Wie die Hospizbewegung Sterbewünschen begegnet
Hospiz-Verein beschließt Positionspapier zum Umgang mit dem Wunsch nach Suizidassistenz
Rhein-Ahr. Ein Satz, der aufhorchen lässt – und dessen Bedeutung sich erst im Zuhören erschließt: „Ich kann nicht mehr.“ Was braucht ein Mensch, der einen Sterbewunsch äußert? Wie hospizliche Begleitung unterstützen, Lebensperspektiven eröffnen und zugleich Selbstbestimmung achten kann, war Thema bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung des Hospiz-Vereins Rhein-Ahr. Seinen mehr als 1400 Mitgliedern gab er dabei die Möglichkeit, über ein Positionspapier zum Umgang mit Sterbewünschen und Anfragen nach Suizidassistenz abzustimmen.
Den Verein erreichen neben einer steigenden Nachfrage nach Begleitungen auch immer wieder Fragen nach Suizidassistenz. „Wir müssen darüber reden“, stellte die Vorsitzende Ulrike Dobrowolny fest. Das Positionspapier soll den Haupt- und Ehrenamtlichen Orientierung für ihre Arbeit geben. Nadine Kreuser, Ethikberaterin im Gesundheitswesen und stellvertretende Vereinsvorsitzende, erläuterte die rechtlichen und ethischen Grundlagen. Das Bundesverfassungsgericht erklärte 2020 das Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung für nichtig. Es erkannte ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben an, das auch die Freiheit umfasst, hierfür freiwillig angebotene Hilfe Dritter in Anspruch zu nehmen. Davon zu unterscheiden sind die Ablehnung oder Beendigung einer medizinischen Behandlung entsprechend dem Patientenwillen sowie die in Deutschland strafbare Tötung auf Verlangen.
Für den Hospiz-Verein gehören die Achtung der Selbstbestimmung und der suizidpräventive Auftrag zusammen. Menschen sollen mit ihrem Leid und ihren Fragen nicht allein bleiben. Wer einen Sterbewunsch äußert oder Mitglied einer Sterbehilfeorganisation ist, werde deshalb nicht von der Begleitung ausgeschlossen. Zugleich zieht der Verein eine klare Grenze: Er vermittelt keine Suizidassistenz und stellt keine dafür bestimmten Mittel bereit.
„Ein Sterbewunsch ist nicht automatisch eine konkrete Absicht, sich das Leben zu nehmen. Er kann Ausdruck von Schmerzen, Erschöpfung, Einsamkeit oder Angst vor Abhängigkeit sein. Auch die Sorge, anderen zur Last zu fallen, kann eine Rolle spielen“, so Nadine Kreuser. Welche Bedeutung eine Äußerung für den einzelnen Menschen hat, lasse sich jedoch nicht voraussetzen. Es brauche ein offenes, zugewandtes Gespräch. Hier setze der suizidpräventive Gedanke hospizlicher Arbeit an: zuhören, Beziehungen anbieten, Krisen erkennen und gemeinsam nach Wegen suchen, belastende Lebensumstände zu verändern. Bei Hinweisen auf eine akute Suizidgefährdung sei fachliche Hilfe hinzuzuziehen. Prävention bedeute dabei auch, Menschen frühzeitig Zugang zu Unterstützung zu ermöglichen und ihnen erfahrbar zu machen, dass sie mit ihrem Leid nicht allein sind.
Viele Menschen wissen noch zu wenig über hospizliche und palliative Angebote. Diese können Beschwerden lindern, Betroffene und ihre An- und Zugehörigen entlasten und neue Perspektiven eröffnen. Dazu zählen ambulante Begleitung und palliative Versorgung ebenso wie stationäre und teilstationäre Angebote. Dass dadurch jeder Wunsch nach Suizidassistenz verschwindet, lässt sich allerdings nicht versprechen. Der hospizliche Auftrag bleibt, Leid zu lindern, Lebensqualität zu fördern und die Würde und Selbstbestimmung des Menschen zu achten. Dazu gehört auch psychosoziale und spirituelle Unterstützung.
Das geplante Tageshospiz im Kreis Ahrweiler liegt dem Remagener Professor Dr. Stefan Sell besonders am Herzen, weshalb er sein Knowhow und seine Freizeit neuerdings ehrenamtlich im Vorstand der Hospiz-Stiftung Rhein-Ahr-Eifel einbringt. Bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung stellte er sich deshalb nochmal vor. „Ich weiß, was demographisch auf uns zu kommt“, sagte er, und dass er als Ökonom und Sozialwissenschaftler „von sehr bedenklichen Entwicklungen“ in der Sterbehilfeindustrie berichten könne.
Nachdem die Vereinsvertreter Fragen aus dem Plenum zu diesem komplexen Thema gerne beantwortet hatten, war es an den Mitgliedern, zwei Mal ihr Votum abzugeben: zum einen zu diversen Satzungsänderungen, die den Verein noch besser für die Zukunft rüsten sollen. Zum anderen über das Positionspapier - beide Mal stimmte das Plenum einstimmig dafür.
Die Vereinsvorsitzende Ulrike Dobrowolny (stehend, mit Mikro) und ihre Stellvertreterin Nadine Kreuser (stehend links) erklärten den Anlass der außerordentlichen Mitgliederversammlung Foto: Andrea Simons
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Nadine Kreuser legte der Zuhörerschaft die Sachlage dar Foto: Andrea Simons