Allgemeine Berichte | 17.10.2025, 09:02 Uhr

Leidtragende sind die Ärmsten der Gesellschaft

Das Sozialkaufhaus in Montabaur muss am Jahresende schließen

Außenansicht des Sozialkaufhauses.  Fotos: Andrea Leineweber
282

Montabaur. Viele Waren, die an anderer Stelle nicht mehr gebraucht werden, erhalten hier ein neues Leben: im Sozialkaufhaus in Montabaur!

Auf der Ausstellungs- und Verkaufsfläche mit zwei Ebenen wird eine stattliche Auswahl von Bekleidung und Haushaltsgegenständen bis zu Möbeln und Elektrogeräten sowie allerlei nützlichem Kleinzeug angeboten – und das zu ganz kleinen Preisen.

Nun steht dieser in und um die Westerwälder Kreisstadt von vielen bedürftigen Menschen mit knappem Geldbeutel geschätzte Markt vor dem Aus: am letzten Tag des Jahres 2025 ist nach über 15 Jahren Schluss!

Im Sozialkaufhaus in Montabaur können Menschen aus der Region, denen es nicht so gut geht und denen es oft am Nötigsten fehlt, in Würde einkaufen. Dies sind Personen, die nachweislich wenig Geld zur Verfügung haben, beispielsweise Bezieher von Arbeitslosengeld II, Tafelkunden/innen und Geflüchtete im Leistungsbezug.

Zum festen Bestandteil des sozialen Lebens geworden

Die aktuell von der SoRocket GmbH mit Sitz in Koblenz betriebene soziale Einrichtung in Montabaur ist seit der Eröffnung schnell zu einem festen Bestandteil des sozialen Lebens im südlichen Westerwald geworden. Nicht nur ein Laden mit günstigen Waren, sondern auch ein Haus der Begegnung und eine unverzichtbare Brücke zwischen den Warenspendern, Menschen in Not und der gesamten Bevölkerung in der Region. Hier geht es nicht in erster Linie um Konsum, sondern um Würde, soziale Teilhabe und auch ganz nebenbei um nachhaltigen Ressourcenschutz.

Jährlich verarbeitet das engagierte und erfahrene Team im Kaufhaus mit den Maßnahmeteilnehmer/innen rund 30 Tonnen Kleiderspenden in ihrer Wäscherei, damit Hemden und Hosen frisch und verkaufsbereit bleiben.

Seit 2022 wurden über 2000 Kundenkarten ausgegeben, täglich nutzen mehr als 50 Menschen das vielfältige Warenangebot zur besseren Bewältigung des Alltags. Weit über 100 Personen erhalten pro Jahr hier als Bezieher von Transferleistungen Betten, Geschirr, Toaster und vieles mehr für ihre Erstausstattung.

Fast so wichtig wie der günstige Erwerb von Gebrauchtwaren: Für viele Besucherinnen und Besucher ist das Projekt außerdem ein liebgewonnener sozialer Ort. Ein Treffpunkt, an dem in vielen Sprachen gesprochen wird, Kontakte geknüpft und gegenseitige Unterstützung gelebt wird.

Drei Ziele werden imSozialkaufhaus gelebt

Zusammengefasst kann man feststellen, dass im Sozialkaufhaus unter Anleitung von erfahrenen Fachkräften drei zentrale Ziele aktiv gelebt werden:

• Soziale Teilhabe: Bedürftige Menschen erhalten Zugang zu qualitativ guten Kleidungstücken, Möbeln und Haushaltsgegenständen – zu Preisen, die Würde und Gleichberechtigung ermöglichen.

• Nachhaltigkeit: Gut erhaltene Spenden werden weitergegeben statt weggeworfen – ein aktiver Beitrag zur Ressourcenschonung und zur Reduzierung von Müll.

• Arbeitsmarktintegration und Alltagshilfe: Im Integrationsprojekt des Jobcenters Westerwald ist es den Mitarbeitern von SoRocket in den letzten Jahren überdurchschnittlich gut gelungen, den Teilnehmenden neue Perspektiven aufzuzeigen und sie in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu vermitteln. Leider kann das in Zukunft so nicht weitergeführt werden.

Rund um das funktionierende Sozialkaufhaus ist eine intakte Gemeinschaft entstanden, die vom Geben und Nehmen lebt. Mit dabei sind private Spenderinnen und Spender und die Mitarbeiter/innen vor Ort, die tagtäglich dafür sorgen, dass Menschen ein Stück Normalität und Perspektive zurückgewinnen. „Eine endgültige Schließung unserer Einrichtung würde die Lebensqualität zahlreicher Mitmenschen empfindlich beeinträchtigen“, so die langjährige Projektleiterin Andrea Leineweber.

Gerade in Zeiten, in denen Bürgergeldempfängerinnen und -empfänger zunehmend Ziel vereinfachter oder reißerischer Berichterstattung werden, ist es wichtiger denn je, den Blick auf die Realität zu richten. Menschen, die Unterstützung brauchen, sind nach Ansicht von SoRocket Geschäftsführer Stephan Reckmann unsere Nachbarinnen und Nachbarn: „Ein Sozialkaufhaus schafft nicht Schuldzuweisungen, sondern Chancen - für individuelle Stabilität und für den immer wichtiger werdenden Zusammenhalt der Gesellschaft“, so Reckmann.

In einigen politischen und gesellschaftlichen Funktionen hat Uli Schmidt das Sozialkaufhaus seit der ersten Stunde begleitet. Er hält sich mit seinem Ärger und seiner Enttäuschung darüber, dass nur wegen einer Änderung der Förderbedingungen nun das Ende bevorsteht, nicht zurück: „Derzeit überbieten sich die Koalitionsparteien in Berlin damit, zur finanziellen Entlastung des Bundeshaushaltes schnell Empfänger/innen von Bürgergeld in Arbeit bringen zu wollen – und nun passiert im Westerwald in einem erfolgreichen Praxisbeispiel genau das Gegenteil“, so das langjährige Mitglied des Kreissozialausschusses. So ein Unsinn könne nicht einfach akzeptiert werden, denn die Leidtragenden dieses Schildbürgerstreiches seien die Ärmsten der Gesellschaft.

Träger, Mitarbeitende und Unterstützer rufen die Bevölkerung, lokale Unternehmen und Entscheidungsträgerinnen und -träger deshalb dazu auf, sich ehrenamtlich einzubringen und politische bzw. finanzielle Unterstützung zu prüfen, damit der Betrieb langfristig gesichert bleibt. So können Sachspenden (gut erhaltene Kleidung, Bettwäsche, Handtücher, Küchenutensilien, Möbel) weiterhin für bedürftige Menschen angenommen werden.

Gemeinnützigen Verein als neuen Träger gründen?

Überlegt wird, noch in diesem Jahr einen breit getragenen gemeinnützigen Verein „Sozialkaufhaus Montabaur e.V.“ als neuen künftigen Träger zu gründen. Dadurch besteht die Hoffnung, das Sozialkaufhaus erhalten zu können. Quasi als „Tafel für Non-food-Artikel“.

Zu einem ersten Informationstreffen dazu sind alle Mitbürger/innen, die nicht wollen, dass der Sozialmarkt geschlossen wird, am Mittwoch, 19.11.2025 um 18 Uhr im Sozialkaufhaus, Bahnhofstraße 53, in Montabaur willkommen. Zunächst wird eine Führung durch das Kaufhaus angeboten und es wird das Konzept erläutert. Vorgestellt werden auch die nachweisbaren Erfolge des Hauses bei der Vermittlung von Teilnehmenden in Arbeit oder weiterführenden Bildungsmaßnahmen.

Klar ist allen: Das Sozialkaufhaus Montabaur ist ein Ort der Solidarität — eine Investition in Menschen, Umwelt und Gemeinschaft. Es besteht die begründete Hoffnung, dass viele das Anliegen unterstützen und die wichtige Arbeit fortgesetzt werden kann.

Info gerne Tel. unter 02602-106 85 83 oder Email unter Info@Sozialkaufhaus-Montabaur.de

Innenleben des Sozialkaufhauses.

Innenleben des Sozialkaufhauses.

Außenansicht des Sozialkaufhauses. Fotos: Andrea Leineweber

BLICK aktuell bei Google bevorzugen
Erhalte mehr Inhalte von uns in deinen Google-Suchergebnissen.
Empfohlene Artikel
Mit Unterstützung der BUGA-Freunde Koblenz haben die Stadtgärtner drei Beete in Lützel und Stolzenfels mit den Staudenmischungen der Bundesgartenschau 2026 bepflanzt.
13

Die bevorstehende Bundesgartenschau 2029 wirft bereits ihre Schatten voraus, und in Koblenz zeigt sich der eigens für das Obere Mittelrheintal entwickelte BUGA-Staudenmix in ersten Pflanzungen. Der Eigenbetrieb Grünflächen- und Bestattungswesen hat in den Stadtteilen Lützel und Stolzenfels drei Flächen neu gestaltet und dabei wertvolle Unterstützung vom Staudenteam der Freunde der Bundesgartenschau Koblenz e.

Weiterlesen

Brandneue XXL-Lebendfalle – liebevoll „lange Liesel“ genannt.
19

Nach 4 Wochen bangen Wartens und kilometerweiten Tagesdistanzen der Hündin konnte die clevere Dackelmischlingshündin Lotte nur 1 Woche nach dem Einschalten der Hundesuchhilfe Saving Paws Vulkaneifel, Südeifel und Umgebung von den Spezialisten gesichert werden. Der erste Einsatz für die neue, zusätzliche XXL-Lebendfalle endet mit einem emotionalen Happy End und einer ganz besonderen Überraschung. Mehr dazu im RegioMAGAZIN.

Weiterlesen

Olivenbäume im Ahrtal.
22

Olivenbäume zwischen Weinbergen, auf landwirtschaftlichen Flächen und in privaten Gärten: Was zunächst ungewöhnlich klingt, ist im Ahrtal längst keine reine Zukunftsvision mehr. Und dies dank des Oliven-Experten Oliver Heimermann. Seit mehr als 15 Jahren experimentiert er mit dem Anbau der mediterranen Pflanzen. Nun soll aus den bisherigen Erfahrungen eine gemeinsame Initiative entstehen. Mehr dazu im RegioMAGAZIN.

Weiterlesen

Bildergalerien
Täglich exklusive Inhalte
Täglich exklusive Inhalte

Das digitale Magazin für Rhein, Ahr und Eifel — jeden Tag eine neue Ausgabe, optimiert fürs Smartphone.

  • 30 Tage gratis – inkl. E-Paper
  • Neue Ausgabe jeden Tag
  • Für unterwegs gemacht
Heutige Ausgabe lesen
Blick aktuell
Regio MAGAZIN

Imageanzeige
Stellenanzeige Personalreferent
Innovatives aus Andernach
Herbstkirmes Löhndorf
Anzeige KW 44
Imageanzeige Spezialisten für Ihr Lächeln
Titelanzeige
Weitere Artikel
Die Mittelahr präsentierte sich an den fünf Veranstaltungswochenenden von ihrer besten Seite
1934

Mittelahr. Mit zahlreichen Besucherinnen und Besuchern und bestem Herbstwetter ist der Weinherbst Mittelahr 2026 erfolgreich zu Ende gegangen. Vom 26. September bis zum 25. Oktober fand das beliebte Wein- und Wanderevent an fünf Wochenenden auf dem Rotweinwanderweg und in den Weinorten Dernau, Rech, Mayschoß und Altenahr statt. Das bewährte Zusammenspiel aus Wein- und Gastronomieständen entlang der Strecke sowie ergänzenden Angeboten in den Orten sorgte erneut für großen Zuspruch.

Von Nicolas Bäcker aus Dernau

Weiterlesen

Kitten Leo & Tigger
1525

Katzenschutzfreunde Rhein-Ahr-Eifel e.V.

Viele kleine Katzenkinder suchen ein Zuhause

Leo und Tigger (*ca. Mitte August 2026 – Wohnungshaltung mit gesichertem Balkon oder Freigang nach Kastration) sind zwei bezaubernde Kätzchen, die auf der Suche nach einem liebevollen Zuhause sind.

Von Katzenschutzfreunde Rhein-Ahr-Eifel e.V. aus Schalkenbach

Weiterlesen