Vortrag über Auslandsaufenthalt fesselt und schafft neue Perspektiven
Alltag im Schatten des Nahostkonflikts
Studentin Franziska Schneider berichtet in der Bücherei Holler von ihrem sechsmonatigen Studienaufenthalt in Jerusalem
Holler. „Leben zwischen Israel und Palästina“ lautete der Titel des Vortrags von Franziska Schneider in der Bücherei Holler - eine Veranstaltung der Bücherei, bei der es einmal nicht um Literatur ging. Doch vielleicht muss es das in der Bücherei auch gar nicht immer, überlegte Büchereimitarbeiterin Sarah Pfeil in der Einleitung. Die Bücherei Holler versteht sich als „Treffpunkt Bücherei“ und damit als Ort, an dem sich zu ganz verschiedenen Themen ausgetauscht werden kann - auch zu Themen sozialer oder (gesellschafts-)politischer Natur. Der Vortrag fand in Zusammenarbeit mit der Katholischen Erwachsenenbildung Rhein-Lahn/Westerwald statt und lockte über vierzig Interessierte ins Pfarrheim in Holler - eine überwältigende Resonanz, wie Sarah Pfeil verdeutlichte.
Die aus Holler stammende Franziska Schneider verbrachte sechs Monate ihres Masterstudiums Friedens- und Konfliktforschung an der Universität Jerusalem um sich dort, ihrem Studium entsprechend, mit einem aktuellen Konflikt auseinanderzusetzen. Die Erlebnisse vor Ort gaben ihr einen neuen, tiefergehenden Blick auf den Nahostkonflikt. Zurück in Deutschland ist es ihr nun ein Anliegen, über diesen Konflikt zu informieren und dabei ihre eigenen Erfahrungen aus Israel und Palästina als Aufhänger zu nutzen.
Und genau das gelang ihr in ihrem Vortrag in herausragender Weise. Zu Beginn brachte Franziska Schneider die Zuhörer*innen mit einem knappen geschichtlichen Abriss auf einen gleichen Wissenstand. Im Anschluss erwartete das Publikum eine Mischung aus Reisebericht anhand stimmungsvoller Fotos - die die besondere Schönheit des Landes zeigten - gemischt mit persönlichen Anekdoten, die vor allem die Konfliktsituation beschrieben und auf beklemmende Weise erfassbar machten. Franziska Schneider lebte im arabischen Viertel in Jerusalem und berichtete von der Gastfreundschaft, mit der sie dort aufgenommen wurde. Während ihrer Zeit in Israel schloss sie Freundschaft sowohl mit israelischen, als auch palästinensischen jungen Menschen und bereiste teils gemeinsam mit ihnen Teile von Israel und des Westjordanlandes. Gerade ihre Berichte von diesen Gesprächen zeigten deutlich, wie stark der Konflikt den Alltag dort bestimmt. So erzählte sie von einem Israeli, der beschämt zugab, sich aus Angst im Bus nicht vor einen vermeintlichen Palästinenser zu setzen. Und von Palästinenser*innen, die ihre Familie und Freunde nicht mehr besuchen können, weil durch den Bau der Mauer und die errichteten militärischen Kontrollpunkte der israelischen Armee der Weg entweder komplett versperrt ist oder sich Wege von 15 Minuten auf zwei Stunden verlängern. Diese persönliche Ebene des Konflikts berührte die Zuhörer*innen spürbar und eröffnete eine weitere Perspektive auf die Situation vor Ort.
Das wurde auch in der anschließenden Diskussion deutlich. Zum Teil fragten die Zuhörer*innen noch einmal intensiver nach diesen persönlichen Erlebnissen. Außerdem wurde lebhaft über die Rolle der internationalen Gemeinschaft bei der Vermittlung oder Lösung des Konflikts, insbesondere über die Rolle Deutschlands mit unserer entsprechenden Geschichte diskutiert. Der Austausch war sehr konstruktiv und bereichernd.
Zum Abschluss stellte Franziska Schneider die Graswurzelbewegung „Combatants for Peace“ vor, eine von Israelis und Palästinensern gegründete Organisation, die sich mit gewaltfreiem Widerstand für das Ende der Besatzung der Palästinensergebiete und des illegalen Siedelns einsetzt, um Frieden in der Region zu ermöglichen. Zugunsten dieser Organisation konnten im Anschluss an den Vortrag über 250 Euro Spenden gesammelt werden.
