Allgemeine Berichte | 10.11.2020

Die Freiwillige Feuerwehr Rheinbach erinnert an die lange Tradition des Martinsbrauchs:

115 Jahre St. Martin in Rheinbach

Rheinbach. Leider fallen in diesem Jahr bedingt durch die Corona-Lage die Martinszüge aus; so hatte die Freiwillige Feuerwehr der Stadt Rheinbach schon Ende September alle durch die einzelnen Löscheinheiten organisierten Martinszüge abgesagt.

Der Löschzug Rheinbach, traditionell Veranstalter des großen Martinszugs durch die Rheinbacher Innenstadt, möchte dennoch auch in diesem Jahr die Martinstradition weiterleben lassen und erinnert daher an die lange Historie des Rheinbacher Martinszugs und an die vor über hundert Jahren eigens komponierten Rheinbacher Martinslieder.

Seit dem Jahr 1903 zieht der große Martinszug normalerweise am Martinsabend (10.11.) durch die Straßen Rheinbachs. Der Rheinbacher Martinszug kann also auf eine über 115-jährige Tradition zurückblicken und ist mit über zehn Musikkapellen und tausenden Teilnehmerinnen und Teilnehmern sowie Besucherinnen und Besuchern am Straßenrand auch der größte Martinszug im Bereich Bonn/Rhein-Sieg.

Zudem kommen einige der im Rheinland noch heute gesungenen Martinslieder aus Rheinbach: Der Rheinbacher Musiker und Komponist Wilhelm Bendermacher (1850–1934), Gründungsmitglied der Feuerwehr Rheinbach und Leiter der damaligen Feuerwehrkapelle, schrieb für den Martinszug mindestens drei Martinslieder. So unter anderen die bekannnten, in Mundart getexteten Lieder „Sank Märte es ad wedde he“ (Loft, Könder, loft) sowie „Dörch all die Stroße trecke mir“.

Die Feuerwehr Rheinbach hat diese beiden Lieder nun zusammen mit dem dritten noch bekannten Bendermacher-Lied („Heiliger Martinus“) in einem Liedblatt zusammengestellt und wird diese – zusammen mit einem Grußwort des Rheinbacher Sankt Martin – den Rheinbacher Kindertagesstätten, Schulen und auch den Altenheimen zur Verfügung stellen, um Sankt Martin und die Martinstradition trotz des fehlenden persönlichen Besuchs in den Fokus zu rücken.

Der Sankt Martin wird in Rheinbach seit 2013 verkörpert durch den Feuerwehrmann Jürgen Esser. Er übernahm dieses „Amt“ von seinem Vater Christian Esser, der zuvor 25 Jahre lang der Sankt Martin des Löschzug Rheinbach war.Jürgen Esser bedauert die leider notwendige Absage für 2020 sehr: „Es ist jedes Jahr wieder schön, das Strahlen in den Gesichtern der Kinder, aber auch der Seniorinnen und Senioren zu sehen, wenn diese ihrem Sankt Martin ein Martinslied vorsingen und von mir einen Martinswecken bekommen!“, so der amtierende Rheinbacher Sankt Martin. „Sehr gerne hätten wir an diese Tradition auch in diesem Jahr angeknüpft, aber da hat uns die Pandemie einen Strich durch die Rechnung gemacht.“

Normalerweise beginnt für den Sankt Martin und seine Begleiter der Einsatz nicht erst am Abend zum Martinszug, wenn sich alle Kinder und Jugendlichen auf dem Himmeroder und Prümer Wall in der Rheinbacher Innenstadt treffen. Schon ab 7 Uhr am Morgen ist Jürgen Esser als Sankt Martin mit seinem Team Regina Esser, Thomas Gundlach und Thomas Knoch in Rheinbach unterwegs, um am Vormittag alle Kindergärten zu besuchen; am Nachmittag stehen dann traditionell die Altenheime der Glasstadt auf dem Programm. Über den ganzen Tag verteilt sowie nach dem Martinszug am Abend werden durch den Löschzug Rheinbach so 4500 Wecken an die Kinder und Jugendlichen sowie Seniorinnen und Senioren verteilt – eine große Steigerung zu den 500 „Korinthenbrötchen“ die laut den Quellen im Jahr 1905 von Sankt Martin an die Rheinbacher Kinder verschenkt wurden.

Nun hoffen alle Beteiligten darauf, die Martinstradition im Jahr 2021 wieder wie in all den Vorjahren fortführen zu können.

Die Historie des Rheinbacher Martinszuges haben wir Ihnen auf den folgenden Seiten zusammengestellt. Weitere Informationen inklusive der drei Martinslieder des Rheinbacher Komponisten Wilhelm Bendermacher finden Sie auf der Homepage der Freiwilligen Feuerwehr der Stadt Rheinbach unter https://www.feuerwehr-rheinbach.de/martinslieder.html.

Historie des Rheinbacher Martinszuges

Der älteste Martinszug im Rhein-Sieg-Kreis

Im August 1903 übernahm Louis Pfahl als erster Hauptmann die Leitung der Feuerwehr Rheinbach. Auf seinen Vorschlag hin kümmerte sich die Feuerwehr am Martinsabend 1903 erstmals um die Organisation eines geordneten Martinszuges.

Der erste Martinszug zog am 10. November 1903 ab halb fünf Uhr abends vom Kriegerdenkmal am sogenannten Claraplatz (heute Wilhelmsplatz) unter anderem über die Aachener-, Bahnhof-, Krieger-, Haupt-, Weiher-, Bach- und Koblenzerstraße. Am Ende des Zuges wurde am Kriegerdenkmal die Kaiserhymne „Heil dir im Siegerkranz“ gesungen.

Schon damals wurde der Martinszug durch Spenden der Rheinbacher Bürgerinnen und Bürger finanziert. Seit 1904 erhalten die Kinder nach dem Zug einen Wecken, damals „Korinthenbrötchen“ genannt. Ab 1905 wurde auf das Singen der Hymne am Ende des Martinszuges verzichtet.

Bis heute wird der Martinszug in Rheinbach vom Löschzug Rheinbach der Freiwilligen Feuerwehr der Stadt Rheinbach organisiert. Der Rheinbacher Martinszug ist somit mit seiner über 115-jährigen Geschichte der älteste Umzug zu Sankt Martin im gesamten Rhein-Sieg-Kreis.

Rheinbacher Martinslieder

Ein lebendes Stück Rheinbacher Geschichte

Unterstützt wurde Feuerwehrhauptmann Louis Pfahl bei der Etablierung des geordneten Martinsbrauchtums tatkräftig von Wilhelm Bendermacher. Dieser war seit der Gründung der Rheinbacher Wehr im Jahr 1879 aktiver Feuerwehrmann. Zugleich leitete der Musiker und Komponist die Feuerwehrkapelle und rief 1895 die Gro-Rhei-Ka Narrenzunft Prinzengarde 1895 e.V. ins Leben.

Wilhelm Bendermacher schrieb eigens für den Rheinbacher Martinszug neue Martinslieder. Schon für das Jahr 1903 wird berichtet, dass er die neuen Lieder mit den Rheinbacher Kindern einstudiert hat. Um welche Lieder es sich genau handelt, ist nicht überliefert. Das Lied „Heiliger Martinus“ wurde von Bendermacher vermutlich im Jahr 1905 komponiert; zudem finden sich noch im Jahr 1930 Notizen über ein neues Martinslied von Wilhelm Bendermacher.Der inzwischen zum Ehrenkapellmeister ernannte Bendermacher verstarb am 21.02.1934.

Bis heute bekannt sind neben der erwähnten Komposition „Heiliger Martinus“ die beiden in Mundart getexteten Bendermacher-Lieder „Sank Märte es ad wedde he“ (Loft, Könder, loft) sowie „Dörch all die Stroße trecke mir“, welche bis heute in verschiedenen Varianten im gesamten Rheinland gesungen werden – ein lebendes Stück Rheinbacher Geschichte.

Organisierte Martinszüge in den Rheinbacher Ortschaften

Auch in den Rheinbacher Ortschaften haben die Martinszüge eine lange Tradition. In Ramershoven wurde der erste Martinszug im Jahr 1908 von der Feuerwehr organisiert. Seit 1927 gibt es in Niederdrees einen Martinszug, welcher seinerzeit durch die dortige Feuerwehr ins Leben gerufen wurde.In Neukirchen wurde der Martinszug von der dortigen Schule erstmals im Jahr 1924 organisiert; ein Jahr später veranstaltete auch die Schule in Wormersdorf einen Umzug zum Martinsfest.

In Oberdrees zeichnete ab dem Jahr 1928 die Karnevalsgesellschaft Oberdrees für den Martinszug verantwortlich.Der Beginn der Durchführung eines geordneten Martinszuges in Hilberath ist unbekannt. In den Quellen dokumentiert ist allerdings, dass die Organisation im Jahr 1970 von der Grundschule auf die dortige Feuerwehr überging.

Bis heute werden die Martinszüge in Rheinbach, Hilberath, Queckenberg, Ramershoven und Wormersdorf durch die örtlichen Löscheinheiten der Freiwilligen Feuerwehr Rheinbach organisiert und viele weitere Züge in anderen Rheinbacher Ortsteilen von den dortigen Feuerwehrkameradinnen und -kameraden begleitet.

Am 25. Oktober 2018 wurde die Martinstradition in das Inventar des immateriellen Kulturerbes von Nordrhein-Westfalen aufgenommen – ein Kulturerbe, was Jahr für Jahr von der Freiwilligen Feuerwehr der Stadt Rheinbach gelebt wird.

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