fuge C-Dur des Lübecker Komponisten hatte Sven Scheuren das Präludium BuxWv 136 ausgesucht, ein erheiterndes Stück im passenden flotten Gigue-Stil. Auch beim grimmig dreinschauenden Beethoven gibt es höchst fröhliche Momente, so in den „Orgelstücken für eine Flötenuhr“ von denen Sven Scheuren drei hübsche Kompositionen, den hohen Registern der wunderbaren Walcker-Orgel entlockte. Weniger bekannt ist Beethovens Zeitgenosse Louis-James-Alfred Lefébure-Wélys, der Franzose, dessen beschwingte Märsche in Es, F und C-Dur man als wahre Kleinodien für Orgel kennenlernte, zumal wenn sie von einem Organisten von der Klasse Sven Scheurens, quer durch alle hohen und tiefen Register interpretiert werden. Eine kurze Pause erhält Scheuren, als Birgit Seul das Gedicht „Ein Pianist spielt Liszt“ von Heinz Erhardt vorträgt. Während des gesamten Konzertes ist Ehefrau Carmen Scheuren, selbst eine gute Kirchenmusikerin, wichtige Assistentin am Spieltisch der Orgel, die stets in der richtigen Sekunde die Noten umblätterte und die Register zog. Die besondere Liebe des Interpreten gilt auch dem zeitgenössischen Orgel-Komponisten Gordon Young. Dessen „Suite Cathedral“ ist ein höchst anspruchsvolles Kaleidoskop historischer Tänze oder tanzartiger Stücke, beginnend mit dem Praeludium im Dreiviertel-Takt, übergehend zu einem „Allemande“ im Marsch-Rhythmus, über eine melodiösen Aria, zu dem alt-provenzalischen „Rigaudon“-Tanz übergehend, von ihm zu der spanischen „Sarabande“ bis hin zur virtuosen Toccata - alles in allem ein Vorzeige-Stück für einen Konzert-Organisten von der Klasse Sven Scheurens, und dennoch erst die Hinführung zu der Präsentation seiner Eigen-Arrangements unter dem Titel „Walcker-Orgel goes Jazz.“ Über Titel wie „Take five“ und dem Spiritual „O happy day“ begeistert er mit kunstvollen Orgel-Improvisationen. Dann spannt er alle Möglichkeiten der Orgel in zeitgenössisches Kölsches Musikgut ein. „Vivace op Kölsch“ nennt er seine Fantasie über „Drei mol Null es Null“, jene Reminiszenz an den Lehrer Welsch. Danach eine musikalische Meditation „andante cantabile“ über das Lied „Ich bin ene Kölsche Jung…“ Wie Sven Scheuren die Melodie umsetzt und fantasievoll über die Register der Orgel variiert, geht regelrecht „unter die Haut“. Willy Millowitsch hat es gesungen und schöner noch singt es Hans Süper. Aber alle großen mit diesem Lied verbundenen Eindrücke treten zurück hinter Sven Scheurens Interpretation dieser wunderschönen, ganz leise von der Orgel in das Gotteshaus herunter fließenden Melodie. Im Scherzo improvisiert der „kölsch infizierte“ Konzert-Organist ein Konglomerat karnevalistischer Melodien, zuletzt sich ergießend in einem rauschenden Finale zur alten Melodie „Heidewitzka“. Die Zuhörerschaft in der alt-ehrwürdigen Kirche Johannes der Täufer ist nicht mehr auf den Bänken zu halten, vergisst die Würde des geweihten Ortes und spendet stehend minutenlang Ovationen. Sven Scheuren und seine Orgel-Interpretationen haben alle verzaubert. Gute Musik ist eben auch ein Geschenk Gottes, und sie in solcher Qualität erleben zu dürfen, ist eine besondere Auszeichnung. Noch einmal rauscht der Beifall auf, als sich der Interpret unten im Kirchenraum zeigt und sich vor der Zuhörer-Gemeinde seinen verdientes Lob abholt. FA
