Mit dem Rollstuhl unterwegs durch Ahrweiler
Das holprige Pflaster tut im Rücken weh
Trotz einiger Kritikpunkte sieht Gabi Gummersbach auch Positives und gibt Anregungen zu mehr Barrierefreiheit
Ahrweiler. Seit 15 Jahren ist Gabi Gummersbach im Rollstuhl unterwegs, inzwischen in Ahrweiler. Und sie fühlt sich wohl in ihrer neuen Heimat, spricht von den Huten, als sei sie hier geboren, klingt wie eine Einheimische. Denn sie setzt sich auseinander mit der Stadt und vor allem auch mit der Barrierefreiheit im historischen Zentrum. „Wenn ich auf dem - zugegebenermaßen schönen - Pferdepflaster unterwegs bin, tut mir anschließend der Rücken weh, so sehr werde ich durchgeschüttelt. Dieser unebene Untergrund macht nicht nur Rollstuhlfahrern und Gehbehinderten erhebliche Probleme. Sehen Sie doch die Kinderwagen und auch die Frauen mit ihren spitzen Absätzen, sie alle stolpern mehr schlecht als recht durch die Fußgängerzone. Da sollte die Stadt etwas nachbessern, vor allem Richtung Ahrtor.“ Dass die 44-jährige Diplom-Ingenieurin trotz der Stolperstrecke noch halbwegs klarkommt, liegt an dem Elektrorollstuhl, mit dem sie in der Stadt unterwegs istd. Dicke, mit Luft gefüllte Gummireifen federn die Huckel noch etwas ab, erleichtern auch das „Entern“ der abgeflachten Bordsteine: „Da haben die Rollatoren und Rollstühle mit den kleinen Fronträdern schon erhebliche Schwierigkeiten.“
Zugang zu Geschäften erfordert Erfindungsreichtum
So manches Geschäft bleibt für die selbstbewusste Frau unbegehbar. Doch sie ist findig, wenn sie wegen hoher Stufen draußen bleiben muss. Den schweren Rollstuhl mit Akku und Motor kann niemand so einfach irgendwo hereintragen. „Wenn ich zum Beispiel in meinen Handyladen muss, rufe ich vorher an. Der Besitzer kommt raus, zeigt mir vor der Tür seine Geräte und verhandelt dort mit mir. Geht es dann um den Preis, fahre ich mit ihm auch schon mal ein wenig zur Seite, damit uns keiner hört.“ Ihre Augen lachen, wenn sie solche Geschichten erzählt. Sportlich bis in die Haarspitzen war sie vor 18 Jahren, als sie von einem Moment zum anderen an Multipler Sklerose (MS) erkrankte. Vier Monate lag sie bewegungslos im Bett, erst dann konnte sie langsam wieder einzelne Finger, später eine Hand bewegen. Nun ist die gläubige Christin sehr dankbar, dass sie seit einigen Monaten große Fortschritte macht. Ihr Traum ist es, möglichst schnell wieder den Rollstuhl verlassen zu können. Einen Zeitpunkt kennt sie nicht, doch sie weiß, dass dieser Tag kommt. „Das gibt mir Kraft“, sagt sie. Morgens vor dem Frühstück beginnt der Tag mit einer Runde Krafttraining, und bis zum Abend ist sie aktiv.
Wirt des Lieblingscafés hält individuelle Lösung bereit
Durch die Krankheit hat sich ihr Leben grundsätzlich geändert. Der Job weg, die sozialen Kontakte weg: „Meine Freunde konnten mit MS nicht umgehen. Inzwischen habe ich neue, wahrscheinlich echtere, bessere. Ich freue mich an Kleinigkeiten, zum Beispiel an einer aufblühenden Blume, an einem netten Wort, einer freundlichen Geste.“ Davon braucht ein Rollstuhlfahrer auch einige, wie wir bei dem Rundgang sehen. In ihrem Lieblingscafé holt der Wirt sofort zwei Rampen, als er uns nur von Weitem sieht. So können wir uns drinnen bei einem Kakao aufwärmen. Ohne die Rampen hätte Gabi Gummersbach draußen Platz nehmen müssen, bei Temperaturen unter Null und Bewegungslosigkeit kein Zuckerschlecken.
Friedhof am Ahrtor ist nur bei gutem Wetter barierefrei
Der Friedhof am Ahrtor ist zwar auf den ersten Blick barrierefrei, treppenlos kommt man an alle Grabstätten. Doch Rollatoren oder Hand-Rollstühle versinken bei schlechtem Wetter im Matsch. „So stark ist kaum jemand, der dann durchkommt. Also trauern die Angehörigen am Grab, die Behinderten müssen am Eingang warten.“ Die erwerbslose Diplom-Ingenieurin ist kunstinteressiert und würde gerne Ausstellung im weißen Turm besuchen, Lesungen im Bürgerzentrum. Dort erreicht man lediglich das Erdgeschoss mit dem Rolli, in dem Museum ist der Behinderten-Fahrstuhl am Gebäude schon seit langer Zeit außer Betrieb: Zugang nur für Gesunde. Das gilt auch fürs Alte Zunfthaus, keine Rampe, kein Fahrstuhl. Die Post ist zwar barrierefrei, doch der Bordstein dort sehr hoch: „Wenn man vom schmalen Weg abkommt, stürzt man sofort sehr tief. Das ist sehr gefährlich.“ Schwere Unfälle gebe es immer wieder auf der Wilhelmstraße vor der Niederhut, dort müsse ein dritter Zebrastreifen hin. „Wir Rollstuhlfahrer sind so ‚groß‘ wie Kinder, werden entsprechend schlecht wahrgenommen.“ Beim Rundgang stellt der Nicht-Behinderte fest, dass die Behinderten gerade dort nicht gesehen werden, wo Autos an Übergängen parken.
Wo ein „normaler“ Spaziergänger locker entlangmarschiert, steht der Rolli-Fahrer wie vor einer Barriere: „Wir müssen alles genau strukturieren. Einkaufen dort, wo wir hinkommen oder man uns hilft. Das heißt auch: Wo ist der Bordstein passierbar, wo die Rampe nicht zu steil, wo sind Fahrstuhl oder ein barrierefreier Hintereingang?“
Waren des täglichen Bedarfs in der Innenstadt kaum erhältlich
Ein großes Manko sieht sie im Ahrweiler Branchenmix. In ihrer Umgebung mitten im Ortskern vermisst sie die Lebensmittelversorgung, nur noch sehr wenige Geschäfte hätten Waren des täglichen Bedarfs. Für Touristen ja, für Einheimische kaum noch. Postkarten, Wanderführer und Ahrwein, aber immer weniger Eier, Gemüse oder Fleisch. „Spontan mal schnell in dieses Restaurant oder zu jenem Arzt, das kann man sich abschminken“, hat die Rollstuhlfahrerin erfahren müssen. Doch trotz der Kritik an manchen Schwachstellen in Ahrweiler ist Gabi Gummersbach glücklich, innerhalb dieser Stadtmauern zu wohnen: „Viele Dinge werden besser. Für Behinderte wird mehr getan, das Bewusstsein hat sich gewandelt. Und die Nicht-Behinderten kommen auf uns zu, wenn sie helfen können. Manchmal ist das zu viel, denn wir können ja etliche Dinge auch allein. Aber ich habe auch kein Problem, jemanden um Hilfe zu bitten. Und die habe ich bisher dann auch immer bekommen.“
Gefährlich hoch ist die Stufe am schmalen Gehweh vor der Post: Gabi Gummersbach fährt sehr vorsichtig und muss zum abgeflachten Stück einen Umweg machen.
Am Rand der Straßen kann Gabi Gummersbach ohne Probleme entlangfahren, auf dem Pflaster in der Mitte wird es deutlich schwieriger.
