Stadtverwaltung Bad Neuenahr
400.000er-Marke wird bald geknackt
Informationsabend zu 50 Jahre Bunkergeschichte lockte rund 100 Besucher, Buch „Plan B“ veröffentlicht
Bad Neuenahr. Fußball oder Zeitgeschichte? Diese Frage war für rund 100 Besucher des Informationsabends zum kürzlich vorgestellten Buch „Plan B. - Bonn, Berlin und ihre Regierungsbunker. Ein Ost-West-Dialog“ und einer Zeitreise durch 50 Jahre Bunkergeschichte von der ersten Betonladung bis zur Einrichtung der Doku-Stätte im Großen Sitzungssaal der Stadtverwaltung Bad Neuenahr schnell beantwortet. Sie lauschten interessiert den Worten der beiden Buchautoren Michaela Karle und Jörg Diester zur Geschichte des einstigen Staatsgeheimnisses Nummer 1. Offiziell vorgestellt wurde das Buch „Plan B.“ bereits vor einigen Wochen an Ort und Stelle in der Dokumentationsstätte Regierungsbunker. Und schon damals war das Interesse an den Rechercheergebnissen der Politologin Karle und des Journalisten Diester groß. Wenig anders an diesem Abend. Seit über einem halben Jahrhundert schreibt das Betonmonstrum Geschichte. Für den Fall des atomaren Schlagabtausches zwischen Ost und West in den Jahren des Kalten Krieges gebaut, galt der Bunker als Staatsgeheimnis, von dem möglichst wenig an die Öffentlichkeit gelangen sollte. Der Kalte Krieg zwischen Rebstöcken und Rucksacktouristen - er war weit mehr präsent, als viele ahnten. Omnipräsent war die DDR-Aufklärung, die die Straßen des Ahrtals lange Zeit bevölkerte, um das bundesdeutsche Staatsgeheimnis auszukundschaften. Auch mit der Auflösung der Dienststelle Marienthal im Jahr 1998 und dem schrittweisen Zurückbau ab 2001 ist die Geschichte des Regierungsbunkers nicht beendet. Ein Museum in Erinnerung an den Kalten Krieg? Vor fünf Jahren war das ein Wagnis, das nicht wenige Kritiker auf den Plan gerufen hatte. „Dann stand ich da mit meinem Bunkermuseum, das keiner haben wollte“, sagte damals Florian Mausbach, Präsident der Bundesbaudirektion. Zusammen mit Landrat Jürgen Pföhler setzte er sich für den Erhalt eines kleinen Teilbereiches des einst riesigen Atomschutzbunkers ein - doch niemand wollte sich diesem Vorhaben anschließen. Gut, dass es den Heimatverein Alt-Ahrweiler gab, der kurzerhand einsprang und seitdem als Träger des Bunkermuseums einen maßgeblichen Anteil an der Erfolgsgeschichte besitzt. In Zahlen wird der Erfolg deutlich: Als Dr. Wilbert Herschbach 2005 die Verträge zum Bunkermuseum unterschrieb, schätzte man die Besucherzahl in der Woche auf 50. Im Jahr wären das dann im Gesamten 2.000 Besucher gewesen, tatsächlich kommen Jahr für Jahr rund 80.000. Und eigentlich sollte das Museum auch nur alle zwei Wochen für zwei bis drei Stunden geöffnet werden. „Wir haben das Interesse der Leute einfach zu gering eingeschätzt“, sagte der Vorsitzende Herschbach im gut besuchten großen Sitzungssaal, der damals mit einer Handvoll Mitarbeitern begonnen hatte und heute mit 60 am Start ist. Im Mai erwartet man nun den 400.000. Besucher. Apropos Besucher: Das waren bislang nicht nur Schulklassen und Touristen. Vom ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler, Ex-Landesvater Kurt Beck über den russischen Staatsbauminister und einer chinesischen Delegation haben schon viele prominente Gäste den Weg zur Zeitreise in die Weinberge gefunden. Im Gästebuch schrieb jemand: „Aus dem Gestern lernen, um das Morgen planen zu können.“ Nicht nur weise Wort, sondern gleichzeitig das Motto des Museums. Nach den Ausführungen zur fünfjährigen Museumsgeschichte von Wilbert Herschbach gingen die beiden Buch-Autoren Michaela Karle und Jörg Diester in ihrem Vortrag auf ihre jüngste Bearbeitung von Staatsgeheimnissen in Ost und West ein, garniert mit vielen Fotos aus den 1960er bis 1990er Jahren, die das Ahrtal zeigen und in Ost- wie Westarchiven als „Verschlusssache“ eingelagert waren. In mühevoller Arbeit hatten sie stapelweise Akten über Bunkerbau und Übungen durchgearbeitet und manch interessante Erkenntnisse zum Vorschein bringen können. Wenig überraschend scheint dabei die Tatsache, dass die DDR-Spionage besser über den ehemaligen Eisenbahntunnel Bescheid wusste als die „Bunker-Anrainer“ im Ahrtal. Fraglich ist auch, ob die Brisanz der politischen Lage beiderseits des Eisernen Vorhanges vielen überhaupt bekannt war. Gleiches gilt für andere Bunker-Mythen: So wie der vermeintliche geheime unterirdische Verbindungsgang zwischen dem Bonner Regierungsviertel und dem Ahrbunker, der im Visier der DDR-Spionage war und über einen Aktenfund 2011 beschrieben wird, oder die bislang unzugänglichen „Drehbücher“ der NATO zur Übung 1979 im Bunker, detailliert Auskunft geben, wo es beim Atomkrieg klemmt. Wie der erste Spionageverdächtige (aus Dernau) den Sicherheitsverantwortlichen des Bundes auffällt, wie man ihn heimlich beschattet und welche „hochbrisanten“ Ergebnisse zusammengetragen werden - das alles sind ebenso Themen im Buch „Plan B.“ wie die größten Pannen der DDR-Spionage um den Regierungsbunker. Zur Bunkergeschichte gehört letztlich auch, dass er nie wirklich genutzt wurde - lediglich im Rahmen der Wintex/Cimees-Übungen, als festgestellt wurde, dass die Bundesrepublik im Falle eines Atomkrieges nicht gut ausgesehen hätte. Für die Autoren Karle und Diester steht fest: Aus heutiger Sicht war der Abriss der Bunkeranlage ein schwerwiegender Fehler, geht es doch darum Geschichte zu erhalten und künftigen Generationen zu vermitteln. Und so finden sich auch kritische Stimmen in ihrem Buch. Übrigens: Fußball und Zeitgeschichte ließen sich dann doch noch vereinen, denn pünktlich zum Anpfiff war die Veranstaltung beendet.
