Grandioser Abend mit Etienne und Müller in Marienthal
Knatsch am Wendehammer 30
Kabarett eröffnet Weinkultur Festival auf der Wiese über der Klosterruine
Marienthal. Sie wechseln nur einen Blick, einer hat sich verplappert, den Text in den Teich gesetzt (in dem übrigens Koikarpfen Blau schwimmen). Herr Böll fängt an zu lachen und zaubert eine spontane Antwort aus dem Kopf, Herr Zimmermann reagiert sofort mit einem Gag. Andreas Etienne und Michael Müller vom Bonner Springmaus-Ensemble verkörpern in „Nachbarn reloaded“ die beiden miesgrämigen Reihenhaussiedler perfekt. Nein, für zwei Stunden sind sie die Querulanten des Wendehammers, die allen anderen Bewohnern so auf den Keks gehen. Jetzt werden sie vor Gericht zur Rechenschaft gezogen. Warum? Wir erfahren es in vielen Sketchen, die von den Untaten der beiden Querulanten erzählen. Im Zwei-Personen-Stück mit Einspielungen vom Band erfahren die begeisterten Zuhörer, was Herr Zimmermann und Herr Böll sich in der Vergangenheit so alles geleistet haben, um die ganze Siedlung gegen sich aufzubringen.
Grandioser Auftakt
Der Kabarett-Abend war ein grandioser Auftakt des dreitägigen Weinkultur Festivals in Marienthal. Auf der Festwiese über der Klosterruine ging das „Auge um Auge - Zaun um Zaun“ über die kleine Bühne am Fuße der Weinberge, die Stimmung fing das Publikum gleich ein. Denn liebevoll hatten die Veranstalter Franz-Josef Appel, Anne und Paul Schumacher sowie Bernd Gilles den ohnehin romantischen Ort durch gedeckte Beleuchtung bis in die Hänge hoch, Strohballen als gemütliche Sitzgelegenheiten, Liegestühle und natürlich die bewährte Bewirtung an den Ständen zum Festival-Ambiente umgestaltet. Dass sie am ersten Abend bei Temperaturen von so um die zehn Grad Decken aus dem Kloster heranschaffen mussten und am Sonntag die Besucher sich am Sonntag bei deutlich mehr als doppelter Wärme eng unter die Schatten spendenden Bäumen flüchteten - Schwamm drüber. Wer am Wochenende nicht in Marienthal war, hat auf jeden Fall etwas verpasst.
Kabarett vom Feinsten
Vor allem die Premiere „Kabarett bei der Weinkultur“ entpuppte sich als sehens- und hörenswertes Vergnügen. Dank der Springmäuse Andreas Etienne und Michael Müller, bekannt auch aus „Switch reloaded“.
„Schön hier“, „Ja wirklich schön hier“, „Nur die hätten ja für so nen Abend die Wäsche abhängen können“. Zur Erklärung: Die Appels, Schumachers und Gilles hatten traditionell die Festwiese mit riesigen Laken geschmückt, die sich erhaben im Abendwind bewegten und das Laserlicht attraktiv über dem Geschehen reflektierten.
Das Zwiegespräch war bei einem Glas Wein zum „Aufwärmen“ vor dem Stück an der Theke entstanden. „Baut den doch in euren Text ein“, regte Paul Schumacher lachend an. So geschehen. Als sich die Zuhörer immer mehr in den eilends herbeigeschleppten Decken einmummelten, hielten Herr Zimmermann und Herr Böll auf der Bühne eisern durch. Aber nicht, ohne zwischendurch ein paar Bemerkungen einfließen zu lassen, dass es nun wirklich immer frischer wurde. „Ich spiel jetzt nur noch im Mantel weiter“, entschied Andreas Etienne dann auch und kleidete sich im ausgebeulten Trench á la Columbo. „Statt eines Mantels hättest du besser eine Mütze genommen, dein Gehirn ist wohl schon halb eingefroren“, kam drei Sketche später die Antwort von Michael Müller, als der frierende Nachbar seinen Text verhaspelte. Wer wie Franz-Josef Appel niveauvolle Unterhaltung wie von Heinz Erhard liebt, der kommt irgendwann unweigerlich auf die Springmaus und auf die meckernden und alles falsch machenden Nachbarn. Kabarett vom Feinsten.
Irrwitzige Situationen
Etienne und Müller kommen ohne Verunglimpfungen und Fäkalsprache aus, ohne Kraftausdrücke und Lautstärke. Ihr subtiler Humor, ihre spontanen Reaktionen aufs Publikum und auf andere Ereignisse, ihre wunderbaren Wortspiele und das gekonnte Einsetzen der „Sprache der Dichter und Denker“ macht einfach Freude. So waren nicht nur die Herrschaften begeistert, die mit den Namen Erhard, Finck, Ringelnatz oder Hildebrandt noch etwas anfangen können und beste Unterhaltung verbinden, sondern auch zahlreiche jüngere Zuschauer, die fasziniert dem lustigen Treiben von Andreas Etienne und Michael Müller auf der Bühne folgten. Und was sich die beiden Humoristen an kuriosen Begebenheiten hatten einfallen lassen, das war wirklich erste Klasse. Irrwitzige Situationen hatten sich am Wendehammer 30 ereignet, so dass die beiden Reihenhausbewohner unweigerlich vor Gericht gelandet waren. Keine Frage bei solchen Untaten, dass sie auch verurteilt wurden. Aber selbst bei ihrer Strafe, so erfährt das Publikum bei der Zugabe, … Das wollen wir hier nicht verraten. Mal im Internet nachsehen, das Programm der „Nachbarn reloaded“ läuft ja noch. Das Veranstalter-Team um Franz-Josef Appel, Anne und Paul Schumacher sowie Bernd Gilles war froh, mit den beiden Springmäusen zum ersten Mal auch Kabarett ins Festival eingebaut und damit eine interessante Alternative zur reinen Musik angeboten zu haben.
