Allgemeine Berichte | 13.12.2017

Erinnerung an die ermordeten Rheinbacher Juden

Besuch aus Phoenix bei der zweiten Stolpersteinverlegung

Gedenken an Benedict und Johanna Schweitzer, v.r.: Bürgermeister Raetz und die Paten Elisabeth Vollert sowie Heidi und Bernd Ewich.Stadt Rheinbach

Rheinbach. Nachdem vor fast genau elf Monaten erstmals Stolpersteine in der Glasstadt verlegt werden konnten, war der Künstler Gunter Demnig nun erneut in Rheinbach, um weitere Erinnerungssteine für die ermordeten Rheinbacher Juden zu setzen.

Diesmal begann die Verlegung im Ortsteil Wormersdorf, vor dem Haus Unterdorf 54. Hier lebte bis zu seiner Deportation 1942 das kinderlose Ehepaar Benedict und Johanna Schweitzer in einer Mietwohnung. Über Endenich und Köln wurden die beiden über 60-Jährigen nach Minsk deportiert und dann im nahen Maly Trostinec ermordet.

An der Stelle dieses letzten freiwillig gewählten Wohnsitzes der Schweitzers sprach die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Bonn, Dr. Margaret Traub, einige eindringliche Worte. Sie war ursprünglich keine Freundin der Idee, Stolpersteine für ermordete jüdische Bürger zu verlegen, hat aber ihre Meinung im Laufe der Zeit geändert. Heute hält sie diese Form des Erinnerns für wichtig, damit die Schrecken der Judenverfolgung im NS-Staat nicht in Vergessenheit geraten.

Erinnerungen der Großmutter an die Reichspogromnacht

Anschließend verlegte Demnig ein paar Straßen weiter, vor dem Haus Ipplendorfer Straße 64, weitere vier Steine. Sie erinnern an den jüdischen Viehhändler David Weber, seine Frau Jenny und seine Söhne Ludwig und Alfred. Am Tag nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938 drang der Rheinbacher NS-Bürgermeister Wiertz mit zwei Kumpanen in das Haus der Webers ein und warf die Möbel auf die Straße. Daran erinnerte bei der Stolpersteinverlegung die 21-jährige Wormersdorferin Marlen Dietrich, deren Großmutter dieses Ereignis als Kind miterlebt hatte und später immer wieder davon berichtete.

Die beiden Brüder Ludwig und Alfred wurden wie viele andere Juden anschließend in das Konzentrationslager Dachau gebracht. Monatelang mussten sie auf ihre Freilassung warten. Später lebten sie wieder im Elternhaus. Wie die Schweitzers wurden auch die vier Webers deportiert und mussten im Mai 1942 in der Vernichtungsstätte Maly Trostinec sterben.

Leistungskurs Geschichte erinnerte an die Ermordeten

Vor dem Dreeser Tor 21 verlegte Demnig einen Stolperstein für Helena Meyer, die in Flerzheim geboren wurde, später aber mit ihren Eltern nach Rheinbach zog. Die jüdische Familie Meyer war schon seit Generationen in Rheinbach ansässig. Einer ihrer Ahnen, Benjamin Meyer, bekam als Rheinbacher Jude 1772 vom Kölner Erzbischof Maximilian Friedrich einen Schutzbrief ausgestellt.

Nach dem Tod ihrer Eltern lebte Helena alleine in der Wohnung im Haus Ecke Münstereifeler Straße/Vor dem Dreeser Tor. Sie wurde am 11. Februar 1942 nach Endenich in das für Rheinbach zuständige Sammellager gebracht. Von dort aus deportierte man sie nach Theresienstadt, wo sie am 25. September 1942 verstarb.

Wie auch an den anderen Verlegeorten erinnerten auch hier Schüler des Städtischen Gymnasiums, Leistungskurs Geschichte, durch das Rezitieren von biografischen Daten an das Schicksal derer, für die an diesem Tag Stolpersteine gelegt wurden.

Ins Gettohaus nach Köln

Im Haus Lindenplatz 3 lebten in den 1930er Jahren die Kleidermacherinnen Mina und Bertha Arensberg. Die beiden Schwestern verließen gezwungenermaßen, nachdem sie ihr Geschäft ab 1939 nicht mehr führen durften, Rheinbach und zogen nach Köln in ein Gettohaus in der Cäcilienstraße. Hier lebten sie zusammengepfercht mit vielen anderen Juden. Während Mina im Mai 1942 im Alter 75 Jahren im jüdischen Krankenhaus in Köln starb, deportierte man kurz darauf die ein paar Jahre jüngere Bertha in das Konzentrationslager Theresienstadt. Am 15. Mai 1944 wurde Bertha im Vernichtungslager Auschwitz ermordet.

Hanna Miley konnte nach Großbritannien fliehen

Während Gunter Demnig den Gedenkstein für Bertha Arensberg verlegte, ergriff Hanna Miley aus Phoenix, Arizona das Wort. Sie wurde 1932 geboren und ist in Gemünd in der Eifel aufgewachsen. Ihre jüdischen Eltern erkannten noch rechtzeitig die Gefahren der NS-Herrschaft und schafften es, ihre Tochter 1939 auf einem Kindertransport nach Großbritannien unterzubringen. Mit dem Schiff kam Hanna in Sicherheit, während ihre Eltern in einem Vernichtungslager umkamen.

Befreundet mit einem Rheinbacher Ehepaar hat Hanna Miley die jahrelange Diskussion um das Thema Stolpersteine in Rheinbach mit großem Interesse verfolgt und ist jetzt froh und dankbar, dass der Stadtrat letztendlich grünes Licht für die Verlegung der Steine gab.

Schwestern wurden nach Minsk deportiert

Der Familie Rolef gehörte das im Krieg zerstörte Fachwerkhaus, das auf dem heutigen Grundstück Koblenzer Straße 7 stand. Anfang der 1940er Jahre lebten hier die Schwestern Selma und Josefine Rolef. Beide waren Mitglied im Rheinbacher Eifelverein, wobei Selma sich darüber hinaus in vielen Ausschüssen des Vereins, zum Beispiel dem Wanderausschuss, engagierte. Von 1917 bis 1932 war sie als Sekretärin beim Landratsamt Rheinbach beschäftigt.

Die beiden Schwestern wurden ebenfalls im Februar 1942 nach Endenich gebracht. Dann deportierte man sie im Juli des gleichen Jahres nach Minsk und anschließend in das Vernichtungslager Maly Trostinec, wo sie durch Erschießung oder Vergasung ermordet wurden.

Schweigeminute für die Opfer

Auch hier vor dem Haus Koblenzer Straße 4 bat Bürgermeister Stefan Raetz, der die Verlegung vom Anfang bis zum Ende begleitete und moderierte, die Anwesenden um eine Schweigeminute. Zum Schluss dankte er Gunter Demnig für die Verlegung und den Stolpersteinpaten für die Finanzierung der Steine. Außerdem hob er die Leistung von Peter Mohr hervor, der durch seinen langen, zähen Einsatz für die Realisierung von Demnigs Projekt wesentlich dazu beigetragen hat, dass Rheinbach keine „stolpersteinfreie“ Stadt geblieben ist.

Pressemitteilung Stadtarchiv

Rheinbach

Gunter Demnig verlegt den Stolperstein für Helena Meyer.

Gunter Demnig verlegt den Stolperstein für Helena Meyer.

Gedenken an Benedict und Johanna Schweitzer, v.r.: Bürgermeister Raetz und die Paten Elisabeth Vollert sowie Heidi und Bernd Ewich.Fotos: Stadt Rheinbach

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