Allgemeine Berichte | 15.04.2013

Mit dem Rollstuhl unterwegs durch Ahrweiler

Das holprige Pflaster tut im Rücken weh

Trotz einiger Kritikpunkte sieht Gabi Gummersbach auch Positives und gibt Anregungen zu mehr Barrierefreiheit

Mit vereinten Kräften und auf zusammenklappbaren Rampen wird der Rollstuhl ins Lieblingscafé geschoben. WM

Ahrweiler. Seit 15 Jahren ist Gabi Gummersbach im Rollstuhl unterwegs, inzwischen in Ahrweiler. Und sie fühlt sich wohl in ihrer neuen Heimat, spricht von den Huten, als sei sie hier geboren, klingt wie eine Einheimische. Denn sie setzt sich auseinander mit der Stadt und vor allem auch mit der Barrierefreiheit im historischen Zentrum. „Wenn ich auf dem - zugegebenermaßen schönen - Pferdepflaster unterwegs bin, tut mir anschließend der Rücken weh, so sehr werde ich durchgeschüttelt. Dieser unebene Untergrund macht nicht nur Rollstuhlfahrern und Gehbehinderten erhebliche Probleme. Sehen Sie doch die Kinderwagen und auch die Frauen mit ihren spitzen Absätzen, sie alle stolpern mehr schlecht als recht durch die Fußgängerzone. Da sollte die Stadt etwas nachbessern, vor allem Richtung Ahrtor.“ Dass die 44-jährige Diplom-Ingenieurin trotz der Stolperstrecke noch halbwegs klarkommt, liegt an dem Elektrorollstuhl, mit dem sie in der Stadt unterwegs istd. Dicke, mit Luft gefüllte Gummireifen federn die Huckel noch etwas ab, erleichtern auch das „Entern“ der abgeflachten Bordsteine: „Da haben die Rollatoren und Rollstühle mit den kleinen Fronträdern schon erhebliche Schwierigkeiten.“

Zugang zu Geschäften erfordert Erfindungsreichtum

So manches Geschäft bleibt für die selbstbewusste Frau unbegehbar. Doch sie ist findig, wenn sie wegen hoher Stufen draußen bleiben muss. Den schweren Rollstuhl mit Akku und Motor kann niemand so einfach irgendwo hereintragen. „Wenn ich zum Beispiel in meinen Handyladen muss, rufe ich vorher an. Der Besitzer kommt raus, zeigt mir vor der Tür seine Geräte und verhandelt dort mit mir. Geht es dann um den Preis, fahre ich mit ihm auch schon mal ein wenig zur Seite, damit uns keiner hört.“ Ihre Augen lachen, wenn sie solche Geschichten erzählt. Sportlich bis in die Haarspitzen war sie vor 18 Jahren, als sie von einem Moment zum anderen an Multipler Sklerose (MS) erkrankte. Vier Monate lag sie bewegungslos im Bett, erst dann konnte sie langsam wieder einzelne Finger, später eine Hand bewegen. Nun ist die gläubige Christin sehr dankbar, dass sie seit einigen Monaten große Fortschritte macht. Ihr Traum ist es, möglichst schnell wieder den Rollstuhl verlassen zu können. Einen Zeitpunkt kennt sie nicht, doch sie weiß, dass dieser Tag kommt. „Das gibt mir Kraft“, sagt sie. Morgens vor dem Frühstück beginnt der Tag mit einer Runde Krafttraining, und bis zum Abend ist sie aktiv.

Wirt des Lieblingscafés hält individuelle Lösung bereit

Durch die Krankheit hat sich ihr Leben grundsätzlich geändert. Der Job weg, die sozialen Kontakte weg: „Meine Freunde konnten mit MS nicht umgehen. Inzwischen habe ich neue, wahrscheinlich echtere, bessere. Ich freue mich an Kleinigkeiten, zum Beispiel an einer aufblühenden Blume, an einem netten Wort, einer freundlichen Geste.“ Davon braucht ein Rollstuhlfahrer auch einige, wie wir bei dem Rundgang sehen. In ihrem Lieblingscafé holt der Wirt sofort zwei Rampen, als er uns nur von Weitem sieht. So können wir uns drinnen bei einem Kakao aufwärmen. Ohne die Rampen hätte Gabi Gummersbach draußen Platz nehmen müssen, bei Temperaturen unter Null und Bewegungslosigkeit kein Zuckerschlecken.

Friedhof am Ahrtor ist nur bei gutem Wetter barierefrei

Der Friedhof am Ahrtor ist zwar auf den ersten Blick barrierefrei, treppenlos kommt man an alle Grabstätten. Doch Rollatoren oder Hand-Rollstühle versinken bei schlechtem Wetter im Matsch. „So stark ist kaum jemand, der dann durchkommt. Also trauern die Angehörigen am Grab, die Behinderten müssen am Eingang warten.“ Die erwerbslose Diplom-Ingenieurin ist kunstinteressiert und würde gerne Ausstellung im weißen Turm besuchen, Lesungen im Bürgerzentrum. Dort erreicht man lediglich das Erdgeschoss mit dem Rolli, in dem Museum ist der Behinderten-Fahrstuhl am Gebäude schon seit langer Zeit außer Betrieb: Zugang nur für Gesunde. Das gilt auch fürs Alte Zunfthaus, keine Rampe, kein Fahrstuhl. Die Post ist zwar barrierefrei, doch der Bordstein dort sehr hoch: „Wenn man vom schmalen Weg abkommt, stürzt man sofort sehr tief. Das ist sehr gefährlich.“ Schwere Unfälle gebe es immer wieder auf der Wilhelmstraße vor der Niederhut, dort müsse ein dritter Zebrastreifen hin. „Wir Rollstuhlfahrer sind so ‚groß‘ wie Kinder, werden entsprechend schlecht wahrgenommen.“ Beim Rundgang stellt der Nicht-Behinderte fest, dass die Behinderten gerade dort nicht gesehen werden, wo Autos an Übergängen parken.

Wo ein „normaler“ Spaziergänger locker entlangmarschiert, steht der Rolli-Fahrer wie vor einer Barriere: „Wir müssen alles genau strukturieren. Einkaufen dort, wo wir hinkommen oder man uns hilft. Das heißt auch: Wo ist der Bordstein passierbar, wo die Rampe nicht zu steil, wo sind Fahrstuhl oder ein barrierefreier Hintereingang?“

Waren des täglichen Bedarfs in der Innenstadt kaum erhältlich

Ein großes Manko sieht sie im Ahrweiler Branchenmix. In ihrer Umgebung mitten im Ortskern vermisst sie die Lebensmittelversorgung, nur noch sehr wenige Geschäfte hätten Waren des täglichen Bedarfs. Für Touristen ja, für Einheimische kaum noch. Postkarten, Wanderführer und Ahrwein, aber immer weniger Eier, Gemüse oder Fleisch. „Spontan mal schnell in dieses Restaurant oder zu jenem Arzt, das kann man sich abschminken“, hat die Rollstuhlfahrerin erfahren müssen. Doch trotz der Kritik an manchen Schwachstellen in Ahrweiler ist Gabi Gummersbach glücklich, innerhalb dieser Stadtmauern zu wohnen: „Viele Dinge werden besser. Für Behinderte wird mehr getan, das Bewusstsein hat sich gewandelt. Und die Nicht-Behinderten kommen auf uns zu, wenn sie helfen können. Manchmal ist das zu viel, denn wir können ja etliche Dinge auch allein. Aber ich habe auch kein Problem, jemanden um Hilfe zu bitten. Und die habe ich bisher dann auch immer bekommen.“

Gefährlich hoch ist die Stufe am schmalen Gehweh vor der Post: Gabi Gummersbach fährt sehr vorsichtig und muss zum abgeflachten Stück einen Umweg machen.

Gefährlich hoch ist die Stufe am schmalen Gehweh vor der Post: Gabi Gummersbach fährt sehr vorsichtig und muss zum abgeflachten Stück einen Umweg machen.

Am Rand der Straßen kann Gabi Gummersbach ohne Probleme entlangfahren, auf dem Pflaster in der Mitte wird es deutlich schwieriger.

Am Rand der Straßen kann Gabi Gummersbach ohne Probleme entlangfahren, auf dem Pflaster in der Mitte wird es deutlich schwieriger.

Mit vereinten Kräften und auf zusammenklappbaren Rampen wird der Rollstuhl ins Lieblingscafé geschoben. Fotos: WM

Artikel melden

? Vielen Dank! Ihre Meldung wurde erfolgreich versendet.
? Es gab einen Fehler beim Versenden. Bitte versuchen Sie es später erneut.
Kommentare
Bildergalerien
Neueste Artikel-Kommentare
  • Roman Bermel: Hallo Julia. Du hast vollkommen recht. Ich habe lange bei euch gearbeitet und bin auch heute noch in der Grundschule unterstützend tätig. Ich kann nicht feststellen, dass weniger Unterstützung notwendig ist, eher das Gegenteil ist der Fall.
  • Andi-RLP: Hallo Herr oder Frau Bastian, Sie haben Recht, die Kommentarantwort von mir war falsch ausgedrückt. Das Wort "vertrauensvoll" steht natürlich im Bericht. Jedoch habe nicht ich den vertrauensvollen Abstimmungsprozess...
  • S. Bastian: Herr Winkelmann, Sie werden doch ihren eigenen Artikel kennen. Zitat: "Verbandsbürgermeister Jan Ermtraud machte in einer Rede deutlich, dass die Maßnahmenliste einerseits das Ergebnis eines vertrauensvollen...
  • Andreas Winkelmann: Hallo Frau Roth, von "vertrauensvoll" steht nichts im Bericht. Und die veränderte Maßnahmenreihenfolge ist ausdrücklich erwähnt. Gleich zu Anfang ist auf die dem Ratsinformationssystem zu entnehmenden Details verwiesen, wo u..a.
  • Elke Zeise: Nur Schade das man als Nachbarin keine Information bekommt ob der Täter noch in U Haft ist oder wieder auf freiem Fuß ist. Habe Angst die Wohnung zu verlassen
Heizölanzeige
Gesundheit im Blick
Erzieher
Minijob
Biker Segnung
Verwaltung Immobilien
Anzeigenauftrag #PR106350-2026-0253#
Shopping Genuss Abend Ahrweiler / o.B. Sponsoring
125 Jahre Kaufhaus Moses in Bad Neuenahr
Empfohlene Artikel
Unter stehendem Applaus wurde Richard Stahl gewürdigt und verabschiedet.
34

Lantershofen. Nach fast 24 Jahren im Dienst des Caritasverbandes Rhein-Mosel-Ahr e. V. wurde Richard Stahl am 24. April in den Ruhestand verabschiedet. Im Anschluss an einen gemeinsamen Wortgottesdienst in der Kirche Lantershofen, geleitet von Domkapitular Benedikt Welter, fand im dortigen Winzerverein die anschließende Feierstunde statt.

Weiterlesen

Weitere Artikel
Nadine Kreuser.  Foto: privat
46

In Ahrweiler gehört es fest dazu: das Maibaumstellen. Gemeinsam werden die großen geschmückten Bäume aufgerichtet – mit viel Vorbereitung, Muskelkraft und Gemeinschaftssinn. Gleichzeitig sieht man in diesen Tagen vor vielen Häusern kleinere Maibäume stehen. Sie werden meist ganz persönlich aufgestellt: als Zeichen der Zuneigung, der Verbundenheit oder einfach, um einem Menschen zu zeigen: Ich denke an dich.

Weiterlesen

Symbolbild.
42

Pkw touchiert Kind an einer Bushaltestelle

21.04.:Kind bei Unfall in Marienfels verletzt

Marienfels. Am Dienstag, dem 21. April 2026, kam es gegen 16:30 Uhr in der Römerstraße in Marienfels zu einem Verkehrsunfall an einer Bushaltestelle. Ein Kind wurde von einem vorbeifahrenden PKW leicht touchiert und erlitt dabei leichte Verletzungen.

Weiterlesen

Daueranzeige 2026
Anzeige Sonderpreis wie vereinbart
Gesundheit im Blick
Titelanzeige
125 Jahre Kaufhaus Moses in Bad Neuenahr
Maifest in Gönnersdorf
Anzeigenauftrag #PR106350-2026-0253#
Anzeigenauftrag #PR106350-2026-0253#
Innovatives rund um Andernach
Tank leer?
125 Jahre Kaufhaus Moses in Bad Neuenahr
Innovatives rund um Andernach
SB Wahlen
Anzeige KW 17
125 Jahre Kaufhaus Moses in Bad Neuenahr