Motorjournalist Klaus Ridder traf Ralf Klodwig, dessen Vater an zwei Großen Preisen von Deutschland teilnahm
DDR-Spitzensportler startete mit BMW-Eigenbau
Nürburg. Beim Oldtimer Grand Prix 2016 traf Motorjournalist Klaus Ridder im historischen Fahrerlager Ralf Klodwig. Ralf Klodwig wohnt heute in Hamburg und gönnt sich jedes Jahr eine Reise zum Nürburgring. Er ist am historischen Motorsport interessiert, denn sein Vater nahm anfangs der 50er Jahre als DDR-Sportler mit einem privat gebauten Eigenbau auf BMW-Basis und auch als Privatfahrer an den Großen Preisen von Deutschland 1952 und 1953 teil. 1954, dem Jahr, wo Mercedes in die Formel 1 zurückkam und mit dem Argentinier Juan Manuel Fangio siegte, besuchte Ralf Klodwig erstmals den Nürburgring; er war damals 14 Jahre alt.
Großer Preis von Deutschland 1954
Klaus Ridder und Ralf Klodwig unterhalten sich über den Großen Preis von Deutschland 1954. Nach 15 Jahren kehrte Mercedes zurück zum Nürburgring. Hier die spannende Schilderung von Ralf Klodwig.
„Meine Eltern und ich sind zum Nürburgring gefahren, das wäre heute kein Problem, aber zu der Zeit, als wir zum Nürburgring wollten, war noch eine Grenze inmitten von Deutschland und deswegen musste man erst mal zur Polizei, um Pässe zu beantragen um ausreisen zu dürfen. Mein Vater war in Ostberlin gemeldet und das Auto war auch in Ostberlin zugelassen. Da mein Vater Spitzensportler der DDR war, ging das schnell über die Bühne. Bei meiner Mutter und mir dauerte es etwas länger. Als das erledigt war, konnten wir losfahren. Als wir dort ankamen, ist mein Vater zur Rennleitung gegangen und hat uns Karten besorgt. Am nächsten Tag sind wir dann zum Rennen gefahren. Das Rennen dauerte länger als heute. Wir hatten uns beim Großen Preis von Deutschland auf dem Boxendach niedergelassen. Mein Vater hatte noch ein Gespräch mit dem Rennleiter vom BP-Renndienst. Als das Rennen startete, war mein Vater auch bei uns. Die Rennwagen sind alle gut gestartet. Mercedes Benz waren die besten und sehr schnell. Der Rennleiter von Mercedes war Herr Neubauer. Es war abgesprochen, dass Fangio gewinnen sollte. Damit waren die drei anderen Fahrer einverstanden. Es waren etliche Runden gefahren und es war so, als ob alles nach Plan ginge, aber es kam anders.
Karl Kling fuhr ganz plötzlich eine schnelle Runde nach der anderen und fuhr auch die schnellste Runde. Das war nicht geplant, der Herr Neubauer ging auf die Strecke und drohte Kling mit der Faust. Das war aber noch nicht alles. Kling überholte auch Fangio und da wurde Herr Neubauer böse und winkte mit der roten Fahne. Nach ein paar Runden kam Karl Kling an die Box, brauchte unbedingt Benzin, denn auf der Tankanzeige war nur wenig Benzin im Tank. Das war natürlich für die Presse und Fotografen ideal, mal schnell ein paar Bilder zu machen. Die haben aber nicht gedacht, dass Herr Neubauer das nicht wollte, der hatte die rote Fahne mit der die Kameras aus den Händen der Presseleute geschlagen, damit auch die Monteure Benzin einfüllen konnten.
Inzwischen war Fangio wieder vorbei gefahren. Den Fotografen ist nichts weiter passiert und die Kameras waren noch aus Metall. Karl Kling ist mit vollem Tank weitergefahren und hat noch das Ziel erreicht. Später wurde festgestellt, dass eine Stange dicht am Tank gebrochen war und in den Tank ein Loch geschlagen hat und das Benzin verloren ging. Für mich war das ein Erlebnis, was ich nie vergessen kann.“
Vater war DDR-Spitzensportler
Ralf Klodwig zeigt Klaus Ridder ein Bild, das seinen Vater Ernst Klodwig mit seinem BMW-Eigenbau auf der Titelseite der Zeitschrift „Illustrierter Motorsport“ zeigt. Vorne Ernst Klodwig, der damals in Aschersleben wohnte, und im Hintergrund die Nürburg.
Klaus Ridder zitiert aus einem Artikel der v.g. DDR-Zeitschrift: „1949 reifte mit Unterstützung eines Sportfreundes in ihm die Idee des Baues eines BMW-Heckrennwagens der Formel II-Klasse. Wie gut das Fahrzeug gelungen war, wurde auf Anhieb mit dem zweiten Platz beim 1950er Rennen in Dessau bewiesen. Danach war er bei allen Rennen in der DDR und auch einige Male im Westen unseres Vaterlandes mit am Start. Seine bedächtige, stets überlegene Art wirkte sich so aus, dass er sowohl 1951 als auch 1952 jeweils an zweiter Stelle in der DDR-Meisterschaftswertung verzeichnet war. Auch auf westdeutschen Rennpisten gelangen ihm Achtungserfolge. Durch sein vorbildliches Auftreten war er stets ein guter Mittler zwischen ost- und westdeutscher Motorsportkameradschaft.
Leider muss man auch ihn zu den Pechvögeln rechnen, und wir wünschen ihm für die kommenden Rennen nicht wieder so ein Pech wie beim ersten Meisterschaftslauf dieses Jahres, bei dem sein Motor in der letzten Minute den Geist aufgab.
In diesem Sinne unserem Sportkameraden Ernst Klodwig die herzlichsten Glückwünsche der Redaktion Motorsport und die des Präsidiums der Sektion Motorrennsport.“
Ernst Klodwig wurde 1901 geboren und war von Beruf Kraftfahrzeugmechaniker, verheiratet und Vater von 2 Jungen. Er wohnte bis 1959 in Aschersleben und siedelte in den Westen nach Cochem/Mosel um. Seinen BMW-Eigenbau verschenkte er an einen seiner Gesellen und er soll 2017 wieder fahrbereit gemacht werden. 2013 war das seltene Auto noch in einer Sonderausstellung des PROTOTYP-Museums in Hamburg zu sehen.
Resümee
Motorsport war in der DDR sehr beliebt. Anfang der 50er Jahre waren DDR-Motorsportler auch im Westen dabei – und umgekehrt. Damals hat die Ost-West-Sportfreundschaft noch funktioniert.
Bilder gesucht
Autor Klaus Ridder sucht für sein Buch „90 Jahre Nürburgring - 60 Jahre live dabei“ weitere Zeitzeugen sowie Geschichten und Bilder aus alten Nürburgring-Tagen, hier besonders von dem ersten Nachkriegsrennen 1947. Kontakt: Klaus Ridder, Tel. (0 22 41) 1 20 18 63, E-Mail: gefahrgutridder@t-online.de. Weitere Informationen online auf www.motorsportridder.de und www.klaus-ridder.de.
Klaus Ridder
