Doppelte Filmvorführung im Bad Breisiger Jugend- und Kulturbahnhof
Weltkriegsende an Rhein und Ahr
Eine filmische Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs
Bad Breisig. Kaum ein passenderes Datum als den 8. Mai hätten die beiden Filmemacher Wolfgang Arends und Jürgen Drüeke für die Doppelvorführung ihrer beider Filme wählen können. Als sind vor genau 70 Jahren Nazi-Deutschland den Alliierten geschlagen gab und kapitulierte, war im heutigen Kreis Ahrweiler der Krieg schon vorbei. Nach Bombenterror und dem geplanten Rückzug der letzten versprengten Wehrmachtssoldaten kamen die Amerikaner als Besatzer - und Befreier.
Die Wirren der letzten Kriegstage im Ahrtal haben Arends und Drüeke filmisch verarbeitet und schufen mit viel Herzblut gleich zwei Filme. Der Hauptfilm „1945: Der Krieg kommt ins Ahrtal“ ist eine schauspielerische Aufarbeitung von Zeitzeugenberichten. Der zweite ist dokumentarischer Natur und zeigt Interviews mit der Bevölkerung Ahrweilers in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs.
Beide Produktionen des „Goethe 11“-Studios wurden nun abermals gezeigt. Diesmal machten die Arends und Drüeke im Bad Breisiger Kulturbahnhof Station, um ihre beiden kreativen Werke in einer doppelten Filmvorstellung dem Publikum zu präsentieren.
Die rund 45-minütige Dokumentation, in der Wolfgang Arends ein halbes Dutzend Zeitzeugen des Dritten Reiches interviewte, machte den Auftakt. Gespickt mit historischen Farbaufnahmen präsentierte der Filmschaffende eine historisch einzigartige Filmcollage. Die letzten Augenzeugen des Hitlerreiches im Ahrtal, damals noch im Kindesalter, schildern in eindrucksvollen Worten von den Tagen zwischen Weinbergen und Granattrichtern. Einer von ihnen ist Kurt Geller. Geller erlebte die bekannte „Stadt im Berg“, ein Tunnel in den Ahrweiler Weinbergen, der als Produktionsstätte der berüchtigten V2 diente, und richtete sich mit seiner Familie dort häuslich ein. Sein Elternhaus war aufgrund der drohenden Angst vor amerikanischen Bomberverbänden längst nicht mehr sicher. Ahrweiler war stark beschädigt, im Tunnel führten katastrophale hygienische Zustände zu Krankheiten wie Ruhr und „im Radio plärrte der Goebbels und sprach vom Endsieg“, schildert Geller die unwirkliche Situation. „Geglaubt hat ihm das natürlich keiner mehr“, so Geller weiter. Kein Wunder, den nichts schien weiter weg als ein siegreiches Ende des Krieges. Tage wie der 29. Januar prägten Gellers Erinnerung und ließen keinen Zweifel an der bevorstehenden Niederlage. An diesem Tag wiegten sich die Bewohner des Tunnels in Sicherheit und stiegen hinab ins zerstörte Ahrweiler, um Proviant zu sichern. Das Wetter war zu schlecht für tieffliegende Bomberangriffe und die Bürger fühlten sich sicher - ein fataler Trugschluss. Die Stadt an der Ahr wurde von einem verheerenden Flächenbombardement überzogen mit Ziel, einen deutschen Radarwagen zu zerstören. 38 Bomber waren im Einsatz und nahezu 100 Menschen verloren im Feuersturm ihr Leben, während das Ziel, der Radarwagen, bereits vor Tagen aus der Stadt abgezogen worden war.
Trotz der grauenvollen Berichte wie dem Kurt Gellers, die auch 70 Jahre nach Kriegsende noch Schaudern hervorrufen, kann von den Zeitzeugen auch Positives berichtet werden. Dies gilt besonders für die Amerikaner, welche nach Abzug der Wehrmacht das Ahrtal besetzen. Dies unterstreicht auch die Zeitzeugin Agnes Drüeke. Nachdem die anfängliche Scheu besonders vor den dunkelhäutigen Soldaten abgelegt war, erwiesen sich die GI´s als freundlich, gar hilfsbereit. Das passte gar nicht zu der Propaganda von Josef Goebbels, der bis zuletzt die US-Amerikaner als wilde, unzivilisierte Mörder bezeichnete.
Schicksale als Schauspiel
Nach dem Rückblick in die Geschichte folgte die Präsentation des eigentlichen Spielfilms „1945: Der Krieg kommt ins Ahrtal“. Das Projekt war der dritte Film den Wolfgang Arends und Jürgen Drüeke über ihre Heimat realisierten. Nachdem sich die beiden bereits mit den Themen Hexenverbrennung und mittelalterliche Kriegsfehden in und um Ahrweiler beschäftigt haben, packten sie nun das schwierige Thema des Zweiten Weltkriegs an. Dazu arbeiteten die beiden Amateur-Regisseure anhand der Zeugenberichte eine spannende Story aus. Im Kern des Geschehens steht der Unteroffizier Karl Stein, der in Ahrweiler bei seinem Heimaturlaub anhand von Zerstörungen durch Bombenangriffe seine Existenz in Trümmern sieht. Karl Stein (gespielt von Jürgen Drüeke) findet seine Ehefrau Katharina und Schwester Annie im Silberbergtunnel in den Weinbergen, welche sich dort eine neue Bleibe eingerichtet haben. Der Soldat Stein findet sich nach einer Verwundung letztlich im Rheinwiesenlager wieder; ein Gefangenenlager direkt am Rhein in Remagen, in dem Hundertschaften deutscher Soldaten inhaftiert waren. Außerdem wird in dem collagenartigen Film das Schicksal eines amerikanischen Soldaten thematisiert, welcher nach traumatischen Fronterlebnissen in die Heimat zurückkehrt. Auch die Versuche der Bevölkerung einer verfolgten jüdischen Familie Obhut zu geben spielt eine größere Rolle. Dennoch findet sich im Film der Goethe 11-Studios keine Schwarz-Weiß-Malerei. Ebenfalls werden die verzweifelten Endsieg-Fantasien von fanatischen Hitlerjungen eindrucksvoll und mahnend in Szene gesetzt.
Nahezu 150 Darsteller waren an der Produktion von „1945“ beteiligt. Die Schauspieler rekrutieren sich übrigens aus dem Freundes- oder Bekanntenkreis der Filmschaffenden oder wurden in lokalen Theatergruppen für das Projekt begeistert.
Angesichts der vielen Mühen, die sich Wolfgang Arends und Jürgen Drüeke mit ihrem Filmjuwel gemacht haben, fanden sich viele Besucher im Kulturbahnhof ein. Das ist nichts Neues: In der Region haben sich die Produzenten aus dem „Goethe 11“ Studi schon eine kleine Fanszene geschaffen. Beide Filme, Zeitzeugen-Dokumentation und „1945“ sind übrigens auch als DVD zum Beispiel in der Tourist-Information Bad Neuenahr-Ahrweiler erhältlich. ROB
Die Crew drehte mit aufwändiger Ausstattung ausschließlich an Originalschauplätzen wie hier am Ahrweiler Marktplatz. Goethe 11-Studios
