Allgemeine Berichte | 14.09.2026, 12:45 Uhr

Traditionschor Bad Neuenahr-Ahrweiler beginnt mit Proben seines ungewöhnlichen Jubiläumsprogramms

75 Jahre Kammerchor: Mit neuer Stimme in die Zukunft

Bruno Kortemeier, Initiator und langjähriger Leiter, hier während einer Chorprobe 1953.  Foto: Kammerchor Bad Neuenahr

Bad Neuenahr-Ahrweiler. Seinen 75. Geburtstag feiert der Kammerchor Bad Neuenahr-Ahrweiler im kommenden Jahr. Zum Jubiläum wagt der Traditionschor einen musikalischen Neustart: Mit dem jungen Dirigenten Constantin Scholl und einem ungewöhnlichen Programm aus Mendelssohn und John Rutter will er 2027 neue Akzente setzen – und zugleich neue Sänger gewinnen.

Immer wieder hat er Highlights gesetzt und sich wechselnden Herausforderungen gestellt. Für das Jubiläum übt er mit seinem neuen Chorleiter ein außergewöhnliches Konzertprogramm ein.

75 Jahre Kammerchor Bad Neuenahr-Ahrweiler waren im Verlauf der Chorgeschichte nicht ohne Anstrengungen zu haben. Daher dürfen die Chormitglieder stolz sein auf den kommenden Geburtstag, der im Mai 2027 musikalisch gefeiert werden soll. Ob die Zeiten glanzvoll oder schwierig waren, die Sängerinnen und Sänger haben ihre Liebe zur Musik bewahrt, sie mit jeder Probe vertieft und mit jedem Konzert erneuert.

Die Proben für die Konzerte des Jubiläumsjahres 2027 beginnen am 21. September. Schriftführerin Gabriele Weier macht neugierig: „Unser neuer Chorleiter hat sich für das Programm etwas ganz Besonderes überlegt“. Sowohl chorerfahrene Musikfreunde wie Neueinsteiger sind eingeladen das Jubiläumsprojekt einzuüben.

Seit Anfang September leitet der Neue, Constantin Scholl, den Chor. Bei Vertretungsproben konnten sich Sänger und Dirigent schon vorab „beschnuppern“. Weier findet: „Er ist pfiffig, es lief irre gut, ich freue mich riesig“. Scholl leitet auch den Kirchenchor St. Matthäus Alfter, ist Assistent der Kirchenmusik an der Elisabethkirche Marburg sowie an der Johanneskirche Düsseldorf.

Doppel-begabt, hat er bereits 2022 ein Masterstudium Mathematik an der Philipps-Universität Marburg abgeschlossen, bevor er sein Kirchenmusikstudium an der Hochschule für Musik und Tanz Köln aufnahm. Aktuell setzt er es im Masterstudiengang fort. Scholl löst beim Kammerchor Henrik Hasenberg als musikalischen Leiter ab. Der zieht nach drei Jahren weiter, denn er erhielt eine Anstellung am Münster in Konstanz und will in Zürich sein Konzertexamen erwerben.

Auf und Ab im Chor

Was bedeuten die jungen Chorleiter - Hasenberg war bei Anstellung 24-jährig, der Kollege Scholl ist 27-jährig - für den Traditionschor? Die lange Chorgeschichte gibt Hinweise:

Um große Werke der Chor- und Oratorienliteratur einzustudieren, scharte Bruno Kortemeier schon 1937/38 Sänger um sich. Ab 1. Januar 1938 hießen sie laut Eintrag beim Amtsgericht „Städtischer Chor Bad Neuenahr“. Bis zu Kortemeiers Kriegsdienst 1940 kamen Joseph Haydns Oratorien „Die Jahreszeiten“ und „Die Schöpfung“ sowie „Paradies und Peri“ von Robert Schumann zur Aufführung. Die Gründungsstunde des „Kammerchor Bad Neuenahr“ schlug dann am 1. September 1952 im Bad Neuenahrer Hotel Weinstock. Noch im selben Monat gab der damals nur 35-stimmige Chor, verstärkt durch den Kirchenchor Heppingen, seine Premiere im Kurtheater mit Händels „Der Messias“, ein Meisterwerk der Musikgeschichte.

Um seine Vereinigung bekannter zu machen, rief der Chor „Gesellschaftsabende“, ins Leben, den ersten im Januar 1954 im Walporzheimer Weinhaus „Bunte Kuh“. Dabei erklangen Kostproben der Chorarbeit. Eine Säule der Finanzierung war hinzugewonnen. Als bald das anspruchsvoll einzuübende „Deutsche Requiem“ von Brahms im Mainzer kurfürstlichen Schloss ein Publikumserfolg wurde, Eintritte und Mitgliedsbeiträge die Ausgaben aber nicht deckten, bangte man um die Zukunft.

Aufatmen, als sich im November 1954 die fördernde „Gesellschaft der Musikfreunde“ im Hotel Lochmühle gründete. 1984 verschmolzen Chor und Gesellschaft zum „Gesellschaft der Musikfreunde/Kammerchor, Bad Neuenahr-Ahrweiler e.V.“. Seit November 2019 existiert der „Förderverein Gesellschaft der Musikfreunde“ separat. Dass 1965 Musikdirektor Bruno Kortemeier, Dirigent des Kammerchors und weiterer Chöre, an der Orgel der Rosenkranzkirche tot zusammenbrach, rief Erschütterung hervor.

Fluktuation und Beständigkeit

Nach vielen Leitungswechseln führte Horst Meinardus den Chor 1968 bis 1976 „aus seinem Tief heraus“, so Hildegard Schneider im Heimatjahrbuch 2012. Unter dem Dirigat von Heinz Anton Höhnen (1976-2006) blühte er weiter auf: Es wurden „72 Werke in insgesamt 55 erhebenden und teilweise überwältigenden Konzerten aufgeführt“. Später leiteten den Chor Gisbert Wüst, Ekatarina Londarenko, Ulrike Ludewig, Christian Letschert-Larsson und erneut Ludewig, bis Hasenberg und jüngst Scholl übernahmen.

Man sieht, zu wenige Sänger, fliegende Leitungswechsel und die Finanzlage belasteten den Kammerchor schon früher. Wie bei anderen Chören, fehlt der Nachwuchs. Corona und die Ahrflut forderten als unvorhersehbare Krisen zusätzlich heraus. Dennoch, die Chorgemeinschaft; aktuell 78 Mitglieder, davon 43 aktive; hielt zusammen, wie erneut im Vorjahr: Als 2025 in der Mitgliederversammlung zwei Ämter ungeklärt waren, konnten schließlich doch alle neuen Vorstandsposten besetzt und das Aus des Traditonschores, wenn auch knapp, verhindert werden.

Klangbad und Freudensprudel

Es gibt keine Rezepte. Aber die eigene Entwicklung lehrt den Kammerchor, immer wieder neu zu starten mit frischer Energie und Motivation. Dabei hilft die offene, oft leidenschaftliche Art junger Dirigenten. So geht auch Scholl begeistert und experimentierfreudig an die Gestaltung des Jubiläumskonzerts. „Wir werden jetzt keinen Pop singen“, stellt es klar. „Aber es ist mir wichtig, dass wir schauen, was in der Moderne im Bereich klassischer Musik entstanden ist.“

Im Ergebnis stehen auf dem Jubiläumsprogramm zwei Meisterwerke der Romantik und Moderne, „die gegensätzlicher kaum sein könnten“: Der 42. Psalm „Wie der Hirsch schreit“ von Felix Mendelssohn Bartholdy und das „Magnificat“ von John Rutter (1990). Mendelssohns Stück, 1837 auf seiner Hochzeitsreise entstanden, nennt Scholl „einen Schlager der Chorliteratur, Leib- und Magenmusik, ein Klangbad inniger Melodien und romantischer Harmonien“. Rutter dagegen, in der Tradition englisch-romantischer Chormusik stehend, verbindet diese mit lateinamerikanischen Rhythmen, pflegt „schräge Musik“ ein, bietet überwältigende Klangfülle und berührt. Sein „Magnificat“ „hat innige Momente, ist aber über weite Strecken von sprudelnder Freude geprägt“, beschreibt Scholl das Stück. Es ist mit etwa 40 Minuten Dauer übrigens das umfangreichste Werk Rutters. „Wir werden bestimmt an der ein oder anderen Ecke rhythmisch zu knabbern haben“, beschreibt Dirigent Scholl die Herausforderung, „aber das ist bei Mozart auch so“.

Verstärkung gesucht

Verstärkung für die Jubiläumsproben ist erwünscht. Willkommen, aber kein Muss: musikalische Vorkenntnisse sowie die Stimmlagen Bass und Tenor. „Lassen Sie uns gemeinsam diese großartigen Werke zum Klingen bringen. Wir freuen uns über jede neue Stimme!“ lädt der Chor zum Mitsingen ein. Geprobt wird montags von 19.30 bis 21.30 Uhr im Mehrgenerationenhaus in Bad Neuenahr, Weststraße 6, 1. Stock. Einfach kommen, mitsingen und dann entscheiden, ob Projekt oder Chor passen. Frühstücksstammtisch für Freunde und Förderer im Mehrgenerationenhaus um 10 Uhr am letzten Freitag im Monat. Mehr Infos unter www.kammerchor-aw.de oder per E-Mail unter vorstand@kammerchor-aw.de

HG

Bruno Kortemeier, Initiator und langjähriger Leiter, hier während einer Chorprobe 1953. Foto: Kammerchor Bad Neuenahr

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