Arp Museum Bahnhof Rolandseck präsentiert den dritten Ausschnitt und findet Schnittmengen
Collagen der Sammlung Meerwein
Remagen. „Ich dachte, was will er noch bringen?“ Gerhard Meerwein sagte dies bezogen auf den Kurator Arne Reimann, um dann beglückt und staunend anzuerkennen: „Die Trilogie ist so schlüssig aufgegangen.“ Meerwein, Architekt, Innenarchitekt und emeritierter Professor der Hochschule Mainz, hatte dem Arp Museum Bahnhof Rolandseck 2015 seine Sammlung von 400 Collagen plus entsprechender Literatur zum Geschenk gemacht. Zum dritten Mal ist dieser einzigartigen Kollektion im Rolandsecker Museum eine Ausstellung gewidmet, konzipiert wiederum von Meerwein-Versteher Reimann, der den „Ersten Ausschnitt“ auf die Persönlichkeit des Sammlers konzentrierte und thematische Schwerpunkte der gesammelten Collagen abbildete.
Im „Zweiten Ausschnitt“ ging es um zeitgenössische Positionen und Künstlerfreunde, mit denen der Sammler in Verbindung stand. Und nun also die Ausstellung „Dritter Ausschnitt“, die in der Ausstellungsetage des historischen Bahnhofs die Schnittstellen aufzeigt zwischen der Sammlung Meerwein und dem Museumsbestand aus der Sammlung Arp und der Sammlung zeitgenössischer Kunst.
„Elementare Konstruktion“
Wie nebenbei gliedert sich die Nummer drei perfekt ins Jahresthema „Sammlungen“ ein. Es kommt zu spannenden Begegnungen. Die Brücke zur Region schlagen August Sanders Fotografien vom Siebengebirge, dem Nürburgring und Jungbauern. Aber direkt ins Gebäude springt mit Johannes Wasmuth, Martha Argerich und Lajos Barta 1964 im Bahnhof Rolandseck Erika Kniffl, die damals begann, sich durch ihre Aufnahmen von Kunstorten und Künstlerateliers einen Namen zu machen. So ziemlich wie aus einem Guss wirken Ulrich Erbens schon länger in Museumsbesitz befindliche geometrische Bildfindungen und seine Collage verschiedener Papieren aus der Meerwein-Sammlung. In der Intensität starker Farbpositionen gehen ihm Josef Albers‘ Siebdrucke noch voraus. Die 1916 geschaffene „Elementare Konstruktion“ von Hans Arp veranschaulicht dagegen, wie früh der Museumspatron die experimentelle Technik der Collage nutzte. Bei Sophie Taeuber-Arps „Aubette“-Arbeit von 1927 springen dann die komponierten Elemente ins Relief. Zu diesen Exponaten im Hauptraum, der „auf die Grundfesten der Collage“ Zufallsprinzip, Farbe, Geometrie, hinweist, gesellen sich auch Peter Weiss‘ Collagen zu „Abschied von den Eltern“, die deutliche Anlehnung an Max Ernst aufweisen, Klaus Staudts Würfel-Konstruktionen, Herbert Zangs unfarbige Pappe-Anordnungen und Malereien, außerdem Hans Richters „Retrospektiver Lebensfahrplan“, zu dem „Johannes Wasmuth, der unergründliche Vorsteher des Kultur-Zentrums und Bahnhofs Rolandseck“ anregte und andere mehr.
Spoerris „Gedeckter Tisch“
Der Nordraum steht unter dem Motto „Ironie und Chaos“. Gerade dort wird deutlich, dass in der
Ausstellung Collagen über die Papierarbeiten hinausgehen zur Technik der Collage, die Materialien und Motive aus Zusammenhängen entführt, etwas wegnimmt oder hinzufügt, wodurch Neues entsteht, das verschiedene Bedeutungs- und Zeitebenen verbindet. Wolf Vostell hat mit „TV-Krebs 2“ eine Nachrichtensprecher-Abbildung auf Textil geschaffen und empfahl, dieses zur Tagesschau-Zeit täglich aufs Fernsehgerät zu legen und den Ton abzuschalten.
Timm Ulrich bringt für „Abplattung der Erde, (Erklärungsversuch)“ 1969 einen Miniglobus in der Schraubzwinge unter Druck. Pure Naturbällchen fügte Dieter Roth zu einem sympathischen „Karnickelköttelkarnickel (Scheißhase)“ zusammen, während man von Daniel Spoerri, bekannt dafür, die Überreste von Banketten als Kunst zu verewigen, die entfaltbare Papiercollage „Gedeckter Tisch“ sieht. Stefan Wewerka führt 1971 vor, dass die Wegnahme von Gradlinigkeit das Allerweltsobjekt Streichholzschachtel erstaunlich anders aussehen lässt. Vom Künstler hängen auch „Drei Fahnen“ von der sehenswerten historischen Decke, ebenso machte er aus einem Taschentuch per Reißverschluss ein „Verschnupftuch“. Sein Stuhl von 1967, dem er die Vorderbeine und einen Teil der Sitzfläche amputierte, sieht an die Wand gerückt aus, als durchdringe es sie. Sollte es derselbe Stuhl sein, der bereits 2006 im Bahnhof zu sehen war, dann trägt er unter dem Sitz eine wenig schmeichelhafte Widmung für Johannes Wasmuth mit dem Zusatz „1967 im B’f Rolandseck, eine ekelhafte Zeit für mich“. Im Südraum, getitelt „Räumlich soziale Gemengelage“, begehren die Künstler auf: Siegmar Polke thematisiert „Künstler kämpfen“ und klagt in „Bargeld lacht“ den Kapitalismus an, beides Druckgrafiken nach Collagen. Martin Kippenberger übt in seiner Collage Gesellschaftskritik. Josef Beuys schließlich druckt 1971 auf eine Plastiktasche „So kann die Parteiendiktatur überwunden werden“ und setzt Stempel auf DDR-Einkaufstüten.
Die Ausstellung „Collagen. Die Sammlung Meerwein. Dritter Ausschnitt“, zu der ein Katalog erschienen ist, wird im Arp Museum Rolandseck bis 5. Januar 2020 zu sehen sein: dienstags bis sonntags 11 bis 18 Uhr .
HG
Arbeit von Timm Ulrichs aus der Sammlung Meerwein: „Abplattung der Erde“ (Erklärungsversuch)“, 1969
