Gedenktag zur Befreiung des Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau
„Programm zwischen Mord und Musik“
Streicherakademie Reifferscheid präsentierte Musik und Texte in der Ahrweiler Synagoge
Bad Neuenahr-Ahrweiler. „Ein Tag des Erinnerns in Wort, Bild und Musik“ sollte es sein, wie der Vorsitzende des Bürgervereins Synagoge, Klaus Liewald, die Gedenkveranstaltung vergangenen Sonntagnachmittag in der ehemaligen Synagoge in Ahrweiler bezeichnete. Sie erinnerte an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau vor genau 68 Jahren, am 27. Januar 1945. Dafür hatte er mit der Streicherakademie Reifferscheid hochkarätige Protagonisten gewonnen, die nicht nur für die dem Anlass gemäße musikalische Gestaltung sorgten, sondern mit einprägsamen Texten auch die Brücke in die Geschichte schlugen. Quasi ein „Programm zwischen Mord und Musik“, wie es Liewald drastisch, aber treffend bezeichnete.
Die Texte, wenn auch größtenteils ganz unterschiedlicher Natur und Herkunft, variierten dabei die Themenwelt Tod, Ende und Vernichtung - als Imitationen des gleichen Themas, wie man es vom musikalischen Kompositionsprinzip der Fuge her kennt. Die Fuge war daher sowohl musikalisch als auch inhaltlich auch das Kompositionsprinzip des Gedenknachmittags in der Synagoge.
Anne Frank und ihre „Kitty“
Es begann mit der 2010 veröffentlichten Anne-Frank-Musik von Lothar Lämmer, einem Fugenspezialisten sozusagen. Almut Nikolayczik mit der Geige, Uta Wise mit der Viola und Norbert Nikolayczik am Violincello trugen die schwere, sperrige Komposition vor. Passend dazu las Markus von Hagen Auszüge aus dem Tagebuch der berühmten Schreiberin, die mit 15 Jahren Anfang März 1945 im KZ Bergen-Belsen starb, nachdem sie sich von Mitte 1942 bis Mitte 1944 mit ihrer gesamten Familie und anderen Juden im Firmengebäude ihres Vaters in der Amsterdamer Prinsengracht 263 versteckt gehalten hatte.
Am 20. Juni 1942 schreibt sie im „Kitty“ getauften Tagebuch beispielsweise die lange Liste von Verboten für Juden auf: „Erst kam der Krieg, dann zogen die Deutschen in Holland ein. Sie erließen immer neue Gesetze, und für die Juden wurde es besonders schlimm. Sie mussten den Stern an der Kleidung tragen, sie mussten ihre Fahrräder abgeben, sie durften nicht mehr mit der Straßenbahn fahren, mit dem Auto schon gar nicht. Juden durften nur von 3 bis 5 Uhr einkaufen. Sie durften nach 8 Uhr abends nicht mehr auf die Straße und sie durften sich nach dieser Zeit auch nicht mehr im Garten oder auf dem Balkon aufhalten. Juden durften nicht ins Theater, nicht ins Kino und nicht in andere Vergnügungsstätten. Sie durften auch nicht mehr schwimmen, Tennis und Hockey spielen, überhaupt keinen Sport mehr treiben. Juden durften nicht mehr zu Christen zu Besuch gehen. Jüdische Kinder mussten jüdische Schulen besuchen. Es gab immer neue Bestimmungen und unser Leben wurde immer schwerer.“
Nach dem Aufruf, sich bei der SS zu melden, sei der letzte Ausweg das Untertauchen gewesen, aber: „Untertauchen! Wo sollen wir untertauchen? In der Stadt? Auf dem Lande? In irgendeinem Gebäude? In einer Hütte? Wann? Wie? Das waren Fragen, die ich nicht stellen durfte, die aber immerzu in meinem Kopf herumgingen.“ (8. Juli 1942) Und sie rechnet mit ihrem Herkunftsland ab: „Ein schönes Volk, die Deutschen, und da höre ich doch irgendwie auch dazu. Aber nein, Hitler hat uns doch längst staatenlos gemacht. Und eigentlich gibt es keine größere Feindschaft als die zwischen Deutschen und Juden.“ (9. Oktober 1942)
Im letzten Eintrag am 1. August 1944 charakterisiert sie sich als lebenslustig, albern und frech nach außen, aber schwer und still im Innern - und dennoch als eine „glückliche Innennatur“.
„Nathan“ und „Todesfuge“
Aus „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) stammten die Ringparabel und die Pogromszene, zu der das Trio Adagio und Fuge KV 404a, I d-moll vom Meister der Fuge Johann Sebastian Bach beziehungsweise von Wolfgang Amadeus Mozart spielten. Zwischen beiden Texten schob von Hagen die weltbekannte „Todesfuge“ (deutsche Fassung 1948) ein, das bekannteste Gedicht von Büchnerpreisträger Paul Celan. „Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends ?/ wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts ?/ wir trinken und trinken / ?wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng“ (1. Strophe). Durch ihre musikalischen Strukturen eignet sich die Todesfuge besonders für den Vortrag - das bewies der Sprecher auch an diesem Nachmittag. Celan hat sich übrigens später, was weitestgehend unbekannt ist, von diesem Gedicht mit seiner rhythmischen, eindringlichen Gestaltung und seinem Pathos distanziert und im Gedichtband „Sprachgitter“ die „Engführung“ entgegengesetzt - ebenfalls ein musikalischer Fachbegriff aus dem Umfeld der Fuge. Das Präludium und Fuge über B-A-C-H op. 46 von Hanns Eisler (1898-1962) in Zwölftontechnik leitete über zu Hermann Hesses bekanntem Gedicht „Stufen“. „Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde ?/ Uns neuen Räumen jung entgegen senden,? / Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...? / Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“ heißt es zum Ende - ein Zeichen der Hoffnung trotz Ende und Tod.
Dementsprechend fiel der Schlusspunkt mit Franz Schuberts (1799-1827) Triosatz in B-Dur D 471 Allegro auch eher heiter und fröhlich aus - ein Kontrapunkt zum getragenen, schweren Stil der vorangehenden Stücke. Mit ihm im Ohr ließ es die rund 50 Zuhörer, die Musiker und Vortragenden mit anhaltendem, lautem Beifall verabschiedeten, leichter nach Hause gehen. BÜN
