Allgemeine Berichte | 05.02.2013

Der Theo-Philosoph

Komödie über Theo Lingen mit vielen ernsten Momenten - Ilja Richter bestach mit verblüffender Ähnlichkeit

Dass hinter der Lebensgeschichte eines Komikers auch vieles steckt, was gar nicht komisch ist, bewies die Aufführung im Augustinum. FIX

Bad Neuenahr. Das Gastspiel der Stuttgarter Komödie im Marquardt am vergangenen Dienstagabend im Augustinum war etwas Besonderes. Zum Ersten war es für „Theo Lingen - Komiker aus Versehen“ die Derniere, also die letzte Vorstellung. Das verriet Kulturchefin Corinna Rossmy den zahlreichen Besuchern im Theatersaal erst nach dem Schlussapplaus, quasi im Hinausgehen. Zum Zweiten, weil es sich bei dem Stück über einen der populärsten Schauspieler des komischen Fachs eher um eine musikalische Lebensgeschichte mit viel Tiefgang handelte, als um ein Lustspiel. Zum Dritten schließlich, weil mit Ilja Richter jemand die Titelrolle verkörperte, der in jungen Jahren mit Lingen einige Filme gedreht hat, ihn also persönlich kannte. Um sich Theo Lingen zu nähern, bedient sich Tilmann von Blomberg eines Tricks: Ein Autor sitzt an einem Stück über Lingen mit dem Titel „Theo Lingen - Komiker aus Leidenschaft.“ In der Nacht vor der geplanten Premiere hängt er fest, will schon alles absagen, da erscheint ihm plötzlich Lingen selbst, verkörpert von Ilja Richter, der dem Original äußerlich verblüffend ähnlich sieht. Nun werden die Stationen des Künstlers nacherzählt. Gideon Rapp verkörpert den jungen Lingen, der nur deshalb ans Theater geht, weil dort in Inflationszeiten mit Blutwurst statt mit wertlosen Scheinen bezahlt wird, herausragend. In Gestik, Mimik und Stimme nähert er sich dem Original lebensecht, man nimmt ihm den jungen Schauspieler, der eher zufällig zum humoristischen Darsteller wird, jederzeit ab. Denn anfangs will er ein „richtiger Schauspieler“ sein, doch der Erfolg bleibt aus. Eine Kleinstrolle in „Gräfin Mariza“ macht ihn zum Komiker - und fortan befindet er sich in einem Zwiespalt: Um erfolgreich zu sein, und das will er, muss er heiter sein. Dabei möchte er viel lieber ernste Stücke spielen. Lingen trifft Marianne Brecht (Katherina Lange), zehn Jahre älter als er und Ehefrau von Bert Brecht. Er heiratet sie 1928. In der aufkommenden Nazidiktatur stellt er sich, seine Popularität nutzend, schützend vor seine Frau, die Halbjüdin ist und vor seine angeheiratete Familie. Die Szene, in der er Goebbels besucht, um wegen der Verhaftung seiner Schwiegermutter zu intervenieren, ist von gespenstischer Dichte. Auch wenn gezeigt wird, wie Lingen in Kriegszeiten unbeschwerte Unterhaltung präsentiert, während hinter ihm die Bomben fallen, wirkt das unglaublich beklemmend. Doch die vielen musikalischen Einlagen, die Daniel Große Boymann, der den Autor spielt, gekonnt am Flügel begleitet, machen das eigentlich so ernste Stück wieder heiter. Da gibt es Couplets und Schüttelreime, da wird getanzt und ein wenig Slapstick gemacht. Hier ist Richter, der alle Songtexte verfasst hat, erkennbar in seinem Element, agiert fast wie in Disco-Zeiten. Dennoch gelingt es ihm und dem Ensemble immer, die Balance zu halten, dem Original mit der steifen Körperhaltung, dem typischen nasalen Akzent und der lange vor Hape Kerkeling eingesetzten Schnapp-Atmung würdig gerecht zu werden. Gerecht war das Künstler-Leben denn auch letztlich zu Franz Theodor Schmitz, dem Juristensohn, der sich nach dem Geburtsort seiner Eltern Lingen nannte. Er spielte im Winter als angesehener Burgschauspieler in Wien, im Sommer drehte er Filmklamotten am Wörthersee. „Raten Sie mal, womit ich mehr Geld verdiene“, fragte er einst Rudi Carrell. Der Theo war eben auch ein Philosoph.

SCHÜ

Dass hinter der Lebensgeschichte eines Komikers auch vieles steckt, was gar nicht komisch ist, bewies die Aufführung im Augustinum. Foto: FIX

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