Ingo Lenßen berichtete im Kursaal aus seiner Praxis als Strafverteidiger
Harter Stoff, weiche Frauen
Bad Neuenahr-Ahrweiler. „Nervös?“, Nein, das sei er nicht. Aber angespannt, und nur mit einer gewissen Spannung könne er dafür sorgen, dass die Besucher einen guten Abend erleben. Um es vorwegzunehmen: Ingo Lenßen hielt Wort, es wurde ein kurzweiliger Abend im Kurhaussaal von Bad Neuenahr. „Alles, was Recht ist“, hatte die Aktiengesellschaft als Veranstalter den ungewöhnlichen Vortrag überschrieben, in der Unterzeile ein „der juristische Wahnsinn“ angehängt. Es war eine Mischung aus Fällen, in denen viel Blut floss, Mord und Totschlag sind das Geschäft des Star-Verteidigers. Im ersten Teil seiner Ausführungen schilderte Lenßen Fälle aus seiner Praxis, die teilweise überraschend und manchmal für einen juristischen Laien kaum nachvollziehbar geendet hatten. Ein Mann hatte in Notwehr einen anderen erstochen. Doch die Umstände lagen so, dass es für Lenßen als Verteidiger nach einem Gespräch mit der Richterin besser war, die Tat zuzugeben und als reuiger Täter mildernde Umstände geltend zu machen. Hätte der Verteidiger auf der Notwehr beharrt, hätte der Angeklagte sechs Jahre Gefängnis bekommen, jetzt kam er mit einem „falschen“ Geständnis mit drei Jahren davon. Die Juristerei ist nicht immer einfach zu verstehen, räumte der Fernsehanwalt ein. Beispiel Trunkenheitsfahrten: „Wenn jemand betrunken fährt und es passiert nichts, dann verurteilen wir das, aber wir haken es innerlich ab. Und wie sieht das aus, wenn der Betrunkene ein Kind überfährt und sich aus dem Staub macht?“
Kräftige Geschütze
Im ersten Teil des Abends fuhr Ingo Lenßen die kräftigeren Geschütze auf und erklärte den Besuchern, die Mordwaffen seien in den Nationen unterschiedlich. So greifen die Deutschen am liebsten zum Messer, um den Gatten, Nebenbuhler oder Nachbarn ins Jenseits zu befördern. Die gern bewaffneten Cowboys in den USA schießen, die Russen benutzen die Axt, um ihre Probleme zu lösen. Und dann noch das Thema Todesstrafe: Lenßen bewies an unterschiedlichen Staaten in den USA, dass die Staaten mit Todesstrafe höhere Mordquoten haben als die ohne.
Das viel bemühte Argument der Abschreckung greife also nicht.
Lenßen nannte dann noch eine Todesart, bei der sich der Mensch als besonders subtil und brutal zeige: das Steinigen. Kaum jemand im Saal wusste, dass die Größe der Steine festgelegt ist. Groß genug, um wehzutun, nicht zu groß, damit der Stein nicht tötet und die grausame Prozedur möglichst lange dauert. „Menschen können fürchterlich brutal sein“, sagte Lenßen lakonisch.
Eine Wissenslücke füllte der Fernsehanwalt im Anschluss auch noch. Jeder Flüchtling, der nach Deutschland kommt, ist ein Straftäter. Denn er reist illegal ein, es wird eine Akte angelegt, und die Behörden bearbeiten sie gewissenhaft. Natürlich nur eine gewisse Zeit, dann wird das Verfahren eingestellt. „In München gibt es 40.000 Akten solcher Straftaten. Haben wir eigentlich keine anderen Probleme?“
Im zweiten Teil des Abends wurde Ingo Lenßen lockerer, in den Fällen floss weniger Blut. Er berichtete von seinen Erlebnissen im Freudenhaus, wo er als viel bemühter Anwalt gleich erkannt wurde. Und er begab sich auf die Ebene des Erbrechts, sein zweites Standbein. „Bitte machen sie schon morgen ihr Testament“, forderte er das Publikum auf und belegte diesen Rat mit der Geschichte seiner Mutter. Gerade noch fit und vital, hatte ein Krebs sie innerhalb kürzester Zeit getötet. „Es kann jeden von uns morgen treffen“, meinte der Fernsehjurist. Er beschrieb, dass jeder durch ein Testament seine Wünsche sehr detailliert formulieren und diesen letzten Willen durch Rechtspfleger umsetzen lassen kann. „Entscheiden sie zu Lebzeiten, dass Onkel Karl die Schallplatten bekommt, die er so liebt, Tante Minnie das Porzellan und Sohn Werner die Briefmarken. Jeder das, was er sich wünscht. Dann kommt es auch nicht zu den hässlichen Familienauseinandersetzungen, die nach einem nicht klar geregelten Erbe leider meist an der Tagesordnung sind.“ Langer Beifall war dem Strafverteidiger, Moderator, Schauspieler sicher nach zwei Stunden Vortrag. Anschließend nahm er sich noch viel Zeit im Foyer für Autogramme, Fotos, Gespräche und Ratschläge. Den Abend beschloss ein persönliches Zusammentreffen mit Ingo Lenßen bei Wein und Canapées im Steigenberger.
