Politik | 07.07.2015

Fünf Fragen an die Bürgerinitiative „Lebenswerte Stadt“

Einer Stadt tut es gut, sich ihrer Geschichte bewusst zu sein

Die Arbeitskreisleiter. Axel Hausberg

Bad Neuenahr-Ahrweiler. Vor einem Jahr gründete sich die BI mit dem Ziel, aktiv auf die Stadtgestaltung Einfluss nehmen zu wollen: Etwas gegen die Abrisswelle zu unternehmen, die die Badestadt alter Bausubstanz beraubt und inzwischen auch auf andere Ortsteile übergreift und Bauherren dafür zu sensibilisieren, nicht irgendwas zu bauen, sondern ihre Neubauten in die Umgebung einzufügen. Zeit für die AK-Leiterrunde, innezuhalten, zu resümieren wie es um die Initiative steht, und sich den Fragen zu stellen, die ihr oft gestellt werden.

1. Wo steht die „Lebenswerte Stadt“ heute?

Die Bürgerinitiative blickt schon auf etliche sehr erfolgreiche Veranstaltungen zurück. Vorträge und kritische Stadtrundgänge. Sie baut eine Homepage auf und ist auf facebook präsent. Sie meldet sich immer wieder zu Wort und zurzeit formieren sich fünf Arbeitskreise um ihre Aktivitäten für die zweite Jahreshälfte 2015 zu organisieren. "Es ist schon viel passiert – aber zugegebenermaßen: wir würden uns wünschen, wir wären weiter."

2. Viele meinen, die BI wolle vor allem wirklich jede alte Hütte erhalten?

Würden Sie, um Platz zu schaffen, ihre Fotoalben entsorgen? Eher wohl nicht - , oder? Wir sind davon überzeugt, dass es einer Stadt gut tut, wenn sie sich ihrer Geschichte und ihrer Traditionen bewusst ist, mit diesen wertschätzend und respektvoll umgeht und sich von ihnen in der Gestaltung leiten lässt. Was heißt das? Es heißt, dass Planer und Bauherren beim Planen fragen: Welche Geschichte hat dieses Haus, dieser Platz, dieser Straßenzug? Wie können wir diese Geschichte der Nachwelt erhalten? Wie kann sich Neues gut in diese Geschichte einfügen? Lässt sich eine abgestimmte Perspektive gemeinsam erarbeiten? Dabei wissen wir sehr wohl, dass Wohnbedürfnisse und -erfordernisse heute andere sind, als im 19. Jahrhundert.. Aber wir sind auch davon überzeugt, dass gute Architekten vermeintliche Widersprüche mit Kreativität und Witz zu überbrücken wissen. Es gibt ja schon einige Beispiele, wo geschickt renoviert worden ist, statt einen nichtssagenden „Plattenbau“ hochzuziehen. Und wenn wir über Fassaden sprechen, dann sind wir auch ganz rasch bei den Menschen. Es geht uns nämlich auch darum, wer hier wohnt, wer hierhin zieht, wer es sich leisten kann hier zu wohnen und was das alles für die Bevölkerungsstruktur heißt! Unser Engagement zielt also auch auf soziale Aspekte des Zusammenlebens.

3. Die Bürgerinitiative findet Zuspruch und Kritik. Manche mutmaßen, sie will anderen vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben.

Würden Sie sich denn etwas von uns vorschreiben lassen? Vermutlich doch nur mit überzeugenden Argumenten. Mehr können wir doch gar nicht leisten. Was wir beabsichtigen ist, Sie und andere zu sensibilisieren für die Schätze, die es in unserer Stadt noch gibt. Blicke zu schärfen für die Baukunst und Baukultur in unseren Straßen. Menschen zum Staunen bringen: „So haben wir das noch nicht gesehen“. „Dass das dahinter steckt, haben wir noch nicht gewusst“. Fassaden sind wie Bücher. An ihnen lassen sich ganze Geschichten einer Familie, der Bewohner und ihrer Zeit ablesen! Wir wollen auch schauen, was kann das für Ihr Bauvorhaben bedeuten? Sensibilisieren ist ein hohes Ziel. Aber lohnenswert, wie wir finden.

4. Werden Sie nicht oft als Träumer betitelt, als welche, die die Uhr zurück drehen wollen?

Nein, wir wollen nach vorne schauen! Was besichtigen Sie denn in ihrem Urlaub? Neubaugebiete? Oder nicht lieber gewachsene Altstädte? Ja. Vielleicht sind wir Träumer? Dahinter steckt aber doch vielmehr die Frage nach der eigenen Grundeinstellung. Die einen vertreten in Sachen Stadtplanung und Architektur eine fatalistische Position, die da sagt: Es haben sich immer neue Stile durchgesetzt. Man muss modernes Bauen ermöglichen – das ist der natürliche Weg, wie eine Stadt sich entwickelt. Die andere Position sieht eher das gesamte Umfeld, in das sich Architektur einfügen sollte: in die Geschichte, in die Gestaltung des Viertels, in die Region, in die vorgegebene Struktur. Ein neues Bauwerk soll auch mit anderen Häusern kommunizieren. Es soll erkennbar sein, wo in Deutschland es steht (regionale Bautraditionen)… Wir vertreten eher, unschwer zu erkennen, die zweite Position. Und wir gehen dabei von unseren eigenen Bedürfnissen aus – was spricht mich an: es macht eine Stadt spannend, wenn man in ihren Straßen die Geschichte des Ortes ablesen kann. Und wenn Straßenzüge zwar ganz unterschiedlich sind und dennoch harmonisch wirken, weil die Häuser aufeinander Bezug nehmen. Auch, wenn man erkennen kann, wo man sich gerade aufhält – weil man hier so baut (regionale Bautypen) und diese Materialien benutzt (bestimmte Steine, Dachpfannen, Fensterformen, Türen, etc.) und sich damit von anderen Regionen unterscheidet. Damit stellen wir uns natürlich gegen den Trend zu Bauherrenindividualismus und Einheitsbrei.

5. Ist Altbauerhalt – mit Blick auf Kosten, Ökonomie und Umwelt – überhaupt noch zeitgemäß?

Klar: wer einen Altbau saniert und meint, er könne zum Stichtag in ein Haus einziehen, das auf dem Stand eines Neubaus ist, der muss viel investieren oder hat sich geschnitten. Wem aber klar ist, Sanieren ist ein Prozess, und der kann sich über Jahre hinziehen, der wird auch das „Mehr“ an Wohnqualität zu schätzen wissen. Wir sind überzeugt: Altes zu sanieren, muss nicht teurer sein, bzw., es zahlt sich langfristig aus. Und natürlich braucht es andere Antworten auf die Fragen nach energetischer Sanierung als die herkömmlichen. Im Übrigen muss man gegenfragen dürfen: Ist es denn zeitgemäß, alle alten Häuser in dicke Dämmplatten einzupacken – die zum einen dem Haus das Gesicht nehmen, und wo zum anderen noch gar nicht geklärt ist, wie lange diese Platten halten und wie sie entsorgt werden. Also – eine geschichts- und gesichtslose Stadt entspricht nicht der Lebensqualität, die wir uns für die Zukunft, auch unserer Nachkommen, vorstellen.

Kontakt

Die Kontaktadresse zur Bürgerinitiative: Markus Hartmann, mjhartmann@gmx.de Tel. (01 60) 96 60 98 69 oder www.facebook.com/lebenswerteStadt

Nächster Termin

Der nächste kritische Stadtrundgang Ahrweiler findet am 21. Juli, um 19 Uhr, ab Ahrtorfriedhof in die „französische Siedlung“ (Schützenstraße/ Bachemer Straße) statt.

Pressemitteilung der

BI „Unsere lebenswerte Stadt“

Die Arbeitskreisleiter. Foto: Axel Hausberg

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