Koblenz gedenkt der Reichspogromnacht vor 80 Jahren
„Das Böse aus der Perspektive des Opfers zu erleben, ist der Weg, zu lernen“
Koblenz. Am 11. November lud die Christlich-Jüdische Gesellschaft für Brüderlichkeit e. V. in die Koblenzer Synagoge zum Gedenken an die „Reichspogromnacht“ ein. Viele Menschen versammelten sich in den Räumen der Jüdischen Kultusgemeinde, um an die Opfer dieser grausamen Stunden zu erinnern, darunter Oberbürgermeister David Langner, Avadislav Avadiev, Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde, Josef Oster, MdB, Dr. Anna Köbberling, MdL, Polizeipräsident Karlheinz Maron, Dr. Stefan Bent, Landesuntersuchungsamt, Serkan Genc, Vorsitzender des Beirats für Migration und Integration der Stadt Koblenz, Heribert Heinrich, SPD-Stadtratsfraktion, Monika Sauer, CDU-Stadtratsfraktion, Dr. Jürgen Schumacher, Vorsitzender des Fördervereins Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz e.V., Pfarrer Stefan Wolff, Pfarreigemeinschaft Koblenz, Pfarrer Ralf Staymann, Altkatholische Pfarrgemeinde Koblenz, Pfarrerin Birgit Becker, evangelische Kirchengemeinde Koblenz-Mitte, sowie Vertreter der türkisch-muslimischen und bosnisch-muslimischen Gemeinden. Musikalisch begleitet wurde die Gedenkfeier durch das Kammermusikensemble der Mitglieder der Rheinischen Philharmonie.
Auftakt zu noch entsetzlicheren Gräueltaten
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 fand die sogenannte „Reichskristallnacht“ statt. Von den Nationalsozialisten gelenkt wurden etwa 1400 Synagogen und jüdische Versammlungsräume zerstört und in Brand gesetzt. Die jüdischen Bürger wurden misshandelt und aus ihren Wohnungen vertrieben. Viele wurden verschleppt, ermordet, oder sie brachten sich aus Verzweiflung selbst um. In Koblenz wurden in dieser Nacht 19 Geschäfte und 41 Wohnungen zerstört und geplündert, der Friedhof wurde geschändet und die Leichenhalle verwüstet. Es war der Auftakt zu noch abscheulicheren Gräueltaten.
Vorbild sein für künftige Generationen
Der Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde, Avadislav Avadiev, begrüßte die Gäste. In seiner Ansprache betonte er, dass Geschichte nicht umgeschrieben werden könne, aber man dennoch miteinander die Geschichte verarbeiten und daraus lernen kann, um für die junge Generation als Vorbild handeln zu können. „Antisemitismus hat in Europa wieder zugenommen, und daher ist es sehr wichtig, dass dieser Teil der Geschichte in den Schulen an die Kinder weitergegeben wird, denn in den Schulhöfen heute, ist das Wort ‚Jude‘ wieder zu einem Schimpfwort geworden.“
Pfarrer Wolfgang Hüllstrung hielt es nicht für selbstverständlich, dass die Gedenkstunde an die Reichpogromnacht in den Räumlichkeiten der Jüdischen Kultusgemeinde gehalten wird, „denn eigentlich ist es Aufgabe der Nachfahren der Täter, die Erinnerung lebendig zu erhalten und auch für die heutige politische Kultur fruchtbar zu machen.“ Die Christlich-Jüdische Gesellschaft versteht ihre Aufgabe daher darin, „den Dialog zwischen Juden und Christen zu fördern und zu einem partnerschaftlichen Verhältnis beizutragen.“
Oberbürgermeister David Langner glaubt, „dass sich die Geschichte in Teilen wiederholen kann“. Dabei erinnerte er an die Situation zu Beginn der 1930er-Jahre, als die NSDAP bei der Reichtagswahl noch unter 20 Prozent lag und nur zwei Jahre später bereits 37 Prozent erreichte, um darauf hinzuweisen, wie schnell eine Stimmung kippen kann. „Ich glaube, das zeigt, dass wir sehr vorsichtig und sehr wachsam sein müssen, gerade in unserer heutigen Zeit, und nichts damit abtun, dass es nur ein paar ‚Verrückte‘ sind, sondern dass wir schon an dieser Stelle sagen: Halt, wir wissen aus der Geschichte, wozu das führen kann.“
Pater Eric Riechers, SAC, Vallendar, las einen Abschnitt aus dem Buch Genesis vor über die „transformative Feuerprobe des Rollentauschs“ von Josef und seinen Brüdern, der Umkehr. Es handelt vom Versagen und von der Fähigkeit, aus diesem Versagen zu lernen, und es lehrt die Menschen, dass sie sich ändern können. Die „allernötigste Vorstufe der Umkehr sei es, zu verstehen, wie sich das Böse von der anderen Seite anfühlt, nicht als Täter, sondern als Opfer. Der Weg, wie die Menschen lernen, das Böse nicht zu tun, ist, ein Ereignis aus der Perspektive des Opfers zu erleben“. Riechers schloss seine Ansprache mit dem Satz: „Möge es so sein, dass es in den kommenden Jahren genügend Menschen gibt, die laut und deutlich sagen, dass sie sich empfinden, fühlen und verstehen als die Hüter der jüdischen Brüder und Schwestern“.
Es wurde ein kleines Stück aus dem ersten Buch Mose, dem Bereschit, gelesen, zuerst auf Hebräisch und dann in der deutschen Übersetzung.
Oberbürgermeister der Stadt Koblenz, David Langner, plädierte in seiner Ansprache für mehr Wachsamkeit und mehr Verantwortung, gerade in der heutigen Zeit.
