Gitarrenkonzert mit dem DUO ORFEO in der Villa Bellestate
Stunden des Kunstgenusses
Grafschaft. So manch einer mag sich wegen des miesen Novemberwetters nicht aufgerafft haben, das Gitarrenkonzert des Duo ORFEO im Grafschafter Kunstverein in Holzweiler aufzusuchen. Zumal bei schönem Wetter viele Besucher nach der Matinee, die Ahr zum Wandern aufsuchen. Auch ist das Gitarrenspiel zu sehr mit Vorstellungen über Klangwirkungen spanischer bzw. südamerikanischer Kompositionen (z.B. Astor Piazzolla mit dem Tango Nuevo etc.) belegt.
Umso mehr war das dennoch zahlreich in der Villa erschienene Publikum freudig überrascht, galt es doch die klangliche Vielfalt und technischen Möglichketen, die Weite und Tiefe des Gitarrenduos zu entdecken. Das Gitarrenkonzert brachte neben Eigenkompositionen der Gitarristen Christian Wernicke und Christian Kütemeier vorwiegend Klassiker in der Bearbeitung für Gitarre zur Aufführung. Das Spannende an diesen Transkriptionen ist das Hörerlebnis neuer Klangwelten, bei dem dennoch die alte musikalische Grundstruktur erkennbar ist. Das ist etwa bei Ludwig van Beethoven`s Streichquartett Op. 59 No.3 in der Bearbeitung von Vincenz Schuster nicht so gelungen, wie bei den anderen in der Matinee vorgetragenen Kompositionen.
Zum Auftakt begannen die beiden Stipendiaten des Deutschen Musikrates und der Villa Musica mit Johann Kaspar Mertz, einer der ersten, der die Gitarre im 19. Jahrhundert hoffähig machte. Bei dem Klagegesang „Am Grabe des Geliebten“ und „Unruhe“ wurde die Wehmut und das leidenschaftliche Aufgebehren und in der „Barcarole“ das verspielte Ineinander der Gitarren spürbar. Sie sind entzückende Charakterstücke aus dem Geist der musikalischen Romantik - in einer Zeit, in der etwa Robert Schumann sein „Album für Jugend“ schuf. Es folgte Joseph Haydn mit der Piano Sonata Nr. 20, die in ihrer klanglich gezupften Wirkung noch schöner durch die Gitarren hervortrat. Georg P. Telemann`s für Cembalo komponierte „Gulliver Suite“ fußt auf dem utopisch-satirischen, vierteiliegen Reiseroman „Reisen in verschieden ferne Länder der Erde.“ Den Gulliver`s Travels, die zu ihrer Zeit zu den meistgelesenen Büchern der abendländichen Literatur zählten, entnimmt Telemann fünf Szenen, deren ergötzliche Phantastik und satirische Fabulierkunst das rationale Menschenbild der Aufklärung in Zweifel verunglimpft.
Die kurze und musiktechnische Einführung der beiden Musiker in die anderen Themen aus Gulliver`s Reisen machte dann die pointierte Inszenierung durch die beiden Gitarren überdeutlich und löste beim Publikum große Heiterkeit aus. Um es in die Moderne der Gitarrenmusik für kurze Zeit zu entführen, spielte das Duo Orfeo zwischen den Stücken ganz spontan eine rasante Improvisation, bei dem das Experiment im Vordergrund stand, um schließlich die „Fandango-Phase“ als eigene Komposition vorzutragen, in der die Instrumente mit der Technik des „Aneinandervorbei-Musizierens“ (eine Stimme überholt die andere) an das Fangenspielen von Kindern erinnert. Eigentlich hätte man von dem geistlichen Komponisten und Organisten des Klosters Escorial bei Madrid, dem Padre Antonio Soler Ramos, eine etwas frommere Musik erwartet. Schon deswegen überrascht sein „Fandango“, der Vorgänger des Flamenco.
Die einfallsreichen und rhythmisch wie melodisch überraschenden und häufig wie improvisiert wirkenden Variationen beginnen mit einer langsamen Einleitung (Tiento), dem der eigentliche Fandango folgt, der aus freien Variationen und immer gleichen Akkordfolgen besteht.
Der Reiz liegt in der puren Freude am Rhythmus, an der treffsicheren Meisterschaft und am kapriziösen Einfall. Das Duo Orfeo verabschiedete sich mit dem unbändigen erotischen Zauber dieses Tanzes, der sein Modell im spanischen Nationaltanz hat.
