Neues aus dem Mehrgenerationenhaus in Bad Neuenahr
Viele Hände fingen ihn auf
50-jähriger Neuenahrer trotzt dem Alkohol und engagiert sich, um anderen Menschen zu helfen
Bad Neuenahr-Ahrweiler. Vielleicht hat er Ihnen schon einmal einen Kaffee an den Tisch im Mehrgenerationenhaus gebracht, vielleicht einen Schal des SC 07 im Stadion-Fanshop des Vereins oder in der Geschäftsstelle eine Karte für den Frauenfußball verkauft, oder Sie haben ihn beim Theaterspielen auf der Bühne gesehen, haben mit ihm im Fitnessstudio trainiert. Es kann aber auch sein, dass Sie Jochen Hörstensmeyer kennen von einem sehr alkoholbestimmten Abend in der Kölner Altstadt. Der 50-Jährige lebt inzwischen in Bad Neuenahr und hat eine jahrzehntealte „Trinkerkarriere“ hinter sich, engagiert sich im Mehrgenerationenhaus der Stadt, hat ein neues Leben an der Ahr begonnen.
„Ohne meinen starken Willen, aber auch ohne die vielen Menschen, die mir geholfen haben, hätte ich diesen Neuanfang nicht gepackt“, sagt der gelernte Immobilienmakler und studierte Textilkaufmann beim Blick auf eine sehr bewegte Vergangenheit. Aus der Domstadt ist er fast geflüchtet, als er erkannte, dass die Sucht ihn zerstört. „Ich musste weg von meiner bisherigen Umgebung, weg von den Saufkumpanen, um nicht in Versuchung zu geraten. Ich kam in die Klinik Tönisstein in Bad Neuenahr, und da begann mein zweites Leben. Die Ärzte und Therapeuten haben mich umgekrempelt, das war teilweise sehr emotional und intensiv, doch ich fand dort auch die notwendige Kraft, um trocken zu bleiben und nun ein zufriedenes und glückliches Leben führen zu können.“
Freundliche Aufnahme
Ohne neue Freunde, ohne Perspektiven, ohne Hände, die sich ihm entgegenstreckten, hätte Jochen Hörstensmeyer es nicht geschafft, weiß er. Schon in Köln hatte sich der sportliche und fröhliche Makler bei der Diakonie ehrenamtlich engagiert. In Bad Neuenahr nach seiner Reha lernte er bei abendlichen Gottesdiensten in der Rosenkranzkirche Pfarrer Peter Dörrenbächer kennen und schätzen. Bei einem langen Gespräch riet ihm der Geistliche, mit dem Mehrgenerationenhaus Kontakt aufzunehmen. „Hier wurde ich wie in einer Familie aufgenommen, alles lief auf Augenhöhe, ich wurde mit offenen Armen integriert“, blickt der heute 50-Jährige mit Dankbarkeit zurück.
Schnell Anschluss gefunden
Leiterin Marion Surrey setzte „den Neuen“ gleich im Café ein, dort arbeitete er ehrenamtlich fast jeden Tag und lernte im Team, sich einzubringen. „Ich empfand das Haus als eine Oase, in der ich mich wohlfühlte, anerkannt und behütet. Ich bin Mitglied in der Theatergruppe ‚Die Spicker‘, wir treten mehrmals im Jahr auf“, so hat Hörstensmeyer schnell Anschluss gefunden. In der Ehemaligengruppe der Tönisstein-Klinik, die sich jeden Freitag trifft, helfen sich die Teilnehmer gegenseitig, indem sie sich austauschen. „In der Reha habe ich erfahren, dass diese Krankheit ein Leben lang besteht. Man muss immer auf der Hut sein, reflektieren lernen, sich selbst beobachten, seine Unruhe in den Griff bekommen und seine Aggressionen überwinden. Das ist ein dauernder Prozess. Wer einmal Alkoholiker geworden ist, wird es immer sein. Mit eigener Stärke und Hilfe von außen kann man aber trocken bleiben.“
Der Weg zu seinem Leben ohne Alkohol führt für den 50-Jährigen nur über das Mehrgenerationenhaus, die „Ehemaligen Tönissteiner“, „Die Spicker“, einen neuen Freundeskreis und die Nachsorge bei der Caritas. „Man muss lernen und bereit sein, auch nach der Klinik Hilfe anzunehmen“, sagt der Hörstenmeyer. Dazu hat er sich beim SC 07 angeboten, den Verein bei den Heimspielen zu unterstützen. Vorher jobbte er mehr schlecht als recht als Türsteher in einer Diskothek, als Platzanweiser im Kino und am Fließband. Dann begann er im Februar 2012 ehrenamtlich, im Merchandising den Damen-Bundesliga-Club zu unterstützen. „Ich lernte beim SC 07 tolle Menschen kennen und wurde sehr offen aufgenommen. Inzwischen arbeite ich auch auf der Geschäftsstelle und absolviere dort ein Bundesfreiwilligenjahr.“ Da bleibt die Küche im Mehrgenerationenhaus zeitlich etwas auf der Strecke, bedauert Marion Surrey, doch sie setzt den beliebten Kollegen gerne ein, wann immer er kann. Hörstensmeyer: „Meine Tätigkeit hier ist mir eine Herzensangelegenheit. Man hat mich freundlich und ohne Vorurteile empfangen, auch als ich von meiner Alkoholkrankheit erzählte. Hier arbeite ich aus voller Überzeugung, wir alle sind wie eine Familie. Das Wichtigste für mich ist: Dahin, wo ich noch vor gar nicht so langer Zeit war, möchte ich nie mehr zurück. Ich rede nicht gerne über meine Krankheit, doch vielleicht kann ich durch mein Engagement und als Beispiel, dass man es schaffen kann, anderen Menschen helfen.“
