Neuerlicher Bombenfund in Irlich
9.000 Menschen werden evakuiert
Niedrigwasser im Rhein bringt Weltkriegsbombe zutage
Neuwied-Irlich. Gut sechs Wochen nach der kontrollierten Sprengung einer 500 Kilogramm im Rhein bei Irlich wurde am Mittwoch eine weitere Fliegerbombe gefunden. Der 1.000 Kilogramm Sprengsatz liegt nur wenige hundert Meter flussabwärts von der ersten Stelle, dieses Mal direkt Irlich. Aber anders als im September, kann die Bombe dieses Mal nicht kontrolliert gesprengt werden. Die Experten des Kampfmittelräumdienstes haben entschieden, den Sprengsatz zu entschärfen. Um möglichst geringe Beeinträchtigungen zu verursachen, ist der kommende Sonntag, 4. November vorgesehen. Aufgrund des Gefahrenpotentials müssen dieses Mal rund 9.000 Menschen ihr Zuhause verlassen. Praktisch der komplette Stadtteil Irlich, große Teile Feldkirchens und ein schmaler Streifen der Innenstadt in Schlossparknähe. Natürlich werden auch wieder die B42, die Bahnstrecke und der Rhein während der Entschärfung für den Verkehr gesperrt. Betroffen ist auch Andernach. Hier müssen der Hafen und einige Industriebetriebe geräumt werden. In einer Pressemitteilung gibt die Stadtverwaltung bekannt, dass die betroffenen Bürger/innen rechtzeitig per Flugblatt informiert werden. Darin wird unter anderem der zeitliche Ablauf dargestellt und welche Betreuungsstellen den Bürgern während der Evakuierung zur Verfügung stehen. Die Verwaltung hat ebenfalls eine Hotline eingerichtet. Unter 02631 802-802 können sich die Bürger bei Fragen informieren. Die Stadt bittet zudem, unter dieser Nummer möglichst frühzeitig kranke Personen zu melden, die liegend transportiert werden müssen. Kontakt zur Verwaltung ist außerdem unter der E-Mail-Adresse Evakuierung@neuwied.de möglich. Außerdem gibt´s Informationen auf der Homepage unter www.neuwied.de/bombenfund.html
Irlich – immer wieder Irlich
Das am Rheinufer in Irlich immer wieder Bomben gefunden werden ist kein Zufall. Vor vier Jahren gedachten die Irlicher den Opfern des Bombenangriffs vom 3. November 1944. Wie kein anderer Neuwieder Stadtteil hatte Irlich unter den Bombardements der Alliierten zu leiden. Expertenschätzungen gehen von rund 2.500 Bomben aus. Die Wiedbrücke und die benachbarte Rasselstein Industrieanlagen waren strategische Ziele. Das ein vermeintlich gelynchter abgeschossener amerikanischer Pilot auf den Feldern oberhalb Irlichs der Grund für die wiederholten Bombardements war, wird zwar immer wieder kolportiert. Zu beweisen ist dies aber nicht. Am schlimmsten war der Bombenangriff am 3. November 1944, als zweiunddreißig B-26 Marauder Maschinen ihre tödliche Last abwarfen. 78 Tote zählte die Dorfbevölkerung an diesem Tag. Bis Kriegsende erhöhte sich die Anzahl ziviler Todesopfer auf einhundertelf. Zum großen 70-jährigen Gedenktag im Jahr 2014 wurden die Aufzeichnungen von Zeitzeuge Rudolf Ebert veröffentlicht: „Um kurz nach 14.00 Uhr dröhnten die Sirenen. Wir rannten in den Keller und schon fielen die ersten Bomben. Unendlich lange war einem die Zeit des Angriffs vorgekommen. Als dieser endlich verstummte, hörte man schreiende, weinende Menschen. Im Keller war es stockdunkel. Staub lag in der Luft und machte das Atmen schwer. Ich machte mir den Weg zu einem Kellerfenster frei, grub mich durch Schutt und kletterte raus. Alle Häuser der Umgebung auch unser Wohnhaus, lag in Schutt und Asche. Ich hatte das Passierte noch nicht realisiert, da folgte schon der nächste Fliegeralarm. Wieder galt der Angriff der Eisenbahnbrücke, wieder fielen Bomben im Ort. Wie viele andere rannten wir in Richtung des gegenüberliegenden Pfarrgartens. Wir suchten Schutz unter Bäumen und Sträuchern. Ich hörte die Leute beten, wir beteten alle, es war eine unbeschreibliche Situation“.
Brücke hielt stand
Trotz der Vielzahl der Bombenangriffe wurde die Wiedbrücke nie vollständig zerstört und konnte immer wieder hergerichtet werden. Für die Irlicher bedeutete die Zeit ein Leben in Kellern und Häuserresten. Schutz boten die Rasselsteiner Bunkerstollen. Die hatte das Werk 1943 zum Schutz der Werktätigen, darunter viele Zwangsarbeiter, in den Berg getrieben.
Die Bunker waren eher Höhlen von ca. 150 Meter Länge, 2 Meter Breite und 2,40 Meter Höhe, alle zwei Meter von Holzbalken gestützt. Beiderseitig waren längs Sitzgelegenheiten angebracht. Die Beleuchtung war spärlich, an den Wänden lief das Wasser herunter. Im Irlicher Heimatboten von 1994 beschrieb Toni Erlemann das Leben im Bunkerstollen: „Es waren in der Mehrzahl Ausländer, Männer und Frauen, die man zwangsweise nach Deutschland geholt hatte. Schlecht zu beschreiben die Atmosphäre bei längerem Alarm, wenn all die verschwitzten Menschen, wie in eine Sardinenbüchse gezwängt, ausharren mussten. Von dem allgemein herrschenden Mangel an Hygiene ganz zu schweigen“.
FF
