Literarische Weinprobe mit Martin Seidler
„St. Martins Ritt durch die deutsche Literatur“
Waldbreitbach. In einem besonderen Ambiente fand das Gastspiel von Martin Seidler im Rittersaal des Hotels „Zur Post“ statt, denn „Lesungen gibt es hier nicht so häufig“, betonte Hausherr Jürgen Grünwald. Dazu gab es allerlei Leckeres aus dem Weinkeller und aus der Postküche, was das Irdische mit dem inhaltlichen, dem Himmlischen verband.
Martin Seidler, der bekannte Fernsehmoderator von „Kaffee oder Tee“ bzw. der „Landesschau“, der Waldbreitbach bereits von früheren Fernsehaufnahmen kannte, fühlte sich schnell heimisch und betonte mit Blick auf das hervorragend mitgehende Publikum „eigentlich bin ich hier heute der Zuschauer und Sie sind die Künstler“.
Im Gepäck hatte er Ulrich Harbeckes Buch „Mantel, Schwert und Feder“, aus dessen Teilen er ein Hörbuch machte, welches von Peter Grabinger am Piano („Heute Abend aus meinem iPhone“) begleitet wurde.
Es sind literarische Parodien, die sich alle um die eine Handlung drehen, Sankt Martin teilt seinen Mantel mit dem armen Mann. Eine Lesung, die Seidler so seit rund vier Jahren immer in den Monaten Oktober bis Dezember gibt. Dabei sind solche Veranstaltungen sein Hobby und er hält diese ab und an auch komplett für Benefizzwecke, um so hilfsbedürftige Menschen, vor allem Kinder, zu unterstützen.
Die „himmlische“ Szenerie ist als Basis sämtlicher Parodien schnell und doch sehr vorstellbar geschildert: Deutschlands große Dichterfürsten sitzen im Himmel unter dem Vorsitz von Johann Wolfgang von Goethe zusammen und stellen fest, dass es über den Heiligen Sankt Martin zwar vielerlei Lieder gibt, er aber keinen Eingang in ihre literarischen Werke schaffte. Also wird munter improvisiert und alle kommen dabei mit ihren großen Werken zu Wort.
Sie ehren somit den Heiligen Martin als einen der populärsten Heiligen, dessen Fest mit Zügen und Gottesdiensten stets besonders gefeiert wird, auf dessen Namen viele getauft sind und zu dessen Ehren unzählige Gänse verzehrt werden.
Nun schreiten sie also zu Werk: Goethe, Heine, Fontane, Schiller, Brecht, Schubert, Morgenstern, Busch, Möricke, Hesse und viele mehr und geben ihren bekanntesten Werken neue Inhalte, alle eben mit der größten Darstellung der europäischen Kunst, der bekannten Mantelteilung. So entsteht eine bunte Abwechslung höchster Literatur, jeweils passend musikalisch unterlegt.
Aber auch das Publikum ist gefordert, wenn es zunächst jeweils darum geht, den „Erlkönig“ im Original aufzusagen, „Am Brunnen vor dem Tore“ oder das „Heideröslein“ zu singen, bevor dann die neu auferlegten Texte passgenau vom Protagonisten vorgetragen werden. „Dies alles unter einen Mantel zu kriegen, das schafft nur Ulrich Harbecke“, betont Seidler, stets darauf hinweisend, dass er nur Lektor ist und nicht Urheber dieser schönen neuen Werke.
Alle Dichter haben dabei internationale Namen, „denn Englisch ist wohl auch im Himmel die vorherrschende Sprache“, aus Erich Kästner wird so „Eric in the box“ oder „Bert Broken“ ist Berthold Brecht. Eine ausdrucksstarke Leistung Seidlers und ein hervorragendes Publikum ergänzen sich an diesem Abend und zeigen, dass auch Lesungen durchaus einen Platz im Kleinkunstprogramm der „Post“ finden können … - feddisch!
