Ein im Wortsinn bewegtes und bewegendes Stück auf der Bühne der Sängerhalle Brückrachdorf
Balancieren auf dem Karussell des Lebens
Stadt und Förderverein Brückrachdorf hatten „Atmen“ mit Naemi Simon und Christian Mark in die Stadt geholt
Dierdorf-Brückrachdorf. Lustig, aber kein Lustspiel, traurig, aber kein Trauerspiel: „Atmen“, die Theateraufführung am Samstagabend in der Sängerhalle Brückrachdorf, führte die gut 140 Besucher durch Wechselbäder der Emotionen. Liebe, Verrat und Enttäuschung durchlebten die Schauspieler Naemi Simon und Christian Mark auf der Bühne. Atemlos rasende Wortakrobatik ergoss sich über die Zuschauer, genauso wie bedrückende Sprachlosigkeit. Und in der ganzen Zeit der 90-minütigen Aufführung drehte sich die Karussell-Schaukel des Lebens mit ihren Höhen und Tiefen, zum Ende hin immer schneller.
Wörter und Sätze wie Waffen - das Stück konnte ohne Einbußen auf Kulissen und Requisiten verzichten. Es genügte die sich drehende Wippe in der Mitte der Bühne, um Raum-, Zeit- und Szenenwechsel zu symbolisieren. Fast schon meta-sprachlich beginnen die beiden Liebenden ihre Dialoge. Er: „Es ist ein Gespräch!“ Sie: „Es ist alles Mögliche, aber kein Gespräch!“ Sie: „Ich rede ja nur!“ Er: „Ich sage ja nichts!“ Darauf wieder sie: „Aber es ist doch ein Gespräch!“
Es geht um alles, in diesem Gespräch, oder was auch immer es ist. Es geht um den Zustand der Welt, um die Klimakatastrophe, und es geht um die Frage, ob man dieser Welt noch ein Kind zumuten kann. „Es gibt ein paar Leute, die sollten keine Kinder haben“, darin sind sich beide einig. Und dass sie alles besser machen wollen, angefangen bei der Zeugung. „Ich will, dass es sich heilig anfühlt“, sagt sie. Um ihn dann abzuwehren, weil: „Du hast schon wieder diesen Porno-Blick!“
Kinderkriegen ist auch ein CO2-Problem, eigentlich unverantwortbar. Ein Paar in den Katastrophen des 21. Jahrhunderts, in einer sich selbst zerstörenden Welt, keine Hilfe in Sicht. Der sich schließlich durchsetzende Kinderwunsch muss Hürden überwinden: eine Fehlgeburt, eine Beziehungskrise, die Trennung, der ein One-Night-Stand folgt, die Neuorientierung, das Wiederzusammenkommen.
Und sie werden älter dabei. Dann ist das Kind da, das Karussell beginnt, sich schneller zu drehen. Die Einschulung, „ich hab‘ die Kamera vergessen“, „es ist das erste Mal, dass er nicht zu Hause schläft“ – alle die schnell aufeinander folgenden Dinge, in die Eltern wie in kaltes Wasser geworfen werden. Dann muss er zum Arzt („es ist nur ein Routineeingriff“) und verlässt das Karussell, um nie wieder zu kommen. Sie sitzt allein, der Sohn hat ihr schon einen schönen Platz in einem Altenheim besorgt. Das Karussell dreht sich langsamer, ein bewegtes Leben kommt zur Ruhe. Viele Fragen wirft das Stück auf, die jeder nur für sich selbst beantworten kann. Dem Förderverein Brückrachdorf und der Stadt Dierdorf - bei der Aufführung vertreten durch Fördervereinsvorsitzende Raffela Schroeder und Stadtbürgermeister Thomas Vis – ist dafür zu danken, dass sie dieses sehens- und hörenswerte Stück nach Dierdorf geholt haben. Nach dem Schauspiel gab es bei Snacks und Getränken noch viel Zeit zum Diskutieren über die Empfindungen und Gedanken, die „Atmen“ im Publikum ausgelöst hat.
Haben sie sich noch etwas zu sagen, nachdem sie stunden- und tagelang mit- und übereinander geredet haben?
Der Förderverein Brückrachdorf mit seiner Vorsitzenden Raffaela Schroeder (5. von rechts) und Ortsvorsteher Thomas Kreten (links) freuen sich über das Interesse an kulturellen Veranstaltungen der Bürger von Dierdorf.
Nicht mehr als eine sich drehende Wippe benötigen Naemi Simon und Christian Mark, um die Kulisse für ein ganzes Leben darzustellen.
