Dokumentarfilm „Koffer gepackt und überlebt“ beleuchtet die Kindertransporte im Nationalsozialismus
Berührendes Kapitel einer grausamen Zeit
Koblenz. Knapp drei Wochen, nachdem im Bundesarchiv das Schicksal Günter Sterns (Joe Stirling), eines jüdischen Kindes, dem 1939 per Kindertransport die Ausreise nach England gelang, vorgestellt worden war, wurde nun im Kreishaus in der Bahnhofstraße das ähnliche Los seiner Leidensgenossin Ursula Michel gezeigt. Sie gelangte als 15-Jährige mit einem ebensolchen Transport von ihrer Heimatstadt Ludwigshafen nach London, wo Pflegeeltern für ihr Leben im Exil aufkamen.
Ihre Tochter, Judith Rhodes, war der Initiative des Beirats für Migration und Integration (BMI) des Landkreises Mayen-Koblenz gefolgt, um mit dem Dokumentarfilm „Koffer gepackt und überlebt“ an ihre Mutter und die Kindertransporte, mit denen zehntausend Kinder 1938/39 dem Holocaust entkamen, zu erinnern.
Landrat Dr. Alexander Saftig eröffnete die Gedenkveranstaltung, die der Idee von Zeynep Begen, der BMI-Vorsitzenden, zu verdanken war. Er betonte, wie wichtig es sei, selbst schwierige Zeiten wie die des Nationalsozialismus immer wieder aufleben zu lassen und darüber zu diskutieren - denn etwas Derartiges dürfe nie wieder geschehen. Die Verantwortung dafür zu tragen, verjähre angesichts der deutschen Geschichte niemals. Mit Hinweis auf die mehr als 1,5 Millionen Kinder, die Opfer des NS-Terrors wurden, bezeichnete er die Kindertransporte als ein besonders berührendes Kapitel jener Zeit.
Der Dokumentarfilm zeigte das Schicksal einer Betroffenen, nämlich das von Ursula Michel. Die historischen Hintergründe der jeweiligen Lebensstationen Ursulas werden im Film von einem Kommentator beleuchtet. Er spricht über die zunehmende Verschlechterung der Position der Juden aufgrund der staatlich verordneten Diskriminierung, insbesondere nach dem Beschluss der Nürnberger Rassengesetze im September 1935, und über die Pogromnacht in Deutschland sowie den Fortgang der Judenverfolgung bis zum Holocaust. Interviews mit Judith Rhodes und Ursula Rosenfelder, geborene Schwab, einer Mannheimer Familienfreundin jener Zeit, fügen dem Film eine weitere Perspektive hinzu.
Ursula Rhodes, geborene Michel, ist der rote Faden der Dokumentation. Als Ich-Erzählerin blickt sie auf die damalige Zeit zurück. „Wir haben November 1938 und seit letzter Woche ist alles anders“, heißt es gleich zu Beginn. Ursula erzählt von der Nacht des 9. November 1938, als SA-Männer in die Wohnung der Familie eindrangen und sie verwüsteten. Am nächsten Morgen kamen sie wieder und nahmen den Vater „in Schutzhaft“, wie ihnen gesagt wurde. Als der Vater ein paar Wochen später aus dem Konzentrationslager zurückkam, sei er verändert gewesen und habe eisern über das ihm Widerfahrene geschwiegen.
Ungewisses Schicksal
Die befreundete Familie Schwab war es, die bald darauf den Kontakt zu Pfarrer Maas aus Heidelberg herstellte, der wiederum Ursula einen Platz in einem der letzten Kindertransporte nach London verschaffte. Dass die damals 15-Jährige am 25. August 1939 „weg musste“, während die jüngere Schwester Lilli bleiben durfte, war für sie eine große Belastung. Mit einem kleinen Köfferchen als Handgepäck, zehn Reichsmark und einigen Fotos musste sie in den Zug steigen, konnte den Eltern nicht einmal zuwinken, weil die nicht auf den Bahnsteig durften. Rosenfelder erinnert sich im Film an die Zeit nach der Abreise Ursulas. Es sei furchtbar für Familie Michel gewesen, die Tochter einem derart ungewissen Schicksal zuzuführen. Doch für Ursula begann ein neues Leben in England. Von der Gast-Familie wurde sie warmherzig aufgenommen, sie ermöglichte ihr den Schulbesuch. Auf die Briefe, die sie von ihrer Familie in Deutschland erhielt, antwortete sie selten und spärlich. „Vermutlich, weil sie sich verstoßen fühlte“, deutet es Ursulas Tochter Judith heute.
Ursula heiratete in England den Kohlebergbauingenieur Harold Rhodes und bekam mit ihm Tochter Judith. Aus Briefen ihrer Schwester hatte Ursula erfahren, dass die Familie 1942 nach Polen deportiert wurde. Später erhielt sie dann die Information, dass alle im Konzentrationslager ermordet wurden. Jahre später reiste Ursula gerne und oft nach Deutschland, aber Ludwigshafen wollte sie nie wiedersehen – die schmerzliche Erinnerung war wohl zu groß. Bevor Ursula Rhodes demenzkrank im Jahr 2011 starb, erzählt der Film, erfuhr Tochter Judith von den Stolperstein-Aktionen in Deutschland. Sie erreichte, dass im Jahr 2010 auch vor der Wohnung ihrer Familie in Ludwigshafen diese Steine verlegt wurden. Für sie war das ein Teil ihres persönlichen Aufarbeitungsprozesses der Familiengeschichte.
Nach dem Tod der Mutter übergab Judith eine Spende an die „Initiative Lokale Agenda 21 Ludwigshafen“. Der Arbeitskreis „Ludwigshafen setzt Stolpersteine“ entschied sich, mit dem Geld diesen Film zu produzieren und gab die Gestaltung des Drehbuchs und die Produktion in Auftrag. Judith Rhodes stellte für den Film Briefe, Dokumente und Fotos zur Verfügung. Hinzu kamen Schriftstücke und Bilder aus verschiedenen öffentlichen und privaten Archiven. Judith besucht mit der Dokumentation, die für sie eine besondere Form der Erinnerungskultur darstellt, vor allem deutschen Schulen. So will sie das Geschehene für die Jugend erfahrbar machen. Mit dabei hat sie immer verschiedene Erinnerungsstücke an ihre Mutter und natürlich den kleinen Reisekoffer, der die Mutter auf dem Transport nach England begleitete.
„Wir müssen den Flüchtlingen helfen“
Nach der Filmvorführung wurde Judith Rhodes von Studienrätin Dr. Diana Lelle-Roll, die sich derzeit in Boppard für die Verlegung von Stolpersteinen engagiert, interviewt. Dabei sprach Judith zum Beispiel über die deutsche Sprache, die zu Hause anfangs noch gelegentlich gesprochen wurde, dann aber für immer verstummte. Oft habe die Mutter von der Familie erzählt, besonders von der wilden und spitzbübischen Schwester Lilli. Aber wie Familie Michel die Pogromnacht erlebte, erzählte sie der Tochter nicht. Davon erfuhr Judith erst in der Vorbereitung zu dem Film. Zum Verhalten der Mutter nach ihrer Flucht sagte Judith: „It really shocked me“. Und meinte damit ihre Verweigerung jeglichen Kontaktes, erst zur Familie und später auch zu den Menschen (Familie Schwab), die sich doch rührend um sie gekümmert hatten damals.
Auf Fragen aus dem Publikum, die Flüchtlingssituation der heutigen Zeit betreffend, antwortete Judith, es mache sie zornig: „Wir haben Platz, wir haben Geld, wir müssen helfen“. Am Ende der Veranstaltung rief Begen dazu auf, sich nicht gegen die Aufnahme von Flüchtlingen zu sträuben und lobte gleichzeitig die Solidarität der Bevölkerung für die nach Deutschland Geflohenen.
BSB
Von Zeynep Begen (li.) und Alexander Saftig in die Mitte genommen, zeigte Judith Rhodes das Reiseköfferchen der Mutter.
Auch Interviewerin/Übersetzerin Diana Lelle-Roll staunte über die von Judith präsentierten Erinnerungsstücke an Ursula Rhodes.
