2000 Menschen demonstrierten am Nürburgring
Otto Flimm soll Müllenbachs Sitz im Gläubigerausschuss des Nürburgrings übernehmen
Nur vier von über 100 eingeladenen Politikern trauten sich in die Höhle des Löwen.
Nürburgring. Ist es noch „5 vor 12“ oder schon halb eins? Das war eine der vielen Fragen, die auch nach der Demonstration von mehr als 2000 Freunden des Nürburgrings auf dem Parkplatz „Am Brünnchen“ offen blieben. Rennsportbegeisterte aus ganz Deutschland und halb Europa folgten dem Aufruf der beiden Rennfahrer-Ikonen Sabine Schmitz (Barweiler) und Christian Menzel (Kelberg), sogar aus dem 1004 Kilometer entfernten Norwegen war Hendrik Madsen mit seinem Porsche 993 RS GT3 zu dieser Veranstaltung angereist. Auf einigen Plakaten war zu lesen: „Save the Ring", „Eine Legende verkauft man nicht" oder „Wir wollen keinen Eigennutz, der Ring muss unter Denkmalschutz“.
Wie kann man den Verkauf der legendären Rennstrecke noch stoppen? Insgesamt waren mehr als 100 Politiker aus der Region und aus der Mainzer Landesregierung eingeladen worden, um hierauf eine Antwort zu geben. Fast alle hatten abgesagt, manche aus fadenscheinigen Gründen wie Plätzchenbacken, sehr zur Erheiterung der Organisatoren. Die vier Landtagsabgeordneten von CDU und Grünen, die sich in die „Grüne Hölle des Löwen“ getraut hatten, konnten jedenfalls keine befriedigende Auskunft auf die gestellten Fragen geben. Allerdings bestätigten Horst Gies, Alexander Licht, Dietmar Johnen und Nicole Müller-Orth, dass die Demonstration durchaus ein Zeichen setze und sowohl den Verantwortlichen als auch möglichen künftigen Investoren deutlich mache, dass es ohne die Unterstützung der Region auch künftig am Nürburgring nicht funktionieren werde.
„Ich war dabei und habe den Mund aufgemacht“
Schmitz und Menzel hatten zusammen mit Moderator Ossi Kragl zunächst darauf aufmerksam gemacht, dass keine Organisation oder kein Verein hinter der Aktion stehe, die erst vor 14 Tagen ganz spontan am Frühstückstisch bei Christian Menzel entstanden sei. Der Grund dafür: „Wir werden seit Jahren konsequent belogen und betrogen – das machen wir nicht mehr mit.“ Mit der Demonstration wolle man ein eindeutiges Zeichen setzen, dass man mit dem Vorgehen der Landesregierung in Mainz in Sachen Nürburgring-Insolvenz nicht einverstanden sei. „Und ihr könnt alle sagen: Ich war dabei und habe meinen Mund aufgemacht!“
Dann gab es einige spärliche Hintergrundinformationen zum Stand der Dinge, wobei eine ganze Reihe deftiger Ausdrücke fielen, die von Publikum begeistert beklatscht wurden. Die Befürchtung der Motorsportfreunde: Der künftige Besitzer der Rennstrecke könne damit machen, was er wolle, und möglicherweise die bislang so beliebten Touristenfahrten ganz verbieten, dafür die Strecke beispielsweise an eine Handvoll reicher Araber vermieten. „Der Rennsport schaut dann in die Röhre, genau wie die örtlichen Tankstellen und die Gastronomiebetriebe. Der Nürburgring in privater Hand wird niemals funktionieren, das wird ein Desaster“, sagte Menzel voraus.
"Das Nürburgring-Gesetz ist Blödsinn"
Auch am Nürburgring-Gesetz, das von der Landesregierung erst vor kurzem verabschiedet worden war, um eine möglichst große Vielfalt an Veranstaltungen an der traditionsreichen Rennstrecke zu ermöglichen, ließen Menzel und Kragl kein gutes Haar. „Das ist Blödsinn und reicht einfach nicht aus, denn der künftige Besitzer wird versuchen, jeden Cent einzuholen, den er nur kann.“ Die Rennstrecke gehöre in die öffentliche Hand, alles andere sei über kurz oder lang zum Scheitern verurteilt. Aber nicht nur von den regionalen Kommunalpolitikern, sondern auch vom Industriepool hätte man sich erheblich mehr Initiative gewünscht. Doch die Automobilbranche sei praktisch abgetaucht. Allerdings sei auch klar: „Wenn die mal den Nürburgring verlassen sollten, dann ist das das Ende.“ Wenigstens setze sich der ADAC-Ehrenpräsident Otto Flimm energisch für den Erhalt der Grünen Hölle und für den Breitensport ein, wofür ihm die Veranstalter herzlich dankten: „Otto, Du bist der Größte!“
Nun wurden die anwesenden Landespolitiker auf die Bühne gebeten. Immerhin hatten sich vier getraut, „die anderen haben einfach keine Eier in der Hose“, fand Nicole Müller-Orth, Grünen-Landtagsabgeordnete aus Mendig. Doch besonders sie und ihr Fraktionskollege Dietmar Johnen aus Gerolstein mussten sich von den Moderatoren einige kritische Fragen gefallen lassen, wobei Ossi Kragl mitunter auch ein wenig überzog. Müller-Orth war letztlich der Ansicht, es sei nicht mehr fünf vor zwölf, sondern mindestens schon zwanzig nach - jedenfalls viel zu spät. „Diese Demonstration hätte viel früher stattfinden müssen, jetzt ist an der Situation nicht mehr viel zu ändern.“ Das bestätigte auch Johnen: „Das Insolvenzrecht gibt die Richtung vor, das können wir als einzelne nicht beeinflussen.“ Die beiden Grünen-Abgeordneten hätten darüber hinaus auch keine Lust, sich für die gesamte Landesregierung zu rechtfertigen, für die Ring-Sanierer und für die Fehler der Vergangenheit, zumal sie beide erst seit der jüngsten Wahl vor zwei Jahren im Landtag seien.
Gegner haben mehr Möglichkeiten als gedacht
CDU-MdL Alexander Licht (Bernkastel-Wittlich) war der Ansicht, dass die Gegner der meistbietenden Versteigerung des Nürburgrings größeren Möglichkeiten hätten, als sie vielleicht dächten. „Jeder, der etwas zu sagen hat, wird angesichts der heutigen Demonstration erkennen, dass er ohne die Region keine Zukunft hat.“ Er wies besonders auf die Entscheidungsbefugnis des Gläubigerausschusses hin, der letztlich entscheide, wer den Zuschlag am Ring erhalte. Deshalb sei es umso unverständlicher, dass die Gemeinde Müllenbach ihren Sitz seit einiger Zeit vakant lasse. Das sei immerhin einer von nur fünf Sitzen im Gläubigerausschuss, und über diesen Sitz könne man durchaus Einfluss auf das Geschehen nehmen. Otto Flimm, der schon als Vorsitzender des Vereins „Ja zum Nürburgring“ versucht hatte, ebenfalls einen Sitz im Gläubigerausschuss zu ergattern, dabei aber abgeschmettert worden war, hatte auch gleich eine zündende Idee parat: „Wenn die Gemeinde Müllenbach selbst nicht daran interessiert ist, kann sie mich ja in ihrem Auftrag in den Gläubigerausschuss entsenden. Ich wäre dazu bereit.“ Der tosende Applaus der Demonstranten zeigte die Zustimmung zu dieser Idee.
Schließlich sei es das erklärte Ziel der Demonstranten, so Menzel und Kragl, über die Zukunft der „schönsten Rennstrecke der Welt“ mitzubestimmen. Größter Wunsch sei es, dass die Strecke im Eigentum des Landes Rheinland-Pfalz bleibe und öffentlich-rechtlich geführt werde. Private Investoren will man hingegen auch durch solche Aktionen nachhaltig davon abbringen, sich den Nürburgring allein unter Profitgesichtspunkten unter den Nagel zu reißen. Der Protest soll fortgesetzt werden. -VJ-
Mehr als 2000 Menschen demonstrierten jetzt am Nürburgring gegen die Pläne der Insolvenzverwalter.
Auch die Demonstranten selbst durften in Interviews ihre Meinung sagen und Fragen stellen.
