1000 begeisterte Zuhörer an zwei Abenden im Kurhausaal bei „Best of Musical & Wine“ in Bad Neuenahr
Eine mitreißende musikalische Weltreise mit einem Starquartett
Bad Neuenahr. Bei vielen Veranstaltungen reicht die Fortsetzung nicht an die Premiere heran. Ganz anders bei der Show „Best of Musical & Wine“ am Wochenende im Kurhaussaal in Bad Neuenahr. Nach dem bereits begeisterten Erstling im vergangenen Jahr legten die erfahrenen Musicalpromoter Gaby und Frank-Peter Kern, die das Event erneut zusammen mit den Veranstaltern Michaela Wolff und Marc Linden vom Weingut Sonnenberg auf die Beine stellten, noch eine Schippe drauf. Denn es war ihnen gelungen, ein 35-köpfiges Team aus Musikern und Technikern zu engagieren, das zur ersten Riege in Deutschlands Musicalwelt zählt.
Für die eigens zur Show adaptierten Arrangements sorgte kein Geringerer als Hannes Schauz, alternierender Musicaldirektor der „Phantom der Oper“ in Hamburg. Selbst am Klavier sitzend, konnte er sich herausragender Mitstreiter an den weiteren Instrumenten sicher sein, darunter mit Martin Esser (Percussion) ein absoluter Meister seines Fachs, der zu den Weltbesten seiner Gilde gezählt wird. Dafür, dass ton- und lichttechnisch alles bestens in Szene gesetzt wurde, sorgten die Profis von „Rocky“ aus Hamburg.
Mirko Kärst beispielsweise zeichnet als Bühnen- und Beleuchtungsmeister für das Erfolgsmusical erfolgreich und beherrscht das filigrane Spiel mit den vielen verschiedenen Beleuchtungseinheiten und Spots wie kaum ein anderer. Und mit dem schwedischen Toningenieur Jan-Peter Andersson - allgemein nur „Peppe“ genannt - war ein wahrer Gott am Tonpult für die Show gewonnen worden. Am Dienstag hatte der Aufbau begonnen, Donnerstag und Freitag fanden die Proben für das Event statt.
Dann waren auch die eigentlichen Stars und Aushängeschilder der Musicalgala da: allen voran der unnachahmliche Tenor Kevin Tarte, ein ganz Großer der Branche, und das energiegeladene „Tischfeuerwerk“ Kimberly Trees. Beide hatten es sich nicht nehmen lassen, nach der Premiere ein zweites Mal nach Bad Neuenahr zu kommen - ein bemerkenswerter Umstand, denn im übervollen Terminkalender der Musicalstars ist es überaus schwierig, sie für eine solche singuläre Galavorstellung loseisen zu können. Nur ihren langjährigen Beziehungen in die Szene war es zu verdanken, dass Gaby und Frank-Peter Kern mit Melanie Ortner-Stassen und Gian Marco Schiaretti zwei weitere Hochkaräter verpflichten konnten. Denn beide zählen zur Erstbesetzung von „Tarzan“ im Stage Apollo Theater in Stuttgart und sind gerade zu den Wochenendshows eigentlich unabkömmlich.
Team ohne Starallüren
Die Österreicherin Ortner-Stassen war sogar mit großem Familienanhang ins Ahrtal gereist - ihre Eltern sowie die ihres Mannes Peter Stassen, eines belgischen Musicaldarstellers. Beide sind seit vergangenem Jahr verheiratet, wobei der anscheinend noch ungewohnte Doppelname der Sängerin für einige witzige Kommentare ihrer Mitstreiter während des Abends sorgte. Daran war zu merken, wie gut die vier Akteure harmonierten, mit wie viel Spaß sie bei der Sache waren. „Ein wirklich entspanntes Team. Niemand war dabei mit Starallüren“, berichtete die Künstlerische Leiterin Gaby Kern. Spontan ließen die vier routinierten Profis die für Samstag angesetzte weitere Probe ausfallen, begaben sich gemeinsam auf einen kurzen Trip durch das Ahrtal und besuchten Stätten wie den Calvarienberg und das Winzerkapellchen in Ahrweiler oder die Klosterruine Marienthal.
Bilder dieser Stationen wurden auch während der Show auf den Bühnenhintergrund projiziert und verbanden die kleine Reise durchs Ahrtal mit einer musikalischen Tournee zu den Schauplätzen großer Musicals: von Afrika über den Regenwald ins antike Troja, von Schweden nach Italien, Chicago und Transsilvanien sowie zuletzt in die USA des 19. Jahrhunderts, wie Veranstalterin Michaela Wolff vorab dem Publikum als „Allgemeine Reiseinformation“ mitgab. Zur Stärkung gab es vor dem Start, in der Pause und nach Abschluss „natürlich“ edle Tropfen von der Ahr: von der Dagernova Weinmanufaktur, dem Weingut Lingen aus Bad Neuenahr und natürlich vom veranstaltenden Weingut Sonnenberg - schließlich heißt die Veranstaltung „Best of Musical & Wine“.
Mit bewegten Bildern aus der afrikanischen Savanne und den Klängen aus „König der Löwen“ begab sich das internationale Musicalquartett - ein US-Amerikaner, eine Australierin, ein Italiener und eine Österreicherin - auf die ebenso weltumspannende Reise. Schon beim A-capella-Auftakt von „Der ewige Kreis“ zeigte es seine große stimmliche Kraft. Und eine große Auswahl „Hits, weltbekannte Evergreens und ganz viel Musical“ (Tarte) sollte noch folgen. Zunächst begab sich Melanie Ortner-Stassen ins afrikanische „Schattenland“ und versprach Tarzan: „Dir gehört mein Herz.“ Der „italienische Dschungelkönig“ (Tarte über Schiaretti) hatte anschließend mit „So ein Mann“ sein erstes Solo - vor dem Szenenbild aus dem Stuttgarter Apollo Theater, wo er sich leicht bekleidet als Tarzan durch die Szenerie schwingt.
Das reizvolle italienisch-australische Duett Schiaretti-Trees zu „Auf einmal“ aus „Tarzan“ wurde standesgemäß mit einem Küsschen auf die Wange abgeschlossen. Anschließend machte sich Tarzan mit „Wer ich wirklich bin“ auf die Suche nach dem eigenen Selbst, stöberte in einer großen Truhe auf der Bühne nach Informationen über seine Herkunft. Passend zu ihrem flatterhaften, dynamischen Wesen rollte danach Kimberly Trees per Segway zu einem kurzen Zwischenspiel durch den Saal ein und nahm einen ersten Schluck aus dem voluminösen Weinpokal auf der Bühne, der quasi als Running Gag seinen Auftritt aus dem Vorjahr wiederholte.
Für einen ersten Begeisterungssturm sorgte das Duett von Ortner und Tarte zu dem im Wechsel auf Englisch und Italienisch vorgetragenen Stück „The Prayer“, das ebenfalls mit einem herzlichen Kuss beendet wurde. Es stammt von der CD „Reflection“, die jetzt im April erscheint. Der Dank des US-Amerikaners galt anschließend der Band: „Ich bin sehr überrascht und glücklich, wie der Hannes und seine Musiker das Stück umgesetzt haben. Denn es stammt ja schließlich aus einer aufwendigen, mehrjährigen Orchesterproduktion.“
Suche nach dem Winzer
Dem kraftvollen, ausdrucksstarken „Remember“ von Tarte aus dem Film „Troya“ als musikalische Kurzfassung des Untergangs der legendären antiken Stadt folgte der nächste quirlige Auftritt Trees. Sie war auf der Suche „nach dem Winzer“, mit dem sie einen Termin habe, und genehmigte sich einen weiteren Schluck aus dem gläsernen Pokal. „Uh, wirklich trocken“, ihr Kommentar.
An diese Slapstick-Einlage schloss sich ein größerer „Mamma-Mia“-Block mit den auf Deutsch übersetzten Abba-Hits „SOS“, „Der Sieger hat die Wahl“ (The winner takes it all) und „Dancing Queen“ an. Mit riesigem Beifall ging es in die Pause. Nach dem Glas Rotwein konnten sich die Zuhörer auf Kevin Tarte als Dr. Henry Jekyll im Labor freuen, der zunächst ein Chemikaliengebräu zusammenmischte, das wabernde Dämpfe über die Bühne schickte, und dann auf den Hit „Dies ist die Stunde“ aus dem Musical „Jekyll & Hyde“. Es sei manchmal komisch für ihn, Sänger zu sein, bekannte er anschließend. Alle seine vier Geschwister seien Sportskanonen gewesen - „und der Kevin dazwischen“, lachte er, der - wann immer möglich - ein Theater aufgesucht habe. Deswegen fühle er sich im neobarocken Kurhaussaal von Bad Neuenahr besonders wohl. Trees wusste als Nonne aus „Sister Act“ ebenso zu gefallen wie mit Zylinder durch den Zuschauerraum steppend zu „Nowadays“ aus „Chicago“. Und für Schiaretti hielt die Musikauswahl den bekannten Eros-Ramazzotti-Song „Se bastasse una canzone“ bereit. „Es ist schön für mich, in meiner Muttersprache zu singen“, freute sich das nebenberufliche Fotomodell. „Bei Tarzan geht das ja schließlich nicht.“
So richtig die Post ab ging spätestens mit dem Hit „Time of my life“ aus „Dirty Dancing“. Es brauchte nur eines kurzen Hinweises von Trees, um den gesamten Saal zum Tanzen zu bringen - vom Jugendlichen bis zu gesetzteren Herrschaften. Die deutlich moderne Musikauswahl im Vergleich zur stärker von klassischen Musicalstücken geprägten Premiere im Vorjahr war ohnehin ein Unterscheidungsmerkmal der zweiten Ausgabe - Musik, die alle Generationen anzusprechen schien. Anschließend fand die Australierin endlich ihren Winzer - Marc Linden - und entführte ihn sogleich hinter die Bühne.
Fetziges Finale
Das begeisternde Finale des Programms gehörte „Tanz der Vampire“, zunächst mit Ortner-Stassen und Tarte in „Totale Finsternis“ - „wir haben beide jahrelang das Stück in verschiedenen Rollen gespielt, aber eigenartigerweise nie zusammen, erst hier in Bad Neuenahr“, freute sich Tarte. Nach jedem Act riss es die Zuhörer nun von den Stühlen, und beim „Finale Vampire“ des gesamten Ensembles stand sowieso das ganze Publikum und wippte und klatschte im Takt mit. Wie schon im Vorjahr folgte als Zugabe das hymnische „The Glory“ aus dem ansonsten gefloppten Musical „The Civil War“, außerdem noch einmal der Stimmungshit „Dancing Queen“.
650 Musikfans ließen sich die Gala am Samstag im vollen Kurhaussaal nicht entgehen, 300 von ihnen besuchten zudem die After-Show-Party. Was zur Premiere noch nicht gelungen war, klappte in diesem Jahr: eine zweite Show am Freitagabend mit 400 Zuschauern, viele davon mitunter von weit her angereist. Und das, obwohl „die Zusatzshow erst acht Wochen zuvor beworben werden konnte“, berichtete Michaela Wolff. Eine große Hilfe dabei sei der Veranstalter htc Reisen aus Ringen gewesen, der allein 200 Tickets mit Hotelarrangement verkauft habe.
Geplant hatten die beiden Paare Wolff/Linden und Kern die Musicalgala bereits seit November - einmal pro Woche und je bis zu drei Stunden lang. „Es ist neben dem Ahrathon die aufwendigste Veranstaltung für uns“, so Wolff. Auch andere waren begeistert dabei, darunter Friseur Björn Franke und sein Team, die mit bester Laune hinter der Bühne für Styling und Outfits der Musicalstars sorgten und auch 2016 wiederkommen wollen, so Gaby Kern. Denn auch im kommenden Jahr soll es eine Neuauflage geben, und zwar am 1. und 2. April, einen Termin, den sich Musicalfreunde schon jetzt vormerken sollten.
Im Duett noch besser: Gian Marco Schiaretti und Kimberly Trees. Foto: Jens Wendroth
Da braut sich was zusammen beim Auftritt von Kevin Tarte als Dr. Henry Jekyll in „Jekyll & Hyde“.Foto: BÜN

