Allgemeine Berichte | 26.02.2020

Städtische Volkshochschule kann kostenloses Angebot machen

Alphabetisierungskurs erhält Fördermittel

Helene Weißenfels (links) ist seit 30 Jahren in Sachen Grundbildung unterwegs. VHS-Fachbereichsleiterin Kathrin Twiesselmann-Steigerwald ist erste Ansprechpartnerin für Interessierte. Foto: vhs Neuwied

Neuwied. Der Themenkreis Alphabetisierung/Grundbildung spielt seit Jahren eine wichtige Rolle im Kursangebot der städtischen Volkshochschule. Daher ist die Freude an der weithin bekannten Bildungseinrichtung über eine Förderzusage groß. Die pädagogische Mitarbeiterin der VHS, Kathrin Twiesselmann-Steigerwald, berichtet, dass über den Europäischen Sozialfonds (ESF) ein Alphabetisierungskurs für deutschsprachige Erwachsene gefördert wird. Und da das rheinland-pfälzische Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur (MBWWK) diesen Kurs mitfinanziert, ist er für Teilnehmer sogar kostenlos.

Bürgermeister Michael Mang unterstreicht, wie bedeutend das Thema Grundbildung für die Deichstadt ist und wie wichtig daher die Teilnahme der Stadt am Projekt „Alpha Kommunal“ ist.

„Wir können davon ausgehen, dass mehr als 5000 Neuwieder Bürger große Probleme mit Lesen und Schreiben haben. Die meisten von ihnen haben zwar eine geregelte Arbeit, dennoch zählen diese sogenannten funktionalen Analphabeten zu den gefährdetsten Arbeitnehmern.

Sie können sich bei Jobverlust nicht so einfach wieder schriftlich bewerben. Unser Ziel muss es sein, diesen Menschen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben in dieser Stadt zu ermöglichen.“ Wichtig ist Mang auch, dass die Bürgerschaft gut über das Thema Funktionaler Analphabetismus und Grundbildung informiert ist und Betroffenen Unterstützungsangebote mitteilen kann.

Anforderungen an Kursleitende sind sehr komplex

Wie komplex die Anforderungen an Kursleitende sind, weiß Helene Weißenfels. Die Pädagogin unterrichtet seit 30 Jahren funktionale Analphabeten. Seither hat sich die Zusammensetzung der Kurse deutlich verändert. Waren es vor drei Jahrzehnten vor allem Deutsche – meist aus vielköpfigen Familien stammende Bürger, so sind es heute vor allem Menschen mit Migrationshintergrund - und da vor allem Frauen. So sitzen im aktuellen Kurs drei Männer mit rudimentären Kenntnissen und fünf Frauen, von denen nur eine einzige eine gewisse Vorbildung im Lesen und Schreiben besitzt. „Auf Schulatmosphäre mit Frontalunterricht verzichten wir“, betont Weißenfels. „Das überfordert die Teilnehmer. Stattdessen reden wir zunächst in entspanntem Rahmen über Alltagsprobleme und gesellschaftliche Ereignisse.“ Die Treffen finden zweimal wöchentlich um 19.30 Uhr statt. „Es ist eine Herausforderung, sich nach einem Arbeitstag auf die Grundzüge des Lesens und Schreibens zu konzentrieren.

Wir haben daher auch kein festes Programm, sondern orientieren uns an den Interessen unsrer Kunden, mal steht etwas Naturkundliches, mal etwas Sportliches im Fokus“, so Weißenfels weiter. „Mit diesem Prinzip sind wir immer gut gefahren. Wir erstellen eigene Arbeitsblätter und leisten so individuelle Förderung.“ Wichtig zu wissen: Eine festes Curriculum mit Abschlussprüfungen gibt es nicht.

Das heißt auch: Die Leute verweilen im Kurs, solange das Interesse vorhanden ist – und das hält oft genug über viele Jahre an. Kursabbrecher hingegen gibt es so gut wie nie. Weißenfels kennt den Grund: „Wer einmal den Schritt gemacht hat und zu seinen Defiziten steht, um sie zu beheben, der merkt schnell, dass das Gruppengefühl, das hier rasch entsteht, aufbauend wirkt und eine gewisse Selbstsicherheit fördert.“

VHS-Fachbereichsleiterin Kathrin Twiesselmann-Steigerwald, die erste Ansprechpartnerin für Interessierte ist, betont: „Bei allem bleibt die Anonymität gewahrt, für den Grundbildungskurs gibt es keine offizielle Anmeldung, der Gruppenraum ist nur den Teilnehmern bekannt.“ Und sie betont: „Alphabetisierungs- und Grundbildungskurse sind Teil unseres gesellschaftlichen und bildungspolitischen Auftrags. Damit verhilft die VHS funktionalen Analphabeten zu mehr Chancengleichheit.“

Über den Kurs hinaus erfahren Neuwieder, die ihre Literalität erhöhen möchten oder sonstige grundlegende Lernhilfen benötigen, weiterhin Unterstützung im Lerncafé an der Neuwieder VHS.

Es ist ein Angebot des Grundbildungsnetzwerks GrubiNetz. Regionalkoordinator und Ansprechpartner ist Heiko Hastrich, E-Mail alphakurs@andernach.de.

Dieses frei zugängliche Format wird ebenfalls mit europäischen und rheinland-pfälzischen Fördergeldern finanziert.

Weitere Infos dazu gibt es im Internet unter https://www.grubinetz.de/.

Helene Weißenfels (links) ist seit 30 Jahren in Sachen Grundbildung unterwegs. VHS-Fachbereichsleiterin Kathrin Twiesselmann-Steigerwald ist erste Ansprechpartnerin für Interessierte. Foto: vhs Neuwied

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