Allgemeine Berichte | 21.08.2013

Aus der Geschichte der Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz

Ein Rückblick auf 60 Jahre Ausbildung

Bundesinnenminister Prof. Dr. Werner Maihofer lässt sich in die Übung eines Krisenstabes einweisen.

Bad Neuenahr-Ahrweiler.

Die Ausgangslage

1953, der Zweite Weltkrieg ist seit acht Jahren vorbei. Die Phase des Wiederaufbaus in Deutschland wird begleitet von einem neuen Optimismus. Jedoch stellt sich bei einem Blick über die Grenzen der Frieden als ein zerbrechliches Gut dar. Anlässlich seiner Vereidigung unterstreicht der neue Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Dwight D. Eisenhower, den Führungsanspruch der USA. Der russische Diktator Josef Stalin stirbt, Georgi Malenkow und Nikita Chruschtschow werden zu seinen Nachfolgern in den Ministerrat beziehungsweise in das Zentralkomitee der KPdSU berufen. Sie zementieren ihrerseits die kommunistischen Herrschaftsansprüche. Beide Seiten verfügen nun, acht Jahre nach Hiroshima und Nagasaki, über die Wasserstoffbombe, quasi die Potenzierung der Kernwaffe. In der DDR kommt es nach gravierenden Preisanhebungen für Grundnahrungsmittel und gleichzeitiger Erhöhung der Arbeitsnormen zu massiven Protesten, die schließlich von russischen Panzern blutig niedergewalzt werden. 1953, ein ganz normales Jahr, in dem die Geschichte der Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz in Bad Neuenahr-Ahrweiler beginnt.

Die Schule in Marienthal

Ausgangspunkt ist der kleine Ort Marienthal. Anfang 1953 wurde hier auf Weisung des Bundesministeriums des Innern eine Schule errichtet, in der Führungskräfte des Technischen Hilfswerks (THW) ausgebildet werden sollten. Das Gelände unmittelbar bei den Tunnelanlagen erschien den Verantwortlichen geeignet. Zudem war dadurch die Nähe zur provisorischen Bundeshauptstadt gegeben, als die Bonn immer wieder bezeichnet wurde. Das ehemalige Äbtissinnenhaus sowie ein Anfang des 20. Jahrhunderts errichtetes Gebäude ergänzte die Schule. Ein Lehrsaal und verschiedene Arbeitsräume, Tagungs- und Gesellschaftszimmer, zehn Schlafräume von Einbett- bis Achtbettbelegung und ein großes Übungsgelände markierten den Anfang. Als erste Veranstaltung fand dort vom 9. bis zum 12. März 1953 ein Lehrgang für Ausbilder in der Starkstromkabeltechnik statt. Dieser Lehrgang war kurzfristig organisiert worden, um Fachkräfte für die Behebung von Hochwasserschäden in Holland auf ihren Einsatz vorzubereiten. Von Marienthal aus ging es direkt ins Schadensgebiet. Im Februar 1960 änderte sich das Bild hinter der drei Meter hohen Klostermauer. Mit der „Zentralen Ausbildungsstätte des Bundes für den Luftschutzhilfsdienst“, kurz ZAB genannt, nahm eine zweite Ausbildungseinrichtung in Marienthal ihren Betrieb auf. Beide Einrichtungen wurden geleitet von Oberingenieur Georg P. J. Feydt, der diese Funktion bis Ende 1971 innehatte und damit den Zivilschutz in Deutschland maßgeblich prägte. Warum, so kann man sich an dieser Stelle fragen, standen die Themen Luftschutz und Zivilschutz, standen diese unmittelbar mit Krieg zu verbindenden Begriffe damals so hoch auf der Agenda des Bundes. Zwei unterschiedliche Antworten sind darauf zu geben. Einerseits war die weltweite Sicherheitslage nach der Beendigung des Zweiten Weltkriegs gekennzeichnet von einer Zuspitzung des Ost-West-Konflikts mit verschiedenen Stellvertreterkriegen, so zum Beispiel dem Koreakrieg (1950 - 53). Am deutlichsten auch in Deutschland zu spüren war die wachsende Eskalation in der Kuba-Krise 1962. Ein dritter Weltkrieg war durchaus wahrscheinlich. Zum anderen ist hier an die unverändert auch heute noch bestehende Aufgabentrennung zwischen dem Bund und den Ländern anzuführen. Letztere sind umfassend und alleinig zuständig für den Katastrophenschutz. Ihre Aufgabe ist es also, Vorsorge zu treffen für alle Schadensereignisse, die durch Natur, Technik oder menschliches Fehlhandeln passieren können. Der Bund hingegen hat für den Schutz der Bevölkerung vor den Gefahren eines Krieges zu sorgen. Eine sehr klare, wenn auch heute nicht immer logische Aufgabentrennung.

Umzug auf die alte Ziegelei

Der Gründung der ZAB lag auch die Absicht zugrunde, als zivile Analogie zur gerade aufgestellten Bundeswehr ein Zivilschutzkorps aufzubauen. Der junge Mann sollte die Wahl haben, seine Dienstpflicht als Soldat oder als Zivilschützer zu absolvieren. Auch wenn diese Absicht der Regierung bis zum Gesetzentwurf durchgeplant war, so wurde der Entwurf doch 1965 in der Schublade versenkt. Im gleichen Jahr, also 1965, wurde die Liegenschaft in Marienthal aufgegeben. Die neuen Aufgaben erforderten mehr Platz. Daher wurden die Einrichtungen in die Stadt Ahrweiler verlegt. An der Ramersbacher Straße, auf dem Gelände einer alten Ziegelei etablierte sich nun die Schule. Holzhausen hieß diese kleine Siedlung schnell im Kreis der Teilnehmer, hindeutend auf die einfachen Holzbaracken, aus denen sie bestand. Etwa einen halben Kilometer Richtung Ramersbach gab es auf Godeneltern ein Übungsgelände, das gut zu Fuß zu erreichen war. Dennoch war von Anfang an klar, dass Holzhausen nur ein Provisorium sein sollte. Die zweite Hälfte der 60er Jahre war geprägt von politischen Diskussionen im Parlament und auf den Straßen. Die Notstandsgesetze, als Kriegsvorbereitung gebrandmarkt, sorgten auf den Bonner Hofwiesen für die größte Demonstration ihrer Geschichte. Ein Gesetz in diesem Paket führte dazu, dass in Ahrweiler ein neues Türschild angebracht wurde. Aus ZAB wurde 1971 KSB, die „Katastrophenschutzschule des Bundes“. Die KSB trug nun einen Namen, der ihren eigentlichen Aufgaben nicht gerecht wurde. Dem Bund oblag auch weiterhin ausschließlich die Aufgabe, den Schutz der Bevölkerung im Verteidigungsfall zu regeln. Aus wirtschaftlicher Sicht war es aber sinnvoll, die Ausbildungen von Bund und Ländern zu synchronisieren. So war die KSB im Wesentlichen für Führungsausbildung und die Ausbildung von Spezialkräften zuständig.

Es geht bergauf!

Bald begannen die Planungen für einen Neubau. 20 ha auf Godeneltern wurden mit einem Verwaltungs-, einem Lehrsaal, vier Unterkunfts- und einem Wirtschaftsgebäude, Fahrzeug- und Übungshallen sowie Werkstätten bebaut. 1973 war Richtfest und im Oktober 1974 wurde der ganze Komplex eingeweiht. Neue Lehrkräfte wurden eingestellt, der Ausbildungsbetrieb ausgeweitet. Insbesondere nach der Waldbrandkatastrophe in Niedersachsen vom Sommer 1975 strömten die Krisenstäbe der Landkreise nach Ahrweiler. 1983, 30 Jahre nach dem Beginn hinter Klostermauern, war der Personalbestand auf über 100 Personen angewachsen. 8. bis 9.000 Lehrgangsteilnehmer aus ganz Deutschland kamen jährlich ins Ahrtal, um sich für ihre Aufgaben im Bevölkerungsschutz aus- und weiterbilden zu lassen. Die sich in Europa abzeichnende Entspannung war auch in den Lehrgängen der KSB spürbar. Zunehmend nahm der Katastrophenschutz mehr Platz ein. Die in den Übungen zu bearbeitenden Schadenslagen orientierten sich an durchaus realistischen Bildern. Die originären Bundesaufgaben hingegen fanden weniger Akzeptanz bei den Teilnehmern. Das Ausbildungsspektrum der KSB war weit gefächert. Alle Fachdienste des Katastrophenschutzes trafen sich hier. Die Fernmelder verkabelten jede Woche aufs Neue die halbe Eifel, die Schweißer lernten die Unterschiede beim Gas- und beim Elektroschweißen kennen und die Sprengberechtigten legten so manchen Schornstein im Rahmen ihrer Ausbildung nieder. Arbeiten im Trümmergelände, Brunnenbau und Messtechnik im ABC-Bereich gehörten ebenso zur Ausbildung wie die Schulung der Einsatzleitungen und der Krisenstäbe der Städte und Kreise. Innenminister Werner Maihofer besuchte 1976 die Einrichtung, sein Nachfolger Gerhardt Baum schaute 1980 vorbei. Er begleitete dabei Bundespräsident Karl Carstens. So schnell wie die Politiker, so wechselten auch die Schulleiter. Während Feydt von der Gründung an für 18 Jahre an der Spitze stand, blieben seine Nachfolger nur zwischen zwei und sechs Jahren. Nach verschiedenen Verwendungen im Ministerium, in anderen Behörden oder in der Praxis des Katastrophenschutzes brachten sie hier in Ahrweiler ihre Erfahrungen ein.

Ungewisse Zukunft

Am 1. September 1989 kam auf die KSB eine völlig neue Aufgabe zu. An diesem Freitagabend kam aus dem Bundesinnenministerium die Aufforderung, sich auf die Aufnahme der DDR-Bürger vorzubereiten, die sich in den Tagen zuvor in Prag in die deutsche Botschaft geflüchtet hatten. Innerhalb kurzer Zeit wurde geplant, organisiert und besorgt, wurden Zimmer geräumt und neu eingerichtet und so die KSB über ihre 145 Gästezimmer hinaus auf 1.000 Betten aufgestockt. Mehrere Monate war die Katastrophenschutzschule des Bundes nun immer wieder unterschiedlich stark belegt. Mit dem Tag der Maueröffnung erhöhte sich noch einmal die Zahl der Übersiedler. In den Wochen danach beschieden Polen und die UdSSR plötzlich viele Ausreiseanträge positiv, die teils schon Jahre vorher gestellt worden waren. Für nahezu 15.000 Neubürger war die kleine Kreisstadt Bad Neuenahr-Ahrweiler das Erste, was sie von der Bundesrepublik Deutschland kennenlernten. Mit dem Zerfall des Warschauer Paktes und der Auflösung der UdSSR veränderte sich das Aufgabenspektrum der KSB. Internationale Teilnehmer, insbesondere aus den ost- und südosteuropäischen Staaten, kamen nach Ahrweiler. Gleichzeitig aber sorgte die Diskussion über die Zukunft für Stagnation im Inneren. Die Katastrophenschutzschulen in den Ländern wurden geschlossen. Das gleiche Schicksal widerfuhr dem Ausweichsitz der Verfassungsorgane des Bundes, dem Bunker im Ahrtal. Der Bund stellte sich angesichts der friedlichen Koexistenz der Staaten in Europa die Frage, welchen Aufwand er tatsächlich noch treiben müsse als Vorsorge für den Schutz der Bevölkerung im Verteidigungsfall. Das Ende der Ausbildung drohte, als im Juni 1993 das 40-jährige Jubiläum anstand. „Eine Zeit des Umbruchs ist auch eine Zeit der Chancen“, sagte der damalige Staatssekretär Dr. Walter Priesnitz in seiner Festansprache. Und ein Umbruch stand tatsächlich an. Zum 31. Dezember 1996 wurde das Schild am Tor der KSB abgeschraubt. Die Katastrophenschutzschule des Bundes war Geschichte.

Neuaufbruch

Ohne Unterbrechung ging jedoch der Betrieb auf der Liegenschaft oberhalb von Ahrweiler weiter. Es wurde die Akademie für Notfallplanung und Zivilschutz (AkNZ) gegründet. Sie konzentrierte sich auf die Krisenmanagementausbildung für Verwaltungsstäbe aller Ebenen, auf wissenschaftliche Experten im Bevölkerungsschutz und auf die internationale Kooperation. Mitwirkung in Forschungsprojekten, Tagungsort für NATO- und EU-Teams, Beratungstätigkeiten und Zusammenarbeit mit weiteren Ausbildungseinrichtungen im In- und Ausland: Die Akademie im Ahrtal begann, ein weltweites Netz im Bevölkerungsschutz zu knüpfen. Kurz vor der 50-Jahr-Feier erfuhr sie ihre bislang letzte Namensänderung. An dem Obelisken, der im Eingangsbereich als Symbol für die Verbundenheit mit der Region steht, ist auf dem Schild seit dem Sommer 2002 zu lesen: Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz. Die AKNZ steht nicht allein, weder auf dem Schild noch im Alltag. Sie ist eine Abteilung des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, das mit seinen drei weiteren Abteilungen in Bonn beheimatet ist. Der Bildungsauftrag der AKNZ ist damit ein fester Bestandteil im Maßnahmenpaket des Bundes für den Schutz seiner Bevölkerung. In diesem Zusammenhang könnten die vier Buchstaben AKNZ auch stehen für das Selbstverständnis der Akademie: Aktuell - Kompetent - Nachhaltig - Zukunftsorientiert. Rund 10.000 Seminarteilnehmer aus aller Welt besuchen die Lehrveranstaltungen jährlich. Zu den 25 fest angestellten Dozentinnen und Dozenten kommen circa 150 Lehrbeauftragte, die aufgrund ihrer ausgewiesenen Fachexpertise die Ausbildung unterstützen. Inzwischen hat Bevölkerungsschutz einen wissenschaftlichen Wert. Verschiedene Universitäten und Hochschulen bieten Studiengänge an, die entweder mehr technisch oder mehr generalistisch ausgerichtet sind. Die AKNZ ist auch auf diesem Gebiet eine der ersten Einrichtungen gewesen. Gemeinsam mit der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn bietet sie nun seit sieben Jahren einen Aufbaustudiengang unter der Überschrift Katastrophenvorbeugung und -management an, der mit dem Masterabschluss endet.

60 Jahre und kein bisschen leise

Im internationalen Bereich zeichnet die AKNZ verantwortlich für die Ausbildung der Führungskräfte und Experten, die seitens der Europäischen Union bei Naturkatastrophen oder großen Schadensereignissen vorausgeschickt werden, um die Hilfsmöglichkeiten zu sondieren, die Kontakte zu den betroffenen Staaten aufzunehmen und die Erstmaßnahmen zu koordinieren. Die Volksrepublik China hat sich vor einigen Jahren an die Bundesregierung gewandt, um sich durch die Experten der AKNZ beim Aufbau einer Ausbildungseinrichtung für den Katastrophenschutz unterstützen zu lassen. Chinesische Dozenten wurden in Ahrweiler geschult und in China bei den ersten Seminaren begleitet. Expertise aus Ahrweiler war bei der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika ebenso gefragt, wie sie es für die kommende in Brasilien ist. In verschiedene Forschungsprojekte ist die AKNZ derzeit eingebunden. Die Möglichkeiten der Neuen Medien zu Warnung der Bevölkerung oder zur Steuerung von Besucherströmen bei Großveranstaltungen, die Optimierung der Lagedarstellung in Führungsstäben oder die Nutzung unbemannter Flugobjekte zur Informationsgewinnung bei Großschadenslagen sind nur wenige Beispiele der neuen Möglichkeiten. Im nationalen Bereich hat die AKNZ mit der Übungsserie LÜKEX, der länderübergreifenden Krisenmanagementübung, einen neuen Maßstab für strategische Übungen auf oberster Ebene geschaffen. Alle zwei Jahre üben Behörden von Kreis- bis Bundesebene, Wirtschaft und Industrie das Zusammenwirken bei außergewöhnlichen Ereignissen. Der flächendeckende Stromausfall, der Terroranschlag, die Influenzapandemie oder der kriminelle Einbruch in die IT-Technologie, Ereignisse, die einen Staat an seinem Nerv treffen kann. Die Geschichte der Ausbildung im Bevölkerungsschutz ist auch die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Was 1953 in Marienthal begann mit dem Blick auf gerade überstandenen Weltkrieg hat sich zu einem modernen, international vernetzten Zentrum der staatlichen Sicherheitsvorsorge entwickelt. Seit 60 Jahren in Ahrweiler zu Hause und doch immer noch ein bisschen unbekannt.

Dieter Franke

Pädagogischer Leiter der

Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz

Bundesinnenminister Prof. Dr. Werner Maihofer lässt sich in die Übung eines Krisenstabes einweisen.
Ein Rückblick auf 60 Jahre Ausbildung

Das sogenannte Dekontaminationsmehrzweckfahrzeug, das aus der ergänzenden Fahrzeugausstattung des Bundes stammt, und die Fähigkeiten der Feuerwehren auf dem Gebiet der ABC-Abwehr stärken sollte. 229 Fahrzeuge wurden zwischen 1974 und 1980 an die Länder übergeben. An der KSB fand die erforderliche Ausbildung statt.

Bundesinnenminister Prof. Dr. Werner Maihofer lässt sich in die Übung eines Krisenstabes einweisen.

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