Ein liebgewonnenes Stück Andernacher Sangeskultur wird zur Historie
Adieu und Danke, unvergessliche Becket-Raben!
Andernach. „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“ - hätte das nicht schon der alte Nietzsche gesagt, würde diese Aussage sicher ein 1934 im pfälzischen Flomersheim, geborener Zeitgenosse treffen. Unvorstellbar ist das Leben dieses Mannes, ohne Gitarre, ohne Tasteninstrument, ohne Gesang. Am Tag seiner Geburt ahnte noch keiner, wie der Junge einmal Menschen bereichern würde - mit seinem pädagogischen Geschick, seiner, den Nächsten zugewandten Art, seiner Liebe zur Musik.
Auch hatte damals noch niemand vor Augen, dass „Waldemar“ , 23 Jahre später, die Grundschullehrerin Trudl heiraten, mit ihr zehn Kinder in die Welt setzen und als Sonderpädagoge unzähligen Schülern das Rüstzeug für ihr Leben mitgeben würde. Die Rede ist von Waldemar Deimling, mit dem man in Andernach vor allem eins verbindet: Die „Becket-Raben“. In diesen Tagen geht für alle, die sich den spielenden und singenden Raben verbunden fühlen, eine mehr als 40 Jahre andauernde Ära zu Ende: Im Familien-Gottesdienst der Pfarrei St. Albert an Heiligabend werden die Stimmen, Gitarren und das Flötenspiel dieses fröhlichen Singkreises von Kindern und Erwachsenen nicht mehr erklingen.
Von der Hausmusik in die Öffentlichkeit
1966 zog die noch kleine Familie Deimling von Weißenthurm nach Andernach. Berufsbedingt lebten sie zuvor ein paar Jahre im Hunsrück. Der guten Luft am Rhein muss es wohl zuzuschreiben sein, das sich zu ihrem Erstgeborenen neun Geschwister hinzugesellten. Regelmäßig gepflegte Hausmusik gehörte bei Deimlings immer dazu - jeder beherrschte mindestens ein Instrument.
Schon bald hörte der damalige Pfarrer von St. Peter, Karl-Heinz Pfeifer, vom gedeihenden musikalischen Potential auf dem Terrain der Nachbarpfarrei. Er konnte die Großfamilie für die musikalische und spielerische Gestaltung von Weihnachtsgottesdiensten gewinnen.
Auch in der Hospitalkirche, in der Waldemar Deimling die Orgel spielte, wirkte die Familie bei der Gestaltung von Gottesdiensten mit. Und, wer so angenehm vernehmbar musiziert, muss nicht lange auf weitere honorarfreie Engagements warten - Nachbarschaftsfeiern und Senioren-Nachmittage folgten.
Wie aus den Donnerstagskindern die Becket-Raben wurden
Wenn eine Mutter meint, ihr Söhnchen solle Flöte lernen, kann sie nicht immer davon ausgehen, dass sie damit den Grundstein für etwas Größeres legt. Doch als sich Waldemar Deimling 1969 der Aufgabe widmete, Andernachs heutigem Bürgermeister Claus Peitz, auf Wunsch seiner Mutter die Flötentöne beizubringen, bezog er die eigenen Kinder und einige ihrer Freundinnen und Freunde in die Übungsstunden ein, ließ sie mitspielen oder singen. So fand sich schon bald ein größerer Singkreis zusammen. „Es gab ja damals noch nichts in Andernach. Kein Ballett, kein Kinderturnen“, erklärt Trudl Deimling. Die „Donnerstagskinder“, wie sie sich die Gruppe scherzhaft nannte, weil sie immer donnerstags, zunächst in einem Raum des Kindergartens St. Albert, später im neu erbauten Thomas-Becket-Haus, übte, musizierte aus Spaß an der Freud‘ und durfte sich in dieser Zeit schon einiger Auftritte in der Öffentlichkeit erfreuen.
Mit dem Ziel, einen knackigen Namen für das kleine „Musikprojekt“ zu gewinnen, setzten sich Erwachsene und Kinder zur Ideenfindung zusammen. Das Brainstorming förderte 70 Namensvorschläge zu Tage. „Becket-Raben“, ja das wär‘s! Sohn Andreas konnte sich mit seinem Vorschlag durchsetzen und sich so eine kleine Prämie erarbeiten.
Die Becket-Raben waren kein Kinderchor, darauf legen die Eheleute Deimling wert, denn an den Proben und Auftritten musste man nicht teilnehmen, man durfte. 50 Kinder waren es in den Anfangsjahren. Drei Jahrzehnte schallte Kindergesang zum Klang und Rhythmus von Waldemars Gitarre aus dem Thomas-Becket-Haus an der Breitestraße. Weitere kleine und große Gitarristen und Flötisten kamen im Laufe der Zeit hinzu.
Die Becket-Raben erfreuten Jung und Alt
Waldemar und Trudl Deimling schauen gerne zurück. Was war das für eine tolle Zeit: Die musikalische Gestaltung der Familien-Christmette in der Pfarrkirche St. Albert durch die Becket-Raben (1973 – 2015), entwickelte sich auch für die Kirchenbesucher zu einer liebgewonnenen Tradition. Die sich in mehreren Jahren anschließenden Auftritte bei der Heiligabend-Feier der Alleinstehenden und die monatlichen Altennachmittage in St. Stephan waren ebenso als fixe Termine gesetzt.
1979 - ein Familienerlebnis der besonderen Art. Der Familie Deimling gelang es, beim „Deutschland-Tag“ in Stuttgart im Rahmen eines Familien-Sängerwettbewerbs mit Gotthilf Fischer den 4. Platz zu erringen. Ein mehrtägiger Aufenthalt in der Schwaben-Metropole war der Lohn.
Trudl Deiming beschreibt ein Erlebnis in den 1980er-Jahren als unvergesslich anstrengend: Soldaten des damals noch in Andernach stationierten PSV-Sendebataillons nahmen den Gesang der Becket-Raben professionell auf, um die fröhlichen Klänge später an ihre Kameraden im Auslandseinsatz zu übertragen.
Der hohe Qualitäts-Anspruch der Tontechniker und deren ausgeprägtes Hörvermögen forderten alle Mitwirkenden bis zur Belastungsgrenze. Auslandsauftritte im französischen Toul, bei den dortigen Freunden der Pfarrei St. Albert und in Andernachs Partnerstadt Saint Amand, die Mitwirkung bei Shows des Andernacher Humoristen Hans-Jürgen Pinter in der Mittelrheinhalle und natürlich das mehrjährige Singen im Stall der „Lebenden Krippe“ zählen zu den herausragenden Erlebnissen der Becket-Raben.
„Gehen Sie bitte mal zur Seite, Herr Becket, der Nikolaus kommt!“, wurde Waldemar Deimling damals von einer Mitorganisatorin des Weihnachtsmarktes gebeten und noch heute wird über diese Anekdote herzhaft gelacht.
Der Großfamilien-Vater schwärmt weiter: „Wir sind einmal mit mehr als 80 Kindern in zwei Bussen zu einem Auftritt bei einer Weihnachtsfeier in Thür gefahren.“ Regelmäßige Proben und Auftritte der Becket-Raben gibt es zwar schon seit geraumer Zeit nicht mehr, aber ein „Jour fixe“ stand weiter in den Kalendern der Raben: der Heiligabend in der Pfarrkirche St. Albert.
Die Erinnerungen bleiben
Der 82-jährige Musikus, der heute immer noch leidenschaftlich für einige Familien den Heiligen Nikolaus mimt, begründet die Final-Entscheidung zu seinem Lebenswerk „Becket-Raben“ so: „Ich habe im letzten Jahr schon gemerkt, dass es für mich sehr anstrengend war. Das Üben und Organisieren kostet mich viel Kraft“. Großes Bedauern unter den kleinen und großen Raben, als er telefonisch verkündete, in diesem Jahr würden sie nicht mehr an Heiligabend singen: „Schade, was sollen wir denn jetzt an Weihnachten machen?“ oder „Wie feiern wir jetzt? Die Becket-Raben gehören bei uns dazu!“ Der Brief einer jungen Frau hat Waldemar Deimling besonders gerührt. Hierin konnte der „Raben-Vater“ unter anderem lesen: „Zwar werde ich, wie jedes Jahr, ein schönes Fest mit meiner Familie feiern, jedoch wird etwas, das zum Ritual geworden ist, fehlen und ich bin überzeugt davon, dass man dies auch spüren wird. Ich war immer stolz, ein Becket-Rabe von Geburt an sein zu dürfen, und ich danke Ihnen so sehr für diese schöne Zeit!
Diese wunderbaren Erinnerungen werden mich ein Leben lang begleiten und mir immer wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubern!“
