Allgemeine Berichte | 18.10.2026, 14:10 Uhr

Wie die Hospizbewegung Sterbewünschen begegnet

Hospiz-Verein beschließt Positionspapier zum Umgang mit dem Wunsch nach Suizidassistenz

Nadine Kreuser legte der Zuhörerschaft die Sachlage dar
13

Rhein-Ahr. Ein Satz, der aufhorchen lässt – und dessen Bedeutung sich erst im Zuhören erschließt: „Ich kann nicht mehr.“ Was braucht ein Mensch, der einen Sterbewunsch äußert? Wie hospizliche Begleitung unterstützen, Lebensperspektiven eröffnen und zugleich Selbstbestimmung achten kann, war Thema bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung des Hospiz-Vereins Rhein-Ahr. Seinen mehr als 1400 Mitgliedern gab er dabei die Möglichkeit, über ein Positionspapier zum Umgang mit Sterbewünschen und Anfragen nach Suizidassistenz abzustimmen.

Den Verein erreichen neben einer steigenden Nachfrage nach Begleitungen auch immer wieder Fragen nach Suizidassistenz. „Wir müssen darüber reden“, stellte die Vorsitzende Ulrike Dobrowolny fest. Das Positionspapier soll den Haupt- und Ehrenamtlichen Orientierung für ihre Arbeit geben. Nadine Kreuser, Ethikberaterin im Gesundheitswesen und stellvertretende Vereinsvorsitzende, erläuterte die rechtlichen und ethischen Grundlagen. Das Bundesverfassungsgericht erklärte 2020 das Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung für nichtig. Es erkannte ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben an, das auch die Freiheit umfasst, hierfür freiwillig angebotene Hilfe Dritter in Anspruch zu nehmen. Davon zu unterscheiden sind die Ablehnung oder Beendigung einer medizinischen Behandlung entsprechend dem Patientenwillen sowie die in Deutschland strafbare Tötung auf Verlangen.

Für den Hospiz-Verein gehören die Achtung der Selbstbestimmung und der suizidpräventive Auftrag zusammen. Menschen sollen mit ihrem Leid und ihren Fragen nicht allein bleiben. Wer einen Sterbewunsch äußert oder Mitglied einer Sterbehilfeorganisation ist, werde deshalb nicht von der Begleitung ausgeschlossen. Zugleich zieht der Verein eine klare Grenze: Er vermittelt keine Suizidassistenz und stellt keine dafür bestimmten Mittel bereit.

„Ein Sterbewunsch ist nicht automatisch eine konkrete Absicht, sich das Leben zu nehmen. Er kann Ausdruck von Schmerzen, Erschöpfung, Einsamkeit oder Angst vor Abhängigkeit sein. Auch die Sorge, anderen zur Last zu fallen, kann eine Rolle spielen“, so Nadine Kreuser. Welche Bedeutung eine Äußerung für den einzelnen Menschen hat, lasse sich jedoch nicht voraussetzen. Es brauche ein offenes, zugewandtes Gespräch. Hier setze der suizidpräventive Gedanke hospizlicher Arbeit an: zuhören, Beziehungen anbieten, Krisen erkennen und gemeinsam nach Wegen suchen, belastende Lebensumstände zu verändern. Bei Hinweisen auf eine akute Suizidgefährdung sei fachliche Hilfe hinzuzuziehen. Prävention bedeute dabei auch, Menschen frühzeitig Zugang zu Unterstützung zu ermöglichen und ihnen erfahrbar zu machen, dass sie mit ihrem Leid nicht allein sind.

Viele Menschen wissen noch zu wenig über hospizliche und palliative Angebote. Diese können Beschwerden lindern, Betroffene und ihre An- und Zugehörigen entlasten und neue Perspektiven eröffnen. Dazu zählen ambulante Begleitung und palliative Versorgung ebenso wie stationäre und teilstationäre Angebote. Dass dadurch jeder Wunsch nach Suizidassistenz verschwindet, lässt sich allerdings nicht versprechen. Der hospizliche Auftrag bleibt, Leid zu lindern, Lebensqualität zu fördern und die Würde und Selbstbestimmung des Menschen zu achten. Dazu gehört auch psychosoziale und spirituelle Unterstützung.

Das geplante Tageshospiz im Kreis Ahrweiler liegt dem Remagener Professor Dr. Stefan Sell besonders am Herzen, weshalb er sein Knowhow und seine Freizeit neuerdings ehrenamtlich im Vorstand der Hospiz-Stiftung Rhein-Ahr-Eifel einbringt. Bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung stellte er sich deshalb nochmal vor. „Ich weiß, was demographisch auf uns zu kommt“, sagte er, und dass er als Ökonom und Sozialwissenschaftler „von sehr bedenklichen Entwicklungen“ in der Sterbehilfeindustrie berichten könne.

Nachdem die Vereinsvertreter Fragen aus dem Plenum zu diesem komplexen Thema gerne beantwortet hatten, war es an den Mitgliedern, zwei Mal ihr Votum abzugeben: zum einen zu diversen Satzungsänderungen, die den Verein noch besser für die Zukunft rüsten sollen. Zum anderen über das Positionspapier - beide Mal stimmte das Plenum einstimmig dafür.

Die Vereinsvorsitzende Ulrike Dobrowolny (stehend, mit Mikro) und ihre Stellvertreterin Nadine Kreuser (stehend links) erklärten den Anlass der außerordentlichen Mitgliederversammlung

Die Vereinsvorsitzende Ulrike Dobrowolny (stehend, mit Mikro) und ihre Stellvertreterin Nadine Kreuser (stehend links) erklärten den Anlass der außerordentlichen Mitgliederversammlung Foto: Andrea Simons

Weitere Themen

Nadine Kreuser legte der Zuhörerschaft die Sachlage dar Foto: Andrea Simons

BLICK aktuell bei Google bevorzugen
Erhalte mehr Inhalte von uns in deinen Google-Suchergebnissen.
Täglich exklusive Inhalte
Täglich exklusive Inhalte

Das digitale Magazin für Rhein, Ahr und Eifel — jeden Tag eine neue Ausgabe, optimiert fürs Smartphone.

  • 30 Tage gratis – inkl. E-Paper
  • Neue Ausgabe jeden Tag
  • Für unterwegs gemacht
Heutige Ausgabe lesen
Blick aktuell
Regio MAGAZIN

Bildergalerien
Kreishandwerkerschaft
Dauerauftrag
Schleuter Gebäudetechnik
Dauerauftrag
Vorabrechnung, Nr. AF2026.000438.0, Oktober 2026
Aktionstag am 24.10.26
PR-Anzeige Unternehmensnachfolge
Nachbericht Oktoberfest
Empfohlene Artikel
Gemüsekorb
17

Wehr. Immer wenn die Gemüsekisten so richtig voll sind, feiert der Verein Solidarische Landwirtschaft (SoLaWi) Rhein-Ahr e.V. dies mit seinem Erntedankfest. An einem Samstag Ende September stärkten sich die Mitglieder zunächst am Mitbringbüffet in der „Alten Kellerei“ in Wehr. Es war wieder eine beeindruckende Auswahl an Kuchen und Herzhaftem zusammengekommen. Passend zum guten Wetter bereicherte...

Weiterlesen

Weitere Artikel
Man traf sich vor der Kirche, um „unter Tage“ zu gehen.
870

Es ging ganz tief nach unten...

Kolping-Mitglieder wurden zu „Kellerkindern“

Lahnstein. Es ging dahin, wo die meisten noch nie waren: In die ehemalige kurfürstliche Salkellerei unter der Hochstraße in Oberlahnstein. Die Salkellerei unter der ehemaligen Druckerei Schickel gehört zu den ältesten Gebäuden der Stadt. Die Exkursion war fast geheim, grundsätzlich nur Kolping-Mitgliedern vorbehalten, „denn wir wollten nicht, dass halb Lahnstein im Untergrund verschwindet“, so Benedikt Hanke aus dem Kolping-Sprecherteam mit einem Schmunzeln auf den Lippen.

Von Thomas Schneider aus Lahnstein

Weiterlesen

Symbolbild. Foto: ROB
592

Auseinandersetzung zwischen Jugendlichen in Koblenz

17.10.: Streit mit Folgen: 18-Jähriger schwer verletzt im Krankenhaus

Koblenz. Am Samstagabend, dem 17.10.2026, kam es gegen 19.52 Uhr im Parkhaus am Altlöhrtor in der Altstadt von Koblenz zu einer körperlichen Auseinandersetzung zwischen mehreren jugendlichen, bzw. heranwachsenden Beteiligten. Hierbei wurde ein 18-jähriger Mann schwer verletzt und musste in einem Krankenhaus behandelt werden.

Weiterlesen