Autorin aus Oberwinter stellt ihr neues Werk vor
Beatrice Fermor hat ihren zweiten Roman geschrieben
„Atemhaus“ handelt von der bewegenden Geschichte eines Singhalesen und der Begegnung zweier Kulturen
Oberwinter. Unter dem Pseudonym Freya Wiese wurde sie einem breiten Lesepublikum bekannt. Aus ihrer Feder entsprang das Buch „Hennamond“, die Lebensgeschichte der Deutschtürkin Fatma Bläser, welches etwa bei Ullstein, Bertelsmann, Weltbild und der Bundeszentrale für politische Bildung herauskam. Die Rede ist von Beatrice Fermor. Mit ihrer Familie, drei Kindern und dem Ehemann, wohnt die Autorin in Oberwinter. Sie verfasst und hält im Rahmen ihres „Atelier für Sprache und Literatur“ unter anderem Reden, bietet Schreibbegleitung an, literarische Programme und Workshops. Mit halber Stelle arbeitet sie als Pfarrerin in der Erlöser-Kirchengemeinde Bad Godesberg. Am Dialog der Kulturen, an Sprache und interreligiöser Spiritualität interessiert, hat die gebürtige Bielefelderin, Jahrgang 1968, Germanistik, Geschichte und Theologie in Köln und Bonn studiert. Doch reicht ihre Neugier auf die Zusammenhänge von Individuum und seinem Umfeld viel weiter zurück: „Schon als Jugendliche faszinierten mich Biografien in ihrer Verwobenheit von Geschichte, Zeitgeist und Individualität. Während meiner Tätigkeit als Vikarin und Pfarrerin kam ich in intensiven Kontakt mit einer Vielzahl von Schicksalen quer durch alle gesellschaftlichen Schichten.“
Achtsamkeit und Einfühlung
Im März dieses Jahres ist in der edition polymatheia im Verlag von Klaus Damm ihr Roman „Atemhaus“ erschienen. Er zeugt von großer Achtsamkeit und Einfühlungsgabe der Verfasserin gegenüber einem ihr zunächst nicht vertrauten Kulturkreis und deren Personen. Achtzehn gestische Zeichnungen des Künstlers Stefan Noss begleiten die bewegende und sprachlich angenehme Erzählung über Freundschaft und Krisen in Zeiten politischer Umbrüche, die auf einer wahren Geschichte beruht. Mehr noch: „Die Namen sind verändert, aber sonst ist kaum Fantasie dabei“, versichert die Autorin. Sie muss es wissen, denn sie ist Teil der Geschichte. Die handelt vom 1961 in Colombo an der Westküste Sri Lankas geborenen Singhalesen Mohan de Silva, der nach aufwühlenden Lebensstationen sein Land verlässt und nach Deutschland kommt, wo er viele Jahre ohne innere Anbindung lebt. Mohan wächst in Mattakkuliya, einem Elendsviertel Colombos auf, eine raue Welt, wo Armut, Korruption und das Recht des Stärkeren regieren. Er erlebt dies von früh an am eigenen Leibe. Der Junge wird gekidnappt und als Arbeitssklave an Fischer auf eine Insel verkauft. Wochen vergehen. Er muss schuften wie ein Mann. Doch ein Onkel findet Mohan und führt ihn mit einer List wieder nach Hause zurück.
Welt der Armut und Spiritualität
Dennoch erfährt der junge de Silva auch beglückende Naturerlebnisse, eine starke Bindung zu seiner Mutter, einer Hebamme, die ihn fördert und liebt und eine Welt tiefer Spiritualität. Mohan erlebt die Wirklichkeit „als energetischen Fluss, der sich ihm in der konzentrierten Öffnung für den gegenwärtigen Moment offenbart“, fasst es Fermor zusammen. Seit seiner Kindheit versteht er sich besonders gut mit dem Nachbarmädchen Anusha. Ihre Freundschaft verwandelt sich mit den Jahren in Liebe, sodass Mohan im Alter von 25 beschließt, Anusha zu heiraten. Die Erkenntnis kommt ihm glasklar in Anudradhapura, einem bedeutenden buddhistischen Pilgerziel. „Etwas sagte ‚ja‘ in ihm: ‚Ja‘ zu seinem Leben, zu seiner Liebe, zu den Verstrickungen, in denen er sich befand. Das war sein Weg. Das war der Weg aller Menschen. Ahnungsvoll spürte er die Schwere des Weges, der vor ihm lag, aber er spürte auch, dass es keine andere Möglichkeit für ihn gab, als diesen Weg zu gehen, als dem Ruf des Herzens zu folgen.“ Seine Familie ist zwar dem Buddhismus zugeneigt, folgt aber gleichzeitig den „heiligen Gesetzen“ des Kastensystems. Und so stößt Mohans Mutter ihren Sohn aus dem Familienverbund. Ihre Erziehung verbietet es ihr, die Verbindung zur „niedriger stehenden“ Anusha zu akzeptieren. Dem Unglück erzwungener familiärer Abnabelung folgt Mohans wirtschaftlicher und auch seelischer Absturz.
Er beginnt zu trinken. Im blutigen Bürgerkrieg der von 1983 bis 2009 zwischen tamilischen Separatisten und der von Singhalesen dominierten Zentralregierung herrschte, schließt er sich auf singhalesischer Seite einer kommunistischen Guerillaorganisation an, die ebenfalls gegen die Zentralregierung kämpfte.
Was dann kommt, strapaziert den mitfühlenden Leser. Zwar hat sich Mohan, anders als manche Kampfgefährten, keiner Gewalttat schuldig gemacht, doch er wird festgenommen von Regierungskräften, kommt in verschiedene Lager, erleidet Folter. Da bricht der Panzer um das Herz der Mutter. Dass sie ihn gesucht, besucht und aufgepäppelt hat, rettet dem Sohn vermutlich das Leben. Doch er ist gezeichnet, fürchtet die Rache der Opfer aus seiner Zeit des bewaffneten Widerstands. Die Geburten seiner Kinder lindern die nächtlichen Panikattacken. Seine Familie kann er indes nicht ernähren. Daher begreift Mohan es als Chance, dass ihm sein Bruder eine Stelle bei der Botschaft in Bad Godesberg vermittelt.
Auf der Herzebene
„Die Person, die hinter Mohan steht, habe ich sehr gut kennen gelernt“. Trotz der Beschwernisse in seinem Leben verströme er so viel Positives, sagt Beatrice Fermor. Ihr Alter Ego im Roman ist die junge Ärztin Selma, die diesem Menschen „auf der Herzebene begegnet“. Obgleich er schon Jahre in Deutschland lebt, hat er keine wirklichen Wurzeln geschlagen, spricht nur gebrochen Deutsch und Englisch. Noch mehr unterscheidet sich beider Blick auf die Welt und das Leben. „Fernöstlich-ganzheitliches und westlich-analytisches Denken und Fühlen treffen aufeinander“, so Fermor. Doch in ihrer Freundschaft schenken der liebenswürdige Migrant und die lebenstüchtige berufstätige Frau und Mutter einander Raum für wesentliche tief gehende Gedanken und Empfindungen und schöpfen daraus Bereicherung. Diesen Raum, in dem Selma den verschütteten Zugang ihrer eigenen christlich-abendländischen Identität entdeckt, nennt Fermor „Atemhaus“. Neben dieser beglückenden Architektur der Begegnung steht am Ende des Buches die lange Abwesenheit Mohans von seinem Herkunftsland, von der Ehefrau und den Kindern. Sie hat Mohan ausgehöhlt. Er möchte zurück. Anders als im Roman ist ihm dies in Wirklichkeit bisher nicht gelungen, auch weil ihm die finanzielle Grundlage fehlt, um mit seiner noch immer bedrohten Familie an einem anderen Wohnort in seiner Heimat zu leben. Vielleicht kann das Buch von Beatrice Fermor dazu beitragen. Das würde einem Herzenswunsch der Autorin entsprechen.
Lesung
Beatrice Fermor liest zur Finissage der Ausstellung „weiß schwarz +“ (7. Mai bis 28. Mai) in der ehemaligen Druckerei Krupp, Mühlenbachstraße 40 in Sinzig, am Samstag, 28. Mai, 16 Uhr, aus dem besprochenen Buch „Atemhaus“.
HG
Foto: unknown
