Allgemeine Berichte | 15.06.2015

Dr. Susanna Smolenski tritt in den Ruhestand

Traumatisierten Menschen helfen

Chefärztin der Dr. von Ehrenwall´schen Klinik in Ahrweiler entwickelte neue Wege der Therapie

In wenigen Tagen wird Dr. Susanna Smolenski ihr Sprechzimmer in der Klinik verlassen.WM

Ahrweiler. Der Name Smolenski ist untrennbar mit der Dr. von Ehrenwall´schen Klinik in Ahrweiler verbunden. Das private Fachkrankenhaus für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Neurologie wurde 1877 von Carl von Ehrenwall als „Ehrenwallsche Kuranstalt für Gemüts- und Nervenkranke“ gegründet und befindet sich inzwischen in der vierten Generation in Familienbesitz. Geschäftsführer und Chefarzt ist Dr. Christoph Smolenski, seine Frau Dr. Susanna Smolenski hat 32 Jahre als Oberärztin und Chefärztin gearbeitet. Sie war vor allem auf dem Gebiet der OEG-Traumatherapie tätig, hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die von ihr begründete Traumaambulanz ein festes Therapieangebot des Hauses wurde. Sie entwickelte ein klinikeigenes Konzept und sorgte für überregionales Renommée. Jetzt verabschiedete sich Dr. Susanna Smolenski von ihrem Team und den Ärzten der Klinik mit einem Symposium. Das Thema: natürlich Traumatherapie. Mit der engagierten Medizinerin sprach Werner Meyer.

Blick aktuell: Wenn Sie über Ihre Arbeit in der Klinik und vor allem über die Arbeit im Team der Traumatherapie sprechen, leuchten Ihre Augen, Sie sprechen mit Worten und Gesten, Ihr Engagement ist deutlich spürbar. Und nun hören sie auf. Warum?

Dr. Susanna Smolenski: Ich habe das eigentliche Rentenalter überschritten, irgendwann muss man auch Zeit für andere Dinge, für private Wünsche haben. Aber Sie haben Recht. Die Traumatherapie ist mein Leben. Ich habe vor 25 Jahren in der Klinik die OEG-Traumambulanz eingeführt, ein Pilotprojekt des Mainzer Gesundheitsministeriums. Viele Menschen sind aus den unterschiedlichsten Gründen traumatisiert. Sie haben teilweise Schreckliches erlebt und leiden darunter. Diesen Patienten möchten wir helfen und haben dabei große Erfolge erzielt. Vielen haben wir durch unsere Therapie wieder ein ´normales´ Leben ermöglicht.

Blick aktuell: Sie sprechen die Ursachen an. Was kann diese Traumata auslösen?

Dr. Susanna Smolenski: Die Gründe liegen in schrecklichen Erlebnissen, die alles übersteigen, was ein Mensch an Belastendem erleben kann. Das kann sexueller Missbrauch in der Kindheit sein, manche Senioren leiden noch heute unter grausamen Begebenheiten im Krieg wie Folter oder Bombenangriffen, wieder andere haben hinnehmen müssen, wie ein Einbrecher ihre Wohnung verwüstet oder sich sogar an ihnen vergangen hat. Es gibt aber noch viele andere Auslöser für ein Trauma. Und meist liegt die belastende Störung tief. Erst wenn der Patient Vertrauen gewonnen hat und sich mitteilt, kann der Therapeut die Ursache des Traumas feststellen. Im besten Fall passiert das nach wenigen Sitzungen, und der Patient redet sich frei, überwindet das Trauma. Bei anderen Menschen kann die Therapie auch deutlich länger dauern.

Blick aktuell: Wie äußern sich die Traumata beim Patienten und wie kommt der Kranke dann zu Ihnen?

Dr. Susanna Smolenski: Auch hier treten sehr unterschiedliche Symptome auf. Hinweise auf ein Trauma können sein plötzliches Auftreten von Bildern der traumatischen Situation (Flashbacks), starke innere Anspannung, unerklärliche plötzliche Schmerzen, Gefühllosigkeit einzelner Körperteile, Schreckhaftigkeit, Unsicherheit und Hilflosigkeit, Angst vor anderen, Selbstverletzungen, Depressionen. Früher wurden diese Hinweise von Ärzten oft falsch gedeutet und mit starken Medikamenten fast betäubt. Oder: Mädchen, die missbraucht wurden, haben die Täter, meist Verwandte oder sogar die Väter, geschützt und geschwiegen. Da haben sie unter Umständen jahrzehntelang dieses schreckliche Erlebnis mit sich herumgetragen. Erst spät, viel zu spät haben sie sich Ärzten, Freunden oder Lehrern, eventuell auch der Mutter offenbart. Heute werden die Kinder in den Schulen aufgeklärt und dazu gebracht, über solche Vorfälle zu reden. Die Traumata erzeugen bei den Betroffenen nicht nur Schmerzen, sondern auch Erscheinungen. So erlebt ein SS-Mann heute noch, wie er im Krieg Gefangene gequält hat, Kinder sehen ihren Peiniger plötzlich vor sich, obwohl die Tat lange her und er längst tot ist.

Blick aktuell: Wie sehen die Gespräche mit den Patienten aus?

Dr. Susanna Smolenski: Ein Trauma kann man sich im übertragenen Sinn wie einen Abszess unter der Haut vorstellen. Die kranke Stelle ist vom Körper abgekapselt, denn der Mensch hat einen eigenen Schutzmechanismus. Er verdrängt das, was ihm schlimm und schädlich erscheint. Um an diesen verborgenen Punkt heranzukommen, spricht der Therapeut lange und intensiv mit dem Patienten.

Wird es für ihn zu viel, werden leichte Entspannungsübungen eingebaut. Wer lange geschwiegen hat, für den ist es psychisch und physisch sehr anstrengend, über seine tiefen Probleme zu reden. Eine Therapie kann nur dann erfolgreich sein, wenn der Traumatisierte Vertrauen gewinnt und sich selber in die Hand des Arztes gibt. Es kann ein weiter Weg sein, denn das, was am schwersten zu sagen ist, wird erst am Schluss der Therapie ausgesprochen.

Blick aktuell. Traumatherapie ist ein noch recht junger Zweig der Psychiatrie. Warum?

Dr. Susanna Smolenski: Früher wurden die Betroffenen mit schrecklichen Erlebnissen allein gelassen.

Denken Sie an die Polizisten und Feuerwehrleute, die grausame Unglücke miterleben. Oder an die Hinterbliebenen bei Flugzeugabstürzen. Heute kümmern sich Ärzte und Psychologen sofort um diese Menschen. Und die Allgemeinmediziner sind sensibilisiert, um bei einem traumatisierten Patienten nicht wie einst zum Beispiel Schizophrenie zu diagnostizieren und starke Medikamente einzusetzen, sondern sie zu uns zu schicken. Posttraumatische Störungen sind nicht neu, nur die Wege, sie zu erkennen und zu therapieren, sind neu und deutlich besser geworden.

Blick aktuell: Frau Dr. Smolenski, wir danken Ihnen für das interessante Gespräch.

In wenigen Tagen wird Dr. Susanna Smolenski ihr Sprechzimmer in der Klinik verlassen.Foto: WM

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