Über den therapeutischen Wert der Musik
Das Musikwunder
Von Gerd P. Lüttgen
Die Fähre von meinem Heimatdorf Kripp am Ufer des Rheins hinüber zur anderen Seite des Stromes zu meinem Schulort Linz hatte wegen Nebels an diesem Morgen für ein, zwei Stunden den Betrieb eingestellt. Das kam im Herbst häufiger vor.
Schließlich setzten wir doch über. Als ich das Schulgebäude verspätet betrat, war in den Klassenräumen der Unterricht bereits in vollem Gange.
Wie von fern waren Stimmen vernehmbar: Lehrer, Schüler? Ein wenig mulmig war mir zu Mute; irgendwie fühlte ich mich doch an der Verspätung mitschuldig. Dabei war Nebel doch höhere Gewalt. In den fünfziger, sechziger Jahren verfügte unsere Fähre noch nicht über ein Radargerät.
Langsam ging ich durch den Flur und die Treppe hinauf zum Dachgeschoss. Dort musste meine Klasse, die Quarta A, nun im Musiksaal beim Musikunterricht sein.
Sehr gut erinnere ich mich an unseren Musiklehrer, Oberstudienrat Heinrich. Mit seiner, für die damalige Zeit ungewöhnlich langen, grauen Künstlermähne, war er eine auffällige Erscheinung.
Ich wartete regelrecht darauf, dass sich seine Stirnglatze langsam rötete, wenn er etwas am Flügel vorspielte, wobei sein Oberkörper im Takt der Musik hin und her wippte. Er behauptete von sich, das absolute Gehör zu haben, was ich ihm auch gerne abnahm. Einmal forderte er uns auf, zu bestimmen, welcher Ton das sei, der ab und zu vom Signalhorn einer Baustelle dort unten an den Bahnschienen durch das offene Fenster zu uns herüberklang. Es meldeten sich zwei oder drei Klassenkameraden, die dafür bekannt waren, dass sie Klavierspielen lernten. Mit ihren Antworten war Studienrat Heinrich ganz zufrieden, korrigierte nur hie und da einen halben Ton. Wir anderen waren sehr beeindruckt.
Unbotmäßigkeiten bestrafte Studienrat Heinrich auf seine eigene, originelle Weise. Dazu musste der Delinquent bis zur nächsten Stunde von einem kleinen Text eine „Analyse“ anfertigen. Grob gesagt, waren dabei die Sätze des Textes in ihre grammatischen Bestandteile zu zerlegen. Diese Art von Beschäftigung erfreute sich verständlicherweise keiner großen Beliebtheit.
Nun stand ich also mit meiner Schultasche vor dem Musiksaal und lauschte, was durch die Tür herüberklang. Es war der Refrain: „Hulla balo, balei balei…“ Das hörte sich gut an. Zu der Zeit begeisterte ich mich besonders für Shanties und Seemannslieder. Und der Song, der gerade von meinen Klassenkameraden gesungen wurde, war eines von meinen Lieblingsliedern. Auch wenn mir heute Titel und Text nicht mehr einfallen, ertappe ich mich hin und wieder dabei, wie ich den Refrain still und leise vor mich hinsumme.
Noch eine kleine Weile vor der Tür stehend, ließ ich Gesang und Musik auf mich wirken.
Als ich den Musiksaal betrat und Platz nahm, waren viele Ängste von mir gewichen. Es war mir in diesem Alter noch nicht klar, dass ich den Keim einer heimtückischen Erkrankung in mir trug, die, obwohl chronisch, dennoch in einem ewigen Auf und Ab verlaufen sollte.
Musik hat immer in meinem Leben eine wichtige Rolle gespielt und hat mich durch manches tiefe Tal begleitet. Sie hat mich vor totaler Verzweiflung und dem Absturz bewahrt.
In meiner Jugendzeit wurde in den Schulen noch häufig gesungen. Viele Volkslieder habe ich danach jahrzehntelang nicht mehr gehört. Wie schön war es dann, eine ganze Reihe davon in Zeiten tiefster Depression in einer Klinik unter Anleitung einer Musiktherapeutin wiederzuentdecken und zu singen.
In Verbindung mit zahlreichen anderen Therapien hat sich dies oft als sehr heilsam erwiesen.
Damit Musik ihre heilende Wirkung entfalten kann, braucht es auch nicht unbedingt der Anleitung durch einen Musiktherapeuten. Nicht nur klassische Musik und Schlager, Volkslieder oder Kirchenmusik können eine heilkräftige Wirkung entfalten. Alle Arten von Musik sind hilfreich, wenn sie Herz und Gemüt berühren.
Als Kind war es bei meiner Mutter in der Küche immer gemütlich. Wenn ich nicht allein sein wollte, habe ich dort gern gespielt. Oft war das Radio eingeschaltet. Manche Reportage, aber vor allem auch Schlager, die oft gespielt wurden, haben sich bei mir tief eingeprägt. Sie höre ich heute noch gern, weil sie mich wieder ein wenig in Kindheit und Jugend zurückversetzen.
Lange ging das Leben so seinen Gang. Als ich mit etwa dreißig Jahren an einer Depression erkrankte, gewann Musik wieder eine größere Bedeutung. Zwar wurde ich stationär und später ambulant mit Psychopharmaka und anderen Therapien behandelt, aber die Depression konnte nur zu einem Teil zurückgedrängt werden.
Ein qualvolles Gefühl, das die Seele bedrückte, und wie eine schwarze Wolke über mir schwebte, musste erduldet werden.
Schon in jungen Jahren hatte ich mich von der damals aufkommenden Beatmusik aus England begeistern lassen: „The Beatles“ und „The Rolling Stones“ waren damals die populärsten Gruppen. Sehr gerne hörte ich auch Balladen aus USA, insbesondere die des Folkpoeten Bob Dylan. Während dieser als Protestsänger bekannt wurde, weitete er jedoch sein Repertoire immer weiter aus. In über fünfzig Jahren auf der Bühne textete und komponierte er eine Vielzahl von Songs. Seine moderne Lyrik und sein Musikstil haben die zeitgenössische Musik stark geprägt. Viele seiner Texte sind von einer so hohen dichterischen Qualität, dass er mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde.
Warum gehe ich so ausführlich auf diesen Singer-Songwriter ein? Er hat mich durch Jahrzehnte meiner depressiven Erkrankung begleitet, mein Denken mit beeinflusst und mir Stunden und Minuten von Freude und Glück geschenkt. Als ausgebildetem Übersetzer für die englische Sprache war es mir möglich, die Texte im Original zu lesen und zu verstehen. Dadurch wurde meine Konzentration gestärkt und mein Gefühl für englischsprachige Poesie gefördert.
Als es mir wieder einmal sehr schlecht ging, und ich keinen Weg mehr sah, die Depression, die an meiner Seele nagte, zu vertreiben, legte ich die LP „Bob Dylan: Live at Budokan“ auf den Plattenteller. Als dann die ersten Akkorde von „Hey, Mr. Tambourine Man“ erklangen, war es, als würden meine rastlos umher irrenden Gedanken wieder wie eine entgleiste Eisenbahn auf ihre Schienen gesetzt. Ein Gefühl von Freude und Hoffnung durchströmte mich, erweckte einen Impuls, der mir zuzurufen schien: „Mach weiter, kämpfe den guten Kampf. Fasse Mut, gib nicht auf!“ Der positive Gedanke war in mir, stärkte mich im Streit. Fallen, wieder aufstehen… wieder und wieder.
Die Zeit verging und es ging langsam aufwärts. Noch oft musste mir Musik Kraft und Beharrlichkeit schenken. Ich entdeckte auch Musikrichtungen als hilfreich, die ich bisher kaum beachtet hatte: Angefangen bei Gregorianischen Chorälen, Johann Strauß und Heino, alten Schlagern aus den 50er und 60er Jahren, Volksliedern und Kirchenmusik aus alter und neuer Zeit. Kreuz und quer.
Doch seither bin ich nicht mehr so tief in den Abgrund gefallen. Und immer wieder heißt es für mich: „Stehe auf, glaube und kämpfe!“
Nun lasse ich eine Reihe von Therapien auf mich einwirken. Von der einen mehr, von der anderen weniger. Dabei spielt die Musik – in Maßen genossen – eine wichtige Rolle. Nebenwirkungen gibt es dabei kaum.
Wenn Du noch jung bist, erfreut und hilft Dir meist eine andere Musikrichtung als bei einem älteren Menschen. Manche Sachen können unwirksam oder Gift für Deine Seele sein. Probiere es aus. So vielfältig ist die Musik.
Wahr ist, dass Liebe zur Musik und Verständnis für die vielfältigen Stilrichtungen oft bereits in den Schulen begründet werden.
Gerd P. Lüttgen
