Bad Neuenahr-Stadt setzt bei der Ahrtal-Kaserne auf Bürgerbeteiligung
Zwischenbericht wurde vorgestellt
Bürger diskutierten potenzielle Nachnutzungsmöglichkeiten
Bad Neuenahr. Die letzten machen das Licht aus: Die Ahrtal-Kaserne in Bad Neuenahr steht ab Ende des Monats nun endgültig leer. Nur ein Fähnlein von sechs Aufrechten ist noch übrig geblieben. Einstmals kümmerten sich mehr als 500 Soldaten und Zivilangestellte um die Logistik des Heeres. Die Kaserne wurde im Zuge der Bundeswehrreform schrittweise geschlossen. Für die Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler mit ihrem Bürgermeister Guido Orthen ist die Zukunftsplanung der insgesamt 3,7 Hektar fassenden Liegenschaften eine Herkulesaufgabe. Bundeskriminalamt (BKA) und Bundeswehr Fuhrpark GmbH haben ihr Interesse an der Liegenschaft bekundet. Bestätigt wurde das auch durch die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BIMA). In der Kreisstadt möchte dennoch lieber auf Nummer sicher gegangen werden und schon seit Frühjahr wurde darum mit Experten von Drees und Sommer, einem internationalen Dienstleister für Entwicklungsmanagement, Infrastrukturberatung, Projektmanagement und Immobilienberatung aus Köln, die Kaserne aufs Genaueste unter die Lupe genommen. Dazu gehörte für die Kölner neben der Ahrtal-Kaserne auch das noch bis 2018 von der Bundeswehr belegte Logistikzentrum im Westend. Hintergrund: Eine Konversion benötigt als ersten Schritt eine Bestandsaufnahme und in Folge dessen eine Bewertung.
Was wird nach dem Abzug der Bundeswehr?
Die Frage, was nach dem Abzug der Bundeswehr mit den Liegenschaften im Stadtgebiet nun wirklich geschehen soll, war Thema einer Versammlung zur Bürgerbeteiligung im Rahmen der Konversion. Das Interesse hielt sich in Grenzen: Nur rund 30 Bürger informierten sich über den aktuellen Stand im Rathaus.
Einen Zwischenbericht von Drees und Sommer stellte Martin Altmann vor. Mit dabei waren Frank-Michael Kreis von der BIMA, Bürgermeister Guido Orthen und sein Stellvertreter Detlev Koch. Der Sinn des Gutachtens ist leicht zu erklären: Das ideale Szenario aus Sicht der Stadt sieht vor, Teile des Bundeskriminalamtes (BKA) und des Fahrservice der Bundeswehr in die Ahrtal-Kaserne einziehen zu lassen. Zwei Fliegen mit einer Klatsche geschlagen: Mit geschätzten 350 Mitarbeitern würde nahezu dieselbe Zahl an Arbeitsplätzen erreicht wie in alten Bundeswehrzeiten. Ein Szenario, das durchaus möglich, aber noch keineswegs spruchreif ist, gab Frank-Michael Kreis von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BIMA) zu verstehen.
Das werde zurzeit ergebnisoffen geprüft, machte er deutlich. Plan B liegt zur Sicherheit in der Schublade: „Wenn wir uns erst 2015 oder 2016 Gedanken machen, ist es zu spät“, äußerte sich Bürgermeister Guido Orthen.
Und weiterhin steht die Frage im Raum: Was kann getan werden, wenn der Bund eben nicht zuschlägt? 38.000 Quadratmeter Kasernengelände stehen zur Nachnutzung bereit, eine problematische Größe: „Die Dimension der Flächen und Gebäude übersteigt bei Weitem die Möglichkeiten des Marktes“, erklärte Martin Altmann von der Kölner Firma Drees & Sommer. Er und seine Kollegen hatten die Machbarkeitsstudie erstellt. Nach einer ersten Bestandsaufnahme befinden sich die Bauten in „gutem Zustand“, lediglich bei der Haustechnik gebe es Sanierungsbedarf.
„Die Investitionskosten für eine Folgenutzung könnten je nach Standard zwischen 100 und 500 Euro pro Quadratmeter liegen“, so Altmann. Ein weiteres Problem sei, dass die Kreisstadt Bad Neuenahr-Ahrweiler nicht als typischer Standort für Büroimmobilien gesehen werde. Diese Erkenntnis sei nach Angaben von Martin Altmann äußerst relevant für die Suche nach Lösungen.
„Das ist schwer, auf diesem Markt mit anderen konkurrieren zu wollen“, stellte Altmann heraus.
An Leitthemen ansetzen
Der Standort sei geprägt von den Leitthemen Gesundheit, Tourismus und zukunftsfähige Dienstleistungen. Daran müsse angesetzt werden, empfahl der Experte.
Das Areal und der Gebäudebestand bieten aus seiner Sicht auch flexible Teil- und Rückbaulösungen an. Vorstellen können sich die Experten dort Dienstleister aus der Gesundheitswirtschaft, Ernährungs- und Agrarwirtschaft, Biotechnologie und Medizintechnik sowie Bildung und Forschung. Wichtig: Die BIMA ist nach eigener Aussage auch für eine stufenweise Entwicklung offen. Im Westend favorisierten die Experten den Abriss und familiengerechten Wohnungsbau oder Generationenwohnen.
Auch für Handel könnte dort noch Platz sein. Den Abend konnten die Bürger durch Ideen bereichern - und spontane Ideen gab es reichlich:
Spontane Ideen
Eine Bürgerin schlug ein „klinisches Hotel unter ärztlicher Leitung“ vor, wie sie es schon mehrfach im Fernsehen gesehen habe. Das sei gerade für Bad Neuenahr sinnvoll. „Patienten werden viel zu früh aus Kliniken entlassen“, so die Ideengeberin.
„Auch die Kassen wären an einem solchen Angebot sicherlich interessiert, denn der Hotelaufenthalt eines Rekonvaleszenten koste nur die Hälfte eines entsprechend langen Klinikaufenthaltes“, so die Teilnehmerin weiter.
Die Experten horchten auf, und notierten. Eine weitere Idee war das Mehrgenerationenwohnen von Studierenden des Rhein-Ahr-Campus. Andere stellten ein Zentrum für Forschung und Lehre, wie die SPD-Fraktionsvorsitzende im Stadtrat, Elisabeth Graff, in den Raum. Abendgymnasium, Kunst- und Kulturzentrum, Werkstätten, Ateliers - Vorschläge von Wolfgang Huste (Die Linke). Ein weiterer Teilnehmer regte an, bezahlbaren Wohnraum für jüngere Mitbürger zu schaffen. „Ich kenne viele junge Bürger, die in Bad Neuenahr bleiben würden, wenn es bezahlbaren Wohnraum gäbe.“
Die Ahrtal-Kaserne will die BIMA übrigens bereits nächste Woche auf der Expo Real in München einem großen Markt vorstellen.
Martin Altmann, Bürgermeister Guido Orthen, Frank Michael Kreis und Detlev Koch, Erster Beigeordneter (v.li.).
