Demografischer Wandel als Herausforderung
„Ein Kompromiss für Behinderte und Nichtbehinderte“
Bürgermeister Guido Orthen spricht über die Bemühungen um ein barrierefreies Bad Neuenahr
Bad Neuenahr-Ahrweiler. „Es ist eine Gratwanderung. Auf der einen Seite versuchen wir, unsere Stadt möglichst barrierefrei zu gestalten. Auf der anderen Seite stehen die Interessen der Geschäftsleute und der Spaziergänger. Oft stoßen wir aus baulichen Gründen an Grenzen der Planung. Aber wir wollen Hindernisse abbauen und versuchen, einen guten Kompromiss für alle Bürger zu finden, behinderte und nichtbehinderte.“ Guido Orthen weiß, wie schwer es ist, Barrierefreiheit in Bad Neuenahr-Ahrweiler herzustellen. Mit dem Bürgermeister sprach Werner Meyer.
Blick aktuell:
Was kann die Stadt tun, um dem demografischen Wandel gerecht zu werden und auch Behinderten einen möglichst barrierefreien Aufenthalt zu gewährleisten? Wie sieht es in Bad Neuenahr aus?
Guido Orthen: Da können wir sehr stolz mit unserer Stadtplanung sein. Seit 2006 läuft die komplette Umgestaltung in Bad Neuenahr. Dazu gehören die ebenerdigen Zugänge in die Fußgängerzone, die Abflachungen von Bordsteinen, öffentliche Toiletten für Behinderte, entsprechende Gehwege und Fahrspuren. Als die Innenstadt in den 60er/70er Jahren ihr neues Gesicht bekam, dachte man nicht an Rollstühle oder Gehbehinderte. Das versuchen wir jetzt nachzuholen. Das alles kostet sehr viel Geld, doch wir müssen sparen. So werden wir die Zahl der öffentlichen Toiletten verringern, aber wir haben dann immer noch 24 im gesamten Stadtgebiet, das ist eine sehr große Zahl. Und alle sind gut zu erreichen, viele behindertengerecht.
Blick aktuell:
Apropos Toiletten: Die Anlage am Bahnhof Bad Neuenahr hat zwar eine spezielle öffentliche Behindertentoilette, sie ist aber nur mit dem Spezialschlüssel zu erreichen. Rollstuhlfahrer meiden den Bahnhof nach Möglichkeit sowieso, denn zwischen Bahnsteig und Waggons ist ein tiefer Spalt, den man ohne fremde Hilfe nicht überwinden kann.
Guido Orthen: Da sind wir nicht Herr des Verfahrens. Wir reden immer wieder mit der Bahn und regen an, eine Lösung am Bahnsteig für Behinderte zu schaffen. Wegen der Toilette werden wir noch mal nachfragen. Sie wissen, Stadtplanung ist ein dauernder Prozess. Da müssen Zuständigkeiten geklärt, oft dicke Bretter gebohrt werden. Sehen Sie zum Beispiel Rathaus und Post: Die alten Gebäude sind wunderschön und prägen das Stadtbild. Aber sie sind nicht einfach zu erreichen. Bei der alten Gebäudestruktur müssen Behinderte oft Umwege über Hintereingänge und Rampen in Kauf nehmen. Das geht nun mal nicht anders. Aber: Alle Behördengänge lassen sich mit dem Rollstuhl erledigen.
Blick aktuell:
Ähnliche Probleme haben viele Geschäftsleute mit höher liegenden Verkaufsräumen.
Guido Orthen: Richtig, doch Handel, Handwerk und Gewerbe versuchen, die Höhenunterschiede durch Seiteneingänge mit Aufzügen oder Rampen zu überbrücken. Oder sie bieten sofort an, dem Behinderten zu helfen, den Rolli die Stufen hochzutragen. Doch alle Bürger müssen verstehen, dass wir den öffentlichen Raum nicht mit Rampen überwuchern lassen dürfen. Das würde wiederum die Spaziergänger stören, vor allem auch Rettungswagen behindern. Manchmal lassen sich aber auch Wege finden: Bei der Barbaraapotheke haben wir mit dem Eigentümer ein Grundstück getauscht, und am Nebeneingang konnte dann eine schiefe Ebene angebaut werden. Noch eine wichtige Anregung: Alle Geschäftsleute sollten ihre zusätzlichen Wege deutlich ausschildern und sofort Hilfe anbieten, wenn ein Behinderter vor dem Laden steht. Warum nicht eine Klingel anbringen? Dann sollten die Rollstuhlfahrer aber auch diese Gelegenheit nutzen. Und noch ein ganz wichtiger Punkt: Wenn ein Bürger oder Gast der Stadt Knackpunkte sieht, wo unnötige Barrieren existieren: Bitte melden. Denn nur, wenn wir davon erfahren, können wir prüfen, ob wir etwas umbauen oder mit den Besitzern reden sollten.
In der nächsten Ausgabe geht Blick aktuell mit einer Rollstuhlfahrerin durch Ahrweiler und fragt den Bürgermeister nach den „Knackpunkten“.
