Eklat bei der Grafschafter Gemeinderatssitzung: SPD, FWG, Grüne und FDP verließen den Saal

Gemeinderat war nicht mehr beschlussfähig

Erneut war keine Entscheidung in Sachen Straßenbäume in Nierendorf möglich

13.02.2015 - 10:28

Grafschaft. Eine völlig unerwartete Wendung nahm die Sitzung des Grafschafter Gemeinderates, die ohnehin schon reich an Überraschungen war. Bürgermeister Achim Juchem musste die Sitzung nämlich mittendrin abbrechen, weil das Gremium nicht mehr beschlussfähig war. SPD, FWG, Grüne und FDP hatten geschlossen den Sitzungssaal verlassen, als es um die Zukunft der Straßenbäume in Nierendorf ging. Damit waren weniger als die Hälfte der Ratsmitglieder übrig geblieben, denn nur noch die 14 Ratsmitglieder der CDU – von insgesamt 29 – hielten die Stellung. Damit wurde die ohnehin schon wenig erbauliche Historie der Platanen im Herrenwiesenring, Akazienweg und Am Seifen in Nierendorf um ein weiteres unrühmliches Kapitel verlängert.


Den ersten Eklat gab es schon, bevor die Diskussion über diesen Tagesordnungspunkt überhaupt angefangen hatte. Bürgermeister Juchem sah nämlich die drei Sozialdemokraten Günther Bach, Udo Klein und Hans Peter Moog (alle Nierendorf) sowie den fraktionslosen Wilfried Klein (Leimersdorf) als befangen an, weil sie selbst oder ihre enge Verwandtschaft Grundbesitz an den besagten Straßen hätten. Während Wilfried Klein dies klaglos akzeptierte, erklärten sich die drei Nierendorfer Sozialdemokraten selbst für nicht befangen und weigerten sich, vom Ratstisch abzurücken.


Überprüfung der Entscheidung


In diesem Fall schreibt die Gemeindeordnung vor, dass in nicht-öffentlicher Sitzung der Gemeinderat darüber entscheidet, ob er eine Befangenheit der Kollegen sieht oder nicht. Das tat er und beschloss mit Mehrheit, alle vier für befangen zu erklären. Worauf hin zumindest die drei Sozialdemokraten erbost ankündigten, diese Entscheidung von der Kommunalaufsicht und notfalls auch vom Verwaltungsgericht überprüfen zu lassen. Denn mit der Befangenheitsentscheidung sei getrickst worden, um eine falsche Mehrheit zu erreichen, legte SPD-Fraktionschef Hubert Münch kopfschüttelnd dar, was Bürgermeister Juchem allerdings zurückwies. Auch der Antrag von Mathias Heeb (Grüne), das Thema so lange zu vertagen, bis die Befangenheit der vier Ratsherren rechtssicher gutachterlich entschieden worden sei, wurde mit 13 zu 12 Stimmen abgelehnt.

So schien alles darauf hinauszulaufen, dass die CDU mit ihrem Vorhaben durchkommen würde, sämtliche 48 Platanen in diesem Gebiet zu fällen und durch Säulenahorne zu ersetzen. Doch es kam ganz anders, denn nach einer kurzen Sitzungsunterbrechung verkündete Heeb den gemeinsamen Entschluss von SPD, Grünen, FWG und FDP, an dieser Abstimmung nicht teilzunehmen und geschlossen den Sitzungssaal zu verlassen. Damit war das Gremium nicht mehr beschlussfähig, bestätigte Juchem, und schloss die Sitzung. Womit auch die noch offenen 13 Tagesordnungspunkte nicht mehr behandelt werden konnten.


Neue Gemeinderatssitzung erforderlich


Diese müssen nun – ebenso wie die Nierendorfer Straßenbäume – in einer neuen Gemeinderatssitzung erneut thematisiert werden, so Juchem, der sichtlich „angefressen“ war, weil das leidige Thema einfach nicht zu einem wie auch immer gearteten Abschluss gebracht werden kann. Seit mehr als acht Jahren haben sich Gemeinderat, Ortsbeirat, verschiedene Fachausschüsse und die Baumschutzkommission schon unzählige Male damit befasst, ohne zu einem brauchbaren Ergebnis zu kommen. Und auch derzeit scheint eine solche nicht in Sicht. Soviel ist aber sicher: Zumindest bis Anfang November 2015 bleiben die Bäume weiterhin stehen.

Zuvor schon hatte sich der Gemeinderat mit der Zukunft der insgesamt 2600 Bäume im Bereich der Straßen und Friedhöfe der Gemeinde Grafschaft beschäftigt, teils ebenfalls mit kuriosen Ergebnissen. Dabei wurde zunächst einstimmig der Beschluss gefasst, die notwendigen Arbeiten für die Kronenrückschnitte an eine Fremdfirma zu vergeben, die sich nach und nach der Bäume in der Grafschaft annehmen soll. Pro Baum geht man dabei von Kosten zwischen 280 und 300 Euro aus. Das sei auf jeden Fall billiger, als wenn der Bauhof die Arbeiten übernehme, rechnete Juchem vor. Damit soll nun so schnell wie möglich angefangen werden, weil solche massiven Rückschnitte aufgrund naturschutzrechtlicher Vorgaben ohnehin nur in der Vegetations- oder Winterruhe, also von Anfang November bis Ende Februar, durchgeführt werden dürfen.


Neuer Grundsatzbeschluss gefasst


So weit, so gut. Denn nun galt es zu entscheiden, wie man künftig mit Anträgen auf Entfernung und Ersatzbepflanzung von gemeindlichen Bäumen innerhalb geschlossener Ortschaften verfahren wolle. Das Beispiel Nierendorf habe gezeigt, dass der bisherige Weg nicht optimal sei, so Juchem. Deshalb wurde ein bereits gefasster Grundsatzbeschluss vom 8. Dezember 2011 wieder abgeändert. Aber nicht so, wie es der zuständige Umwelt-, Agrar- und Forstausschuss in seiner jüngsten Sitzung vom 15. Januar einstimmig beschlossen hatte. Demnach hätte dieser Fachausschuss selbst abschließend entschieden, wenn das Votum gemeindlicher Gremien gefragt gewesen wäre.

Doch das sah die CDU mittlerweile anders und war drei Wochen später zu der Erkenntnis gelangt, dass der jeweils zuständige Ortsbeirat das Sagen haben müsse. „Wir sollten die örtlichen Kompetenzen nutzen, denn die Mitglieder der Ortsbeiräte kennen sich vor Ort am besten aus“, begründete CDU-Fraktionsvorsitzender Thomas Schaaf dies. Zugleich beantragten die Christdemokraten eine Änderung der Zusammensetzung der Baumschutzkommission - die auf Antrag von Lothar Barth (FWG) in einem Aufwasch gleich einstimmig in „Baumkommission“ umbenannt wurde.


Baumkommission künftig ohne Fachingenieur


Die Baumkommission soll nach dem Willen der CDU nicht mehr wie bisher aus einem Fachingenieur, dem gemeindlichen Förster sowie dem gemeindlichen Bauhofleiter bestehen, sondern aus dem jeweiligen Ortsvorsteher, dem gemeindlichen Förster und einem sachkundigen gemeindlichen Mitarbeiter aus der zuständigen Fachabteilung. Was SPD-Sprecher Hubert Münch zu der Feststellung veranlasste: „Dann ist die Baumkommission aber kein Fachgremium mehr.“ Auch aus haftungsrechtlichen Gründen halte er das für problematisch.

Der Ortsbeirat sei ohnehin das falsche Gremium für eine solche Entscheidung, weil hier zum einen die Fachkompetenz fehle und zum anderen die Gefahr von Befangenheit und sachfremden Rücksichtnahmen gegeben sei, so Münch weiter. Dem entgegnete Klaus Huse (CDU), dass man solche Fragen ohnehin nicht nur unter ökologischen Gesichtspunkten sehen dürfe, sondern auch soziale Aspekte und die Wohn- und Lebensqualität mit einbeziehen müssen.


Marcel Werner stimmte gegen eigene Fraktion


Nun hatte wohl jeder damit gerechnet, dass in der Abstimmung die CDU den Kürzeren ziehen würde, denn ihr fehlte eine Stimme zur Mehrheit, obwohl Wilfried Klein (fraktionslos) schon signalisiert hatte, sie in diesem Fall zu unterstützen. Doch es kam anders, denn zum allgemeinen Erstaunen stimmte Sozialdemokrat Marcel Werner (Nierendorf) gegen die eigene Fraktion und mit den Christdemokraten, sodass der CDU-Antrag mit 15 gegen 14 Stimmen die Mehrheit erhielt. Die entgeisterten Mienen seiner Fraktionskollegen sprachen Bände.

Künftig wird es also so sein: Im Fall eines einzelnen gesunden Baumes, der auf Antrag eines Anliegers entfernt werden soll, entscheidet künftig der Ortsbeirat, wobei die Baumkommission zuvor eine fachliche Empfehlung aussprechen muss. Sind sich Ortsbeirat und Baumkommission nicht einig, entscheidet letztlich doch der Umwelt-, Agrar- und Forstausschuss. Das gleiche gilt, wenn es um mehrere gesunde Bäume geht, die in einem Straßenzug entfernt werden sollen. Hierbei müssen allerdings auch die anliegenden Grundstückseigentümer vor der Entscheidung schriftlich angehört und hinsichtlich einer möglichen Ersatzbepflanzung beteiligt werden.

Artikel bewerten

rating rating rating rating rating
13.02.2015 22:30 Uhr
Heinz Müller

Die Ortsbeiräte seien das falsche Gremium, weil "die Fachkompetenz fehlt". Wie groß ist denn die "Fachkompetenz" im Gemeinderat?
Man fragt sich langsam wirklich, wie eine Gemeinde mit solchen Politikern einen Fisch wie Haribo an Land ziehen konnte. Wenn man diese ganze Geschichte verfolgt, wie lange und auf welchen Wegen da über teils immer die gleichen Bäume, teils aber auch über das Verfahren an sich diskutiert wird, das ist einfach nur noch lachhaft und ein trauriges, erbärmliches Armutszeugnis für alle (!) Beteiligten. In einer anderen Zeitung habe ich mal gelesen, das mittlerweile wohl auch viele Bäume von Anwohner angesägt oder anders beschädigt werden. Mal ganz ehrlich, kann man solche Aktionen nicht schon verstehen, wenn der in der Grafschaft vorgesehene Weg für solche Fragen einfach derart bescheuert abläuft?
Im Übrigen: Hut ab vor solchen "jungen Wilden" wie Marcel Werner. Das lässt vermuten, dass hier noch Sachpolitik im Vordergrund steht.



Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.
Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag erstellen zu können.
Weitere Berichte

700 Jahre Kaisersesch

Gedenkstein anlässlich der Feier enthüllt

Kaisersesch. Es wurde zwar nicht das ganz große Fest, doch konnte man trotz pandemiebedingter Einschränkungen einen kleinen, aber sehr ansprechenden Festakt im Rahmen der städtischen 700 Jahr-Feier bieten. Dies im örtlichen Stadtwald mit einer umständehalber überschaubaren Anzahl geladener Ehrengäste, die bei ihrem Eintreffen von flotten Weisen des Musikvereins Cochem und einer kühlen Brise des berühmten „Escher Wend“ empfangen wurden. mehr...

Landesverband Friseure & Kosmetik unterstützt von derFlutkatastrophe betroffene Friseurbetriebe

„Ein Signal des Aufbruchs“

Bad Neuenahr-Ahrweiler. Zu den zahlreichen von der Flutkatastrophe im Ahrtal stark betroffenen Unternehmen gehören auch 31 Friseurbetriebe. Beim Landesverband Friseure & Kosmetik Rheinland zögerte man nicht und initiierte mit einem gemeinsamen Aufruf des Zentralverbandes des deutschen Friseurhandwerks eine Spendenaktion, um zumindest die größte Not ein wenig zu lindern. Die große Resonanz überraschte... mehr...

Lesen Sie Jetzt:
solidAHRität Shop
aktuelle Beilagen
Inhalt kann nicht geladen werden

Kommentare

Flut: Fördergelder können beantragt werden

juergen mueller:
Wann ereignete sich die Flutkatastrophe u. wie lange müssen Betroffene bereits auf die versprochene finanzielle Unterstützung warten? Zu lange. Da muss erst ein Wiederaufbaubeschleunigungsgesetz her. Alleine die Wortwahl verursacht Magenschmerzen, abgesehen davon, dass unter Beschleunigung etwas anderes...
Marlene Rolser:
Gut, dass es eine offizielle Stellungnahme des Bürgermeisters zu all den absurden Behauptungen gibt. Schade, dass die Person,die die Falschmeldung, kurz nach der Flut, über den angeblichen Dammbruch nicht zur Rechenschafft gezogen werden kann. Vielleicht meldet sich ja jetzt noch jemand,der die...
Lothar Skwirblies :
Kenne Jörg schon viele Jahre er ist ein wunderbarer Mensch und mach einen Super Shop DANKE ...
 
Service
LESETIPPS
GelesenEmpfohlen