Raus aus der Tabuzone
Der Runde Tisch Kreis Ahrweiler im Einsatz gegen häusliche Gewalt
Kreis Ahrweiler. Jede vierte Frau wird in Deutschland im Laufe ihres Lebens Opfer von häuslicher Gewalt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Bundesregierung. In breiter Öffentlichkeit diskutiert wird dies allerdings nur selten. „Wir haben im Kreis Ahrweiler jährlich über 200 bei der Polizei gemeldete Fälle, die Dunkelziffer liegt allerdings wesentlich höher“, so Gleichstellungsbeauftragte Rita Gilles, die auch Sprecherin des Runden Tisches gegen Gewalt im Kreis Ahrweiler ist. „Hier bei uns gibt es so etwas doch nicht“, sei leider immer noch eine weit verbreitete, falsche Wahrnehmung in der Bevölkerung. Im ländlichen Raum werden zwar weniger Gewalttaten zur Anzeige gebracht als in der Stadt, passieren aber deswegen nicht seltener. Häusliche Gewalt spielt sich nämlich in aller Regel hinter verschlossenen Türen ab. Oft wird sie vom unmittelbaren Umfeld nicht bemerkt. Anzeichen der häuslichen Gewalt werden nicht erkannt.
Um gegen dieses Tabu anzugehen, werden im ‚BLICK aktuell‘ bis zum Jahresende eine Reihe von informativen Artikeln über die Arbeit des Runden Tisches erscheinen. Im zweiwöchigen Rhythmus werden den Leserinnen und Lesern verschiedene Aspekte näher gebracht. Dabei reicht das Spektrum von den rechtlichen Möglichkeiten der Betroffenen über psychische Folgen, bis hin zu Auswirkungen auf Kinder und sexuelle Gewalt. Schon 1998 erkannten Kommunalpolitikerinnen aller im Kreistag vertretenen Parteien die Wichtigkeit des Themas und gründeten den überparteilichen kreisweiten Arbeitskreis „Keine Gewalt gegen Frauen“. Hieraus entstand bereits 2001 der „Regionale Runde Tisch gegen Gewalt“ (RRT) im Kreis AW. Er gehört zum rheinland-pfälzischen Interventionsprojekt gegen Gewalt in engen sozialen Beziehungen, dem insgesamt 22 Regionale Runde Tische und der Landesweite Runde Tisch angehören. Mittlerweile sind im RRT Ahrweiler über 30 Institutionen vertreten, die den Frauen und Mädchen in der Region Unterstützung bieten, wenn sie Opfer von Gewalt geworden sind.
Als Gewalt in engen sozialen Beziehungen, auch häusliche Gewalt genannt, wird jede Art körperlicher, seelischer und sexueller Misshandlung bezeichnet, bei der Opfer und Täter in einer engen persönlichen Beziehung zueinanderstehen. Täter und Opfer häuslicher Gewalt befinden sich in allen sozialen Schichten. Es gibt jedoch Frauen, die statistisch gesehen häufiger betroffen sind. Hierzu zählen Frauen mit Behinderungen oder Beeinträchtigungen, Frauen mit Migrationshintergrund, Frauen aus Familien mit geringem Einkommen und Frauen ab 45 Jahren mit guter Bildung, die einen Partner mit ebenfalls hohem Bildungsniveau und gutem Einkommen haben. Grundsätzlich kann jedoch jede Frau und jedes Mädchen betroffen sein, unabhängig von Einkommen, Alter, Kultur, Bildung oder sozialem Status.
Täter und Opfer häusliche Gewalt befinden sich in allen sozialen Schichten.
Von Gewalt betroffene Frauen und Mädchen fühlen sich oft allein gelassen. Sie empfinden Scham für ihre Situation und fühlen sich oftmals als die Schuldige. Ihre Angst vor dem Partner, ihre Sorge um die Kinder oder ihre wirtschaftliche Abhängigkeit führen zu einem Gefühl der Hilflosigkeit. Nur wenige Betroffene wenden sich an die Polizei oder Hilfeeinrichtungen. Unterstützung in ihrem sozialen Umfeld haben sie nur selten, zumal sie sich meist niemandem anvertrauen. Dabei ist häusliche Gewalt, egal ob seelisch oder körperlich, kein einmaliges Ereignis. Häufig wiederholen sich die Misshandlungen und werden mit der Zeit in ihrer Intensität immer stärker. Die Hürden sich von einem gewalttätigen Partner oder jemandem aus dem engen Umfeld zu trennen empfinden viele Opfer als hoch. Zumal wenn es sich bei dem Täter um jemanden handelt, den das Opfer einmal geliebt hat oder immer noch liebt.
Notfallkärtchen für Betroffene im Kreis Ahrweiler
„Wir erhoffen uns von der Artikelserie auch, dass betroffene Frauen und Mädchen den Mut finden, sich an uns zu wenden. Zudem möchten wir die Menschen im Umfeld zu mehr Zivilcourage bewegen. Auch sie können sich von uns beraten lassen, wenn ihnen etwas auffällt oder die Opfer dazu ermutigen, sich helfen zu lassen“, fasst Rita Gilles die Intention des Runden Tisches zusammen. Die wichtigsten Hilfsangebote und Kontaktstellen im Kreis Ahrweiler finden Betroffene auf einem Notfallkärtchen, das der Runde Tisch herausgegeben hat.
Über die Jahre der Zusammenarbeit beim Runden Tisch hat sich gezeigt, wie hilfreich der fachliche Austausch und die Vernetzung der unterschiedlichen Hilfeeinrichtungen sind. So wird eine bestmögliche Betreuung und Unterstützung der Opfer von häuslicher Gewalt gewährleistet.
Zum Runden Tisch gegen
Gewalt Kreis Ahrweiler
gehören:
-Frauenhaus im Kreis Ahrweiler
-lnterventionsstelle
-Frauennotruf Koblenz
-Caritasverband Rhein-Mosel-Ahr e.V. Jugendmigrationsdienst (JMD)
-Telefonseelsorge im Kreis
-Polizeiinspektionen Adenau, Ahrweiler, Remagen
-Polizeipräsidium Koblenz,
-Kriminalinspektion Mayen
-Deutscher Kinderschutzbund
-SOLWODI
-Staatsanwaltschaft Koblenz
-Amtsgerichte Ahrweiler, Sinzig
-Lebensberatung Ahrweiler
-DRK Fachklinik
-Dr. von Ehrenwall`sche Klinik
-Ökumenische Flüchtlingshilfe
-Rechtsanwälte
-Kreisverwaltung Ahrweiler - Gleichstellungsstelle, Jugendamt, Sozialamt, Gesundheitsamt
-Jugendhilfestation Adenau
-Amnesty International
-Beirat für Migration und Integration Kreis Ahrweiler
-Caritasverband Rhein-Mosel-Ahr e.V. Schwangerschaftsfragen
-Politikerinnen des Arbeitskreises „Keine Gewalt gegen Frauen“
-WEISSER Ring
Notfallseelsorge des Bistum Trier
oJugendpflege und Gleichstellungsstelle der Verbandsgemeinde Brohltal
Verein Bewährungshilfe Koblenz e.V. TAE „Contra Häusliche Gewalt“
