Einwohnerversammlung in Bad Neuenahr-Ahrweiler
Schaukelstuhl oder Schaukelpferd?
Experte Dr. Winfried Kösters referierte zu Chancen und Auswirkungen des demografischen Wandels
Bad Neuenahr-Ahrweiler. „Obwohl die anstehende Umwälzung der Alterspyramide und der heute bereits bestehenden ethnischen Vielfalt seit Langem bekannt ist, haben es bislang die meisten Städte und Kommunen versäumt, auf diesen Umbruch mit adäquaten Entscheidungen und einer zukunftsorientierten Politik zu reagieren. Weder die gestiegene Lebenserwartung, noch der Geburtenrückgang, geschweige die durch eine ungesteuerte Migration drohenden ethnischen Veränderungen sind bisher auf dem Radar von Politik und Gesellschaft aufgetaucht. Dabei hat gerade der Geburtenrückgang schon ein derart dramatisches Ausmaß angenommen, dass bereits jetzt eine komplette Generation fehlt, die Kinder in die Welt setzen könnte. Da sich gleichzeitig der Anteil der älteren Menschen erhöhen wird und dementsprechend immer weniger junge, arbeitende und Steuern und Sozialabgaben zahlende Menschen für immer mehr Rentner und Pensionäre aufkommen müssen, droht dem sozialen Frieden in der Bundesrepublik eine große Zerreißprobe“, so der gefragte Experte, Publizist und Redner Dr. Winfried Kösters, der im Rahmen einer von der Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler einberufenen Einwohnerversammlung über das Thema „Demografischer Wandel - Schaukelstuhl oder Schaukelpferd?“ referierte.
Zuvor hatte Bürgermeister Guido Orthen die rund 100 Besucher mit den Worten begrüßt: „Heute ist ein Startschuss für eine offene Diskussion darüber, was sich angesichts der demografischen Entwicklung in unserer Stadt bereits geändert hat und noch ändern wird!“ Anhand von Zahlen des Statistischen Landesamtes wies er auf die dramatischen Auswirkungen hin, die der so genannte demografische Faktor auch auf das Leben in Bad Neuenahr hat. So standen bei 27.342 Einwohnern im Jahr 2012 den 165 Geburten insgesamt 416 Sterbefälle gegenüber. Ungeachtet der 1564 Zuzüge bei 1336 Wegzügen sagt die Statistik für 2030 ein Sinken der Einwohnerzahl auf 24.760 voraus. Außerdem werden nur 11,1 Prozent der Kreisstadtbewohner im Jahre 2030 jünger als 18 Jahre sein, 41,2 Prozent werden 65 Jahre und älter und 15,1 Prozent werden sogar älter als 80 Jahre sein.
Jedoch nicht nur die Politik in Stadt und Land, sondern insbesondere auch die Bürger müssen sich auf den durch die Veränderung der Altersstruktur hervorgerufenen Wandel in der Gesellschaft einstellen. Dass der demografische Wandel nicht nur Bad Neuenahr betrifft, machte Winfried Kösters anschließend in seinem Vortrag deutlich, indem er darauf hinwies, dass bereits im Jahr 2009 bundesweit mehr Menschen über 65 Jahre gezählt wurden als unter 20-Jährige. Die Lebenserwartung der Menschen hat sich seit 1871 verdoppelt. Jedes zweite heute geborene Kind wird im Durchschnitt 102 Jahre alt. Die Rentengrenze von 65 Jahren stammt aus einem Gesetz von 1913. Heute kommen die Menschen durch die zunehmende Lebenserwartung wesentlich länger in den Rentengenuss. Allein in Bad Neuenahr-Ahrweiler wird die jährlich notwendige Vorsorgeaufwendung für Beamte von jetzt etwa 800.000 Euro auf 1,81 Millionen Euro im Jahr 2036 steigen.
„Die Lage ist“, so Winfried Kösters, „bereits sehr ernst, doch bei richtiger politischer Weichenstellung noch immer in den Griff zu bekommen. Dazu gehören mutige und zukunftsorientierte Entscheidungen. Das Bildungssystem, ein wesentliches Instrument zur Zukunftsgestaltung, wird es sich nicht mehr leisten können, bestimmte Schüler aufgrund ihrer vermeintlichen Lernschwäche aufzugeben. Es wird, aus wirtschaftlichen und sozialpolitischen Notwendigkeiten, notwendig werden, alle vorhandenen humanen Ressourcen zu nutzen, um die Zukunftsfähigkeit Deutschlands zu gewährleisten. Ein Gemeinwesen, dessen Anteil an älteren, nicht mehr direkt am Produktionsprozess beteiligten Menschen stetig steigen wird, kann es sich ebenfalls nicht mehr leisten, das vorhandene Fachwissen und die Erfahrungen dieser Gruppe einfach ‚in Rente‘ zu schicken. Diese stille Reserve wird in Zukunft ebenfalls dringend benötigt.“ Ein weiteres vom Referenten angesprochenes Problem war die Frage: „Wie stellen wir uns das Miteinander der Generationen und Kulturen vor?“ Kösters machte zum Thema Integrationspolitik deutlich, dass die Anzahl der Bevölkerung in Deutschland (auch in Bad Neuenahr-Ahrweiler) nur durch eine verstärkte Zuwanderung aus anderen Kulturkreisen gehalten werden könne. Schließlich bekämen Frauen mit Migrationshintergrund im Verhältnis zu deutschen Frauen mehr als doppelt so viele Kinder.
Weniger, bunter, älter sei kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis einer seit Jahrzehnten betriebenen Politik, deren ideologische Fixierung es verhindert habe, sich auf die wirklichen Probleme zu konzentrieren. Es sei die traurige Ironie der Geschichte, dass die Verursacher der aktuellen demografischen und ethnischen Schieflage die Letzten seien, die von den Errungenschaften dieses in Zukunft nicht mehr finanzierbaren Renten- und Sozialsystems profitierten. Die Folgekosten dieser Politik trügen ihre immer weniger werdenden Enkel.
Der Vortrag von Dr. Kösters zum Thema „Schaukelstuhl oder Schaukelpferd“ stimmte die Zuhörer sehr nachdenklich. Fotos: FRE
Bei der abschließenden Diskussion wurden von den Besuchern einige interessierte Fragen gestellt.
