Heimatverein Alt-Ahrweiler
Verdiente Persönlichkeiten und verfolgte „Hexen“
Neues Werk von Hans-Georg Klein enthält 66 ganz unterschiedliche Ahrweiler Biografien
Ahrweiler. Mit seinem fast schon monumental zu nennenden Mammutwerk „Quellen zur Geschichte der Stadt Ahrweiler“, dessen 7. Band im Frühjahr erschien und den Umfang der Werkreihe auf nunmehr 5274 Seiten heraufschraubte, ist Hans-Georg Klein DER Stadt(geschichts)schreiber Ahrweilers. Mit seinem neuen Buch „Ahrweiler Lebensbilder“ hat der 73-Jährige nun weitestgehend abseits von Ratsprotokollen & Co. einen anderen Weg beschritten, um sich der Ahrweiler Geschichte zu nähern - ein vielleicht für den Laien leichterer und spannenderer Zugang zur regionalen Historie. Dabei hat ihm sein jahrzehntelanges Quellenstudium natürlich bei vielen der insgesamt 66 Kurzbiografien, die er in dem 160 Seiten umfassenden Band versammelt hat, geholfen. So kamen in diesem Lesebuch Ahrweiler Lebensläufe vom Spätmittelalter bis ins 20. Jahrhundert zusammen: von Ritter Johann I. vom Forst bis hin zu Maler Franz Ulrich, von verdienten Persönlichkeiten bis zu verfolgten „Hexen“.
Und genau letzteren widmete sich Autor Hans-Georg Klein vergangenen Donnerstagabend bei der Buchvorstellung in der mit 45 Zuhörern gut besuchten ehemaligen Synagoge in Ahrweiler. „In meinem Buch gibt es leider nur zwei Biografien von Frauen - und die waren als Hexen angeklagt“, berichtete Klein. „Das hat damit zu tun, dass das weibliche Geschlecht nicht im Fokus der Quellenschreiber stand. Noch im 19. Jahrhundert musste eine Lehrerin aus dem Schuldienst austreten, wenn sie heiratete.“ Und er fügte schnell an: „Das zur Erklärung gegen die herbe Kritik, die ich schon einstecken musste aufgrund der nicht erfüllten Frauenquote“, scherzte Klein.
Das „Ahrweiler Hexenproblem“
Ahrweiler habe „von jeher“ ein „Hexenproblem“ gehabt, insgesamt seien 60 bis 70 Bürger während der großen Verfolgungswelle 1628 bis 1632 hingerichtet worden - sicherlich auch ein Reflex auf die unsichere Zeit während des Dreißigjährigen Kriegs, als man Sündenböcke brauchte. In der zu Kurköln zählenden Stadt wäre der Verfolgungswille aber besonders hoch gewesen, vielfach hätten Bürger und Bürgervertreter - allen voran die Hutenmeister - der Obrigkeit vorgeworfen, „zu wenig Hexen“ zu verbrennen.
Schon 1609 seien zwei Personen auf dem Scheiterhaufen geendet, während andere Angeklagte freigelassen worden. „20 Jahre später wären die nicht mehr davongekommen“, kommentierte Klein. 1611 gab es einen Aufruhr, als zwei Bürger inhaftiert wurden, die gegen „das Hexenwerk“ in Ahrweiler vorgehen wollten. Der namhafte Jurist Prof. Stephan Broelmann aus Köln wurde eigens zu ihrer Verteidigung während des Prozesses in Bonn engagiert.
Einige Legenden rund um die Hexenverfolgung in Ahrweiler stellt Autor Klein in seinem jüngsten Werk klar. So sei der Hohenstein auf dem Calvarienberg nie Hinrichtungsstelle gewesen. „Das ist eine Legende, die dazu diente, das Wallfahrtsgeschäft anzukurbeln“, so Klein. Tatsächlich wären die Opfer auf der Ellig verbrannt worden. Noch heute deuteten die Flurnamen „Am Gericht“ und die benachbarte Flur „Beilacker“ auf die grausige Vergangenheit des Areals hin. Die angebliche Hinrichtung von Margareta Stapelberg, der Frau des Prümer Hofschultheißen Nikolaus Stapelberg, sei sogar „eines der größten Irrtümer der Ahrweiler Geschichte“. Denn sie sei bereits im Juni 1623 gestorben und auf dem Friedhof bestattet worden, was für eine „Hexe“ nicht in Frage gekommen wäre. Dagegen ist ihr Ehemann tatsächlich als angeblicher Hexer 1629 verbrannt worden - „dessen Hinrichtung war für die Geschichtsschreiber allerdings wohl nicht so interessant wie die einer Hexe“, erklärte Klein. 1632 wurden in der Stadt nur noch sechs Menschen als Hexer oder Hexen ermordet, worauf sich die Hexenräte folgerichtig auch über die zögerliche Durchführung der Hexenprozesse beschwerten. Bald darauf waren die Hexenverfolgungen in Ahrweiler zu Ende. Einen Einzelfall hatte Hans-Georg Klein aber noch für seine interessiert lauschenden Zuhörer. Die 1622 in Ahrweiler getaufte Maria Cecilia Peltzer, deren Vater Kirchenmeister in der Bachemer Anna-Kapelle war und aus deren Familie bereits einige Mitglieder als Hexen oder Hexer hingerichtete worden waren, behauptete 1630 in Köln, ein „Hexenmacher“ zu sein. Der Teufel habe sie dazu gebracht, Gott abzuschwören. Doch den Ausführungen der damals Achtjährigen von dezidierten sexuellen Handlungen während eines Hexensabbats mochte man selbst in dieser verwirrten Zeit keinen Glauben zu schenken. Es gab also keinen Prozess, sondern sie wurde lediglich der Stadt verwiesen. Danach verlor sich ihre Spur in den historischen Aufzeichnungen.
Illustrer Querschnitt durch die Gesellschaft
„Mancher mag über die Hexenverfolgungen und den Aberglauben der damaligen Zeit heute den Kopf schütteln. Aber es ist erst 70 Jahre her, als in Deutschland die Juden verfolgt wurden“, erinnerte Klein am symbolträchtigen Ort, der am 10. November 1938 verwüsteten Synagoge von Ahrweiler, an das dunkelste Kapitel der deutschen und Ahrweiler Geschichte.
Doch sei sein Buch natürlich kein „Hexenbuch“, sondern umfasse 66 Porträts von Ahrweiler Bürgern, „nicht nur verdienten“. Es könne daher als „illustrer Querschnitt durch die Gesellschaft und 700 Jahre Ahrweiler Geschichte“ gesehen werden. „Was jetzt noch fehlt, sind die Leser“, lachte Klein.
Die fanden sich schnell, denn spontan erstanden einige Zuhörer nach dem spannenden Vortrag das Werk bereits vor Ort. Für alle anderen liegt das mit alten Stichen und Fotografien wunderschön gestaltete Buch zum Kauf in der Buchhandlung am Ahrtor und der Are-Buchhandlung in Bad Neuenahr zum Kauf bereit (ISBN 978-3-930376-91-9). Vorsitzender Dr. Wilbert Herschbach betonte, dass der Heimatverein die Herausgabe des Werks ohne finanzielle Unterstützung von dritter Seite verwirklicht habe. Friedhelm Münch, Beigeordne ter des Kreises Ahrweiler, lobte in seiner Rede den Autor der Ahrweiler Lebensbilder: „Keiner in Ahrweiler hat sich den Geschichtsquellen so angenommen wie Sie, Herr Klein. Es ist beeindruckend, was Sie seit 1998 geleistet haben.“ Und er lachte: „Sie können es einfach nicht lassen, der 8. Band ihrer Quellensammlung ist ja bereits in Bearbeitung.“
66 Kurzbiografien und 160 Seiten umfasst das Werk.
