Warum Prof. Dr. Stefan Sell die Hospizbewegung unterstützt
„Wir müssen ein großes Rad drehen“
Der ausgewiesene Experte in Sachen Sozialpolitik engagiert sich neuerdings ehrenamtlich im Vorstand der Hospiz-Stiftung Rhein-Ahr-Eifel. Im Kreis Ahrweiler sieht er gute Voraussetzungen, „die neuen Wege zu gehen, die wir in Zukunft gehen müssen“
Bad Neuenahr. Wenn es in Deutschland um Arbeitsmarktfragen oder Sozialpolitik geht, dann ist er oft erster und kompetenter Ansprechpartner. Die Expertise von Stefan Sell ist gefragt in Wissenschaft und Medien, ob es um die Finanzierung der Altenpflege, Bildung, Mindestlohn, Gesundheits- oder Rentenreform geht. Obwohl viel beschäftigt, engagiert sich der Professor für Volkswirtschaftslehre, Sozialpolitik und Sozialwissenschaften am Rhein-Ahr-Campus neuerdings ehrenamtlich im Vorstand der Hospiz-Stiftung Rhein-Ahr-Eifel. Über seine Beweggründe und Absichten spricht er im Interview.
Die Sozialpolitik ist ein weites Feld. Da hätte es Vieles sein können. Einige im AW-Kreis erinnern sich vielleicht, dass Sie Gründungsvorsitzender des Trägervereins der KiTa am Rhein-Ahr-Campus waren und sich darüber hinaus bundesweit für die Verbesserung der Kindertagesbetreuung ausgesprochen haben. Und nun widmen Sie Ihre nicht gerade üppige Freizeit dem anderen Ende der Alterspyramide?
Die Kinder gehören genauso wie die Ältesten zu den Verletzlichsten in unserer Gesellschaft. Das ist für mich eine Klammer. Und schon seit vielen Jahren habe ich mich aus sozialpolitischer Sicht auch mit dem Thema Sterbehilfe auseinandergesetzt. In meinem Blog zur aktuellen Sozialpolitik ist das sogar eine eigene Kategorie. Nicht zuletzt ist es mir vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung ein Anliegen, einen Beitrag zu leisten, Menschen in ihrer letzten Lebensphase ein würdevolles Ende zu ermöglichen.
Ein „würdevolles Ende“? Was ist das für Sie? Die kurze Definition lautet so: Dass ich in der letzten Phase weiß, ich brauche nicht unter unerträglichen Schmerzen zu leiden. Eine gute Behandlung durch die moderne Palliativmedizin ist für mich unabdingbar für ein würdevolles Sterben und, dass da Menschen sind, die einem beistehen. Eine gute hospizlich-palliative Begleitung ist die Alternative zur vermeintlich „schnellen und sauberen Lösung“, die die Sterbehilfeindustrie mit dem „assistierten Suizid“ propagiert. Diese suggeriert, dass man „einfach einschläft“, setzt Schwerkranke unter Druck und erschüttert Angehörige, die vor vollendete Tatsachen gestellt werden, nachhaltig.
Sie reden von Sterbehilfe und warnen, wie viele andere, vor den Folgen des Urteils der Aufhebung des Verbots der geschäftsmäßigen Suizidassistenz.… Ja. Insbesondere, weil es dazu geführt hat, dass mittlerweile kein Land der Welt ein so nicht(!)-reguliertes System wie Deutschland hat. Das birgt die Gefahr von Missbrauch und, dass man daraus rein wirtschaftlich orientierte Geschäftsmodelle entwickelt. Und das vor dem Hintergrund, dass Sterbehelfer nur eine einzige „Hürde“ nehmen müssen: den Nachweis – und nicht einmal der ist geregelt – dass die Entscheidung, seinem Leben ein Ende zu setzen, „freiverantwortlich“ getroffen wurde. Das passt in eine Zeit der Überhöhung von Individualität und von scheinbarer Autonomie. Dabei hat das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil 2020 auch ganz klar darauf hingewiesen, dass der Gesetzgeber sehr wohl Gesetze erlassen kann, in denen er z.B. Anforderungen klar definiert und Schutzmechanismen einbaut - wie ein Beratungsgespräch oder eine Kommission, in der mehrere entscheiden, ob das wirklich „freiverantwortlich“ ist.
Das ist aber bisher nicht passiert. Was also tun? Der Offensive der Sterbehilfeindustrie sollten wir mit Alternativen begegnen. Es ist wichtig, Ängste ernst zu nehmen und Menschen nicht alleine zu lassen. Deswegen planen wir beispielsweise eine Podiumsdiskussion zum Thema für Dienstag, 17. November, in Bad Neuenahr. Es geht nicht um Verbote, sondern darum, aufzuklären, praktische Hilfe zu leisten und Angebote zu machen. So, wie die hospizlich-palliative Versorgung. Deshalb habe ich nicht lange nachdenken müssen, als mich der Ruf in den Vorstand der Hospiz-Stiftung erreichte.
Sie haben also gleich „Ja“ gesagt? Genau. Weil ich hier zu Hause bin, und weil wir hier im Kreis Ahrweiler einen Glücksfall haben: Wir haben einen Hospiz-Verein, der nicht gewinnorientiert sondern gemeinnützig arbeitet. Und wir haben neben dem ebenso gemeinnützig betriebenen stationären Hospiz eine Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung (SAPV), eine Palliativeinheit im Krankenhaus und viele Ehrenamtliche, die vom Hospiz-Verein ausgebildet werden und zu den Menschen nach Hause kommen. Das berührt mich. Wir haben unheimlich gute Voraussetzungen in der Region, die neuen Wege zu gehen, die wir in Zukunft gehen müssen. Dazu benötigen wir jegliche Unterstützung und ein hochgradig engagiertes und tragfähiges Netzwerk. Deshalb habe ich sofort gesagt: Da bin ich dabei.
Welche Wege werden wir gehen müssen, bundesweit und im AW-Kreis? Wir müssen bestehende Systeme stabilisieren und weiter entwickeln, nicht bloß verwalten. Das hat die Hospizbewegung im Kreis Ahrweiler verstanden. Was auf uns zukommt, werden wir in den bisherigen Strukturen nicht mehr schaffen - in einer Gesellschaft mit mehr Alten, weniger Pflegekräften und knappen Kassen. Wesentlich ist es, neue Wohn- und Lebensformen zu etablieren, worüber wir im Bund schon seit 20 Jahren reden. Ein gutes Beispiel ist das Tageshospiz im AW-Kreis, das die Hospiz-Stiftung betreiben wird.
Sie haben ja schon Einiges mitaufgebaut, nun also das Tageshospiz? Wo sehen Sie in der Hospizbewegung Ihre Rolle? Mein Beitrag ist es nicht nur, meinen Namen zur Verfügung zu stellen oder notwendige Spenden einzusammeln. Auch meine Erfahrungen mit und im Gesundheitswesen bringe ich gerne ein, etwa beim fachlichen Austausch und beim Aufbau des Tageshospizes. Da sind schwierige Entscheidungen zu treffen, rechtliche und betriebswirtschaftliche Fragen zu lösen und große Summen zu bewegen. Da werden viele gebraucht, denn wir müssen ein großes Rad drehen.
Also wollen Sie mit Ihrem Engagement auch andere zum Mitmachen auffordern? Für die große Aufgabe, die vor uns liegt, brauchen wir sowohl geeignete Strukturen als auch Menschen, die dazu fähig bzw. befähigt sind, anderen beizustehen. Angesichts der vielen Menschen, die betroffen sind und künftig sein werden, schaffen wir die Aufgabe nur, wenn wir gemeinsam in unserem Sozialraum – also hier vor Ort – alle anpacken und begleiten. Jeder von uns hat eine Verantwortung und kann etwas tun. Angefangen damit, dass er sich über das Thema Sterben und die eigene Vorsorge Gedanken macht.
Zur Person
Stefan Sell, Jahrgang 1964, ist seit 1999 Professor für Volkswirtschaftslehre, Sozialpolitik und Sozialwissenschaften an der Hochschule Koblenz. Am Remagener Rhein-Ahr-Campus war er stellvertretender Leiter des Aufbauausschusses und baute unter anderem einen Studiengang auf. Nach Ausbildung zum Krankenpfleger und Abitur auf dem zweiten Bildungsweg in Essen hat der gebürtige Holsteiner in Bochum studiert und promoviert. Der ehemalige Referent im Landesarbeitsamt in Stuttgart und im Bundeskanzleramt in Bonn hat drei erwachsene Kinder und lebt mit seiner Frau in Remagen.
Einladung zum Welthospiztag
Die Hospizbewegung im Kreis Ahrweiler macht mit beim bundesweiten Welthospiztag unter dem Motto „So bunt wie das Leben. Hospiz.“ Dazu lädt sie für Samstag, 10. Oktober, um 11 Uhr ins Kino-Center Rhein-Ahr, Hauptstraße 67 in Bad Neuenahr, in dem um 11 Uhr der Film „Sechswochenamt“ gezeigt wird. Der Eintritt ist frei. Außerdem besteht ab 14 Uhr die Möglichkeit, die Hospizarbeit im Kreis Ahrweiler beim „Tag der offenen Tür“ in der Villa Höver, Georg-Kreuzberg-Straße 7, in Bad Neuenahr-Ahrweiler, kennen zu lernen.
Fast täglich erreichen Prof. Dr. Stefan Sell in seinem Büro in Remagen Anfragen von den Medien zu sozialpolitischen Fragen. Dabei geht es auch um die Pflegereform und um Sterbehilfe. Foto: Andrea Simons
Porträt von Prof. Dr. Stefan Sell Foto: Thomas Biesenbach
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