-Unwiederbringlich verloren -
Adieu Bahnerhäuschen!
Die Bürgereinitiative „Lebenswerte Stadt“ bedauert den Abriss eines weiteren Hauses in Bad Neuenahr-Ahrweiler
Die Bauprojekte auf der Wilhelmstraße, gegenüber dem Ahrweiler Bahnhof und der Aldifiliale haben die Gemüter seit Montagen erhitzt. Nun fällt auch der schmucke Altbau der Abrissbirne zum Opfer. Auf seinem Gelände wurde bereits ein äußerst modernes Anwesen errichtet. Ein Nachruf der Bürgerinitiative „Lebenswerte Stadt“.
Bad Neuenahr-Ahrweiler. Einmal mehr muss die Bürgerinitiative ein Bild auf ihrem virtuellen „Friedhof“ auf der Homepage www.lebenswertestadt.jimdo.de einstellen. Das Haus Wilhelmstraße 49 wird in den kommenden Tagen abgerissen.
Die Geschichte des Hauses
Vis á vis des Ahrweiler Bahnhofs sollten mittlere Beamte der Königlich Preußischen Eisenbahnverwaltung ein repräsentables Domizil erhalten. Hierfür griff die Verwaltung in Köln auf Entwürfe zurück, die sich dem bis in die Jahrhundertwende sehr beliebten Heimatstil verschreiben. Dieser Stil romantisiert das Landleben und zitiert in seiner Architektur gerne vermeintlich ländliche Bauelemente. Besonders beliebt ist anfangs (2. Hälfte des 19. Jahrhunderts) das Tiroler oder Schweizer Bauernhaus, bald werden auch andere landschaftstypische Baumerkmale berücksichtigt und der Heimatstil verwurzelt sich somit in den unterschiedlichen Regionen. Gemeinsam ist ihm aber, dass man sehr gerne auf Fachwerk und andere hölzerne Elemente zurückgreift, auf Schnitzereien und Laubsägearbeiten, Buckelsteine und Sichtsteinverkleidungen, Fensterläden, auffällige Dachlandschaften, Erker und Türmchen. Dabei spielt die Größe der Häuser keine Rolle. Einfamilienhäuser, Villen, Wohnkomplexe oder Siedlungen - der Heimatstil prägt alsbald alle Haustypen.
Ein Blick zurück
Bis heute sind viele Kleinode von respektabler architektonischer Qualität im ganzen deutschsprachigen Raum zu bewundern. Werfen diese Häuser äußerlich eher ein Blick zurück in die lokale Baugeschichte, sind sie zumeist doch im Innern den neusten Errungenschaften modernen Wohnkomforts verpflichtet. Der Stil hält sich recht lange - bald beeinflusst er auch den Hotelbau, er vermittelt etwas Bodenständiges, Lokales, und die Gestaltung von Kurorten, er nimmt dem Medizinischen den Schrecken und gilt zugleich doch als modern. Auch die Bahn, durch und durch technische Errungenschaft, baut modern! Viele Bahnhöfe zitieren den Heimatstil und wie in diesem Fall auch die Personalhäuser.
Entwürfe von 1906
Die Bauanträge für die Wilhelmstraße 49 werden 1912 vorgelegt.
Das Haus bietet Platz für zwei Wohnungen á drei „Stuben“ und einer großzügig bemessenen Wohnküche. Hinter der liegt die Toilette, sie ist jeweils über die seitliche Veranda zu erreichen. Zu den Wohnungen gehören auch je ein Kellerraum und eine Kammer auf dem Speicher. Zusätzlich liegen im Treppenhaus, zur Wilhelmstraße hin und seitlich der Haustür, eine sogenannte Schreibstube, sowie ein weiterer Raum im Geschoss darüber. Die Entwürfe sind mit 1906 datiert. Da klingt der Heimatstil eigentlich schon langsam aus und gilt als altbacken. Vielleicht ist das der Grund, warum die Stadt Ahrweiler bittet, die Entwürfe zu überarbeiten. Und tatsächlich erhält die Fassade daraufhin ein moderneres Gesicht. Die Sichtbausteinelemente schrumpfen. Die Dachlandschaft wird gestrafft, Rundbogenfenster werden eckig. Ein zweites Haus, das spiegelbildlich westlich angebaut werden sollte, wird nicht realisiert.
Bedauern und Unverständnis
Die Bürgerinitiative bedauert einmal mehr, dass wieder ein durchaus erhaltenswertes Haus abgerissen wird. Auch, dass neue Bebauung nicht auf das Vorhandene Rücksicht nimmt, es auf moderne Weise zitiert, es integriert, es einbezieht. Und damit steht die BI nicht alleine da, wie Gespräche am Rande und E-mail-Wechsel auf facebook zeigen.
Wertschätzung der Geschichte
Die Rubrik „Gebäude in Not - verloren“, in der nun auch ein Foto dieses Hauses eingestellt ist, listet Bauten der Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler auf, die bereits abgerissen sind, oder deren Abriss bevorsteht. Ziel der Bürgerinitiative ist es keineswegs, jede „Hütte“ zu erhalten, jedoch mit Rücksicht und Wertschätzung der Geschichte eine Stadt zu gestalten. Der Erhalt wertvoller Häuser und Fassaden sollte dabei Vorrang haben - so wie es andere Städte bereits vormachen.
Für die hiesige Baukultur sensibilisieren
Die Bürgerinitiative „Lebenswerte Stadt“ entstand im vergangenen Sommer und möchte interessierte Bürger auf unterschiedliche Weise für den Reichtum der hiesigen Baukultur sensibilisieren. Informationen und Termine finden sich auf der oben zitierten Homepage.
Pressemitteilung der
Bürgerinitiative
„Lebenswerte Stadt“
