Allgemeine Berichte | 21.05.2019

Vor 75 Jahren - Ein Blick zurück in die Geschichte

Das „kleine KZ“ in der Nachbarschaft (8)

von Joachim Hennig

Gedenkstätte Konzentrations- und Vernichtungslager Lublin-Majdanek, heute. (Foto: Ralf Lotys, CC BY 2.5,

Mit der Rückkehr der NN-Häftlinge in das Stammlager des KZ Natzweiler-Struthof, über die das letzte Mal berichtet wurde, war das KZ-Außenlager Cochem mit seinen beiden Teillagern in Bruttig und Treis weitgehend entleert. Es waren noch mehrere vor allem deutsche Häftlinge, die Funktionsaufgaben hatten, dort und auch einige polnische und russische Gefangene, insgesamt wohl 50 bis 70 Häftlinge. Damit fehlte das Gros der Arbeitssklaven, die den Tunnel für die Zündkerzenproduktion der Robert Bosch AG herrichten sollten.

Das Loch, das die NN-Häftlinge rissen, wurde dann gewissermaßen Zug um Zug durch andere Gefangene gestopft. Das geschah durch 700 Häftlinge, fast ausschließlich Polen und Russen, aus dem Konzentrationslager Lublin-Majdanek in Ostpolen. Die Gefangenen kamen am Karfreitag 1944, dem 7. April, auf dem Bahnhof in Cochem an. Das war derselbe Tag, an dem die NN-Häftlinge von dort weggeschafft worden waren, und es war auch derselbe Zug, mit dem sie Cochem verlassen hatten. Deshalb wissen wir auch – von den französischen NN-Häftlingen –, in welchen Wagen die Gefangenen aus Ostpolen, dem damaligen „Generalgouvernement“, an die Mittelmosel kamen. Das waren Güterwagen, Viehwaggons. Die Waggons waren mit Stacheldraht in drei Teile geteilt, die Mitte war den Wachen der SS vorbehalten. Die etwa 60 Häftlinge in jedem Waggon drängten sich an den Seiten, etwa 30 an jeder Seite. Das Stroh war nur ein Staubgemisch mit Exkrementen. Die Häftlinge kamen – wie Dr. André Ragot berichtete - wie „wahre Geister“ an. Viele von ihnen hatten nicht einmal Schuhe. Damit sie überhaupt etwas an den Füßen hatten, mussten die NN-Häftlinge ihre Holländer-Holzschuhe ausziehen und den Neuen überlassen. Später beklagten sie sich bitter, ohne Schuhe nach Natzweiler gekommen zu sein – wie muss es erst den Polen und Russen in Majdanek ergangen sein, die barfuß oder nur mit Lumpen an den Füßen im ostpolnischen Winter hatten arbeiten und überleben müssen.

Über diese neuen Häftlinge in Cochem ist nur wenig bekannt, da von ihnen – anders als von den westlichen NN-Häftlingen – nur ganz wenige Selbstzeugnisse existieren. Ein gewisses Bild von ihrem Verfolgungsschicksal im Allgemeinen kann man sich aber schon aufgrund einiger Dokumenten machen, die es über das Lager Majdanek und seine Häftlinge sowie über die Lagergeschichte seit einigen Jahren gibt.

Alle in Cochem am 7. April 1944 angekommenen Häftlinge waren an Palmsonntag 1944, dem 2. April, mit dem Zug aus dem Konzentrationslager Lublin-Majdanek losgeschickt worden. Das war einer der sog. Evakuierungstransporte. Mit insgesamt 10 Transporten verschleppte die SS ab dem 1. April 1944 etwa 12.000 Gefangene aus Lublin-Majdanek in andere Konzentrationslager.

Das hier bei uns wenig bekannte Lager Lublin-Majdanek war ein recht spät eingerichtetes Lager im ostpolnischen Distrikt Lublin und hatte in der kurzen Zeit seines Bestehens eine sehr wechselvolle Geschichte. Der polnische Historiker Tomasz Kranz bezeichnet es sehr treffend als ein „multifunktionales Provisorium ohne eindeutige Bestimmung und klare Zielsetzung“.

Nach dem Überfall Hitler-Deutschlands auf die Republik Polen am 1. September 1939 und der schnellen Besetzung des Landes gliederte Hitler den westlichen Teil des polnischen Staatsgebiets in das Deutsche Reich ein. Der Rest – mit den Städten Warschau, Radom, Krakau und Lublin einschließlich deren Umland – wurde das „Generalgouvernement“. Der Distrikt Lublin war zunächst der östlichste Bezirk. Später kam noch Ostgalizien als Distrikt Galizien mit der Hauptstadt Lemberg hinzu.

Die nationalsozialistische Besatzungspolitik in Polen sah die Vernichtung der polnischen Nation vor. In Hitlers Plänen für einen „germanischen Lebensraum im Osten“ war Polen ein Hindernis, das weggeräumt werden müsse, um zusätzliches Siedlungsgebiet für Deutsche zu gewinnen. In einer Ansprache vor hohen Wehrmachtsoffizieren wenige Tage vor dem Angriff auf Polen, erklärte Hitler, er habe „seine Totenkopfverbände bereitgestellt mit dem Befehl, unbarmherzig und mitleidslos Mann, Weib und Kind polnischer Abstammung und Sprache in den Tod zu schicken. (…) Polen wird entvölkert und mit Deutschen besiedelt.“

Der Chef des Generalgouvernements, Generalgouverneur Dr. Hans Frank, machte sich zum Vollstrecker dieses Befehls zur NS-Umsiedlungs- und Germanisierungspolitik. Am 25. März 1941 erklärte er unmissverständlich: „Außerdem ist klar entschieden, dass das Generalgouvernement in Zukunft ein deutscher Lebensbereich sein wird.“

Vor diesem Hintergrund muss man das Lager Majdanek sehen, das am Stadtrand von Lublin und ca. 150 Kilometer südöstlich von Warschau errichtet wurde. Grundlage dafür war der Befehl Hitlers vom 17. Juli 1941 zur „polizeilichen Sicherung der neu besetzten Ostgebiete“. Drei Tage später besuchte der Reichsführer SS Heinrich Himmler Lublin und befahl die Errichtung eines KZ von 25.000 bis 50.000 Häftlingen zum Einsatz für Werkstätten und Bauten der SS und Polizei.

Doch nur zwei Monate später und unter dem Eindruck der ersten siegreichen Schlachten gegen die Sowjetunion („Unternehmen Barbarossa“) wurde der Baubefehl für Lublin – und auch der für Auschwitz – geändert. Jetzt hieß es: „In Lublin und Auschwitz sind sofort am 1. Oktober Kriegsgefangenenlager mit einem Fassungsvermögen von je 50.000 Gefangenen (…) zu errichten.“

Bald änderten sich die Pläne ein weiteres Mal. Statt der sehr vielen Kriegsgefangenen wurden dorthin massenweise Zivilisten verschleppt. Majdanek wurde ein KZ- und Arbeitslager für politische Polen und Juden. Außerdem wurde es nach den großen Landgewinnen in der UdSSR eine Sammelstelle für die Landbevölkerung aus Polen und Russland. Dies war Teil des NS-„Generalplans Ost“. Danach sollten etwa 20 Millionen Polen „ausgesiedelt“ und auf den besetzten polnischen und sowjetischen Territorien deutsche Siedlungen errichtet werden. Die Region Lublin war vorgesehen als eine Art Brücke des Deutschtums zwischen den baltischen Ländern und dem rumänischen Siebenbürgen. Für diese „rassische Umstrukturierung“ sperrte die SS massenhaft die Landbevölkerung in das KZ und presste sie zur Zwangsarbeit.

Ins Fadenkreuz der Nazis und in das Lager Majdanek, das seit Februar 1943 offiziell als „Konzentrationslager der Waffen-SS Lublin“ bezeichnet wurde, kam die Landbevölkerung auch aus anderen Gründen: etwa wegen der Nichterfüllung des Ablieferungssolls, wegen der tatsächlichen oder vermeintlichen Hilfeleistung für Opfer des deutschen Terrors oder wegen der Partisanenaktionen.

So wurden Bauern, die willkürlich festgesetzte Kontingente ihrer Ernte nicht an die deutschen Besatzer ablieferten, deswegen bestraft, auch mit KZ-Haft. Der Gouverneur des Distrikts von Lublin etwa drohte in einem Befehl vom 27. August 1942 bei Nichtablieferung von Bodenfrüchten „mit Beschlagnahme sämtlicher Kontingente ohne Schadensersatz, mit Einlieferung ins Arbeitslager Lublin, mit Enteignung und bei schweren Fällen mit Todesstrafe“.

In das KZ Majdanek konnte man auch als Geisel eingewiesen werden. Zu solchen kollektiven Bestrafungen kam es, wenn die deutschen Besatzer die für Partisanenaktionen Verantwortlichen nicht ermitteln konnten, wenn durch Sabotage Wirtschafts- oder Verwaltungsgebäude zerstört wurden oder wenn sowjetischen Kriegsgefangenen oder anderen Verfolgten Hilfe geleistet worden war. Die Zahl der daraufhin festgenommenen Geiseln war willkürlich und hing vom Charakter der jeweiligen Aktion ab.

1943 wurde Majdanek zu einem Vernichtungslager ausgebaut und zusammen mit Auschwitz zum Zentrum der Ermordung der Juden Europas. Die Massenmorde fanden in Gaskammern und mit Erschießungen statt. Allein am 3. November 1943, auf dem Höhepunkt der „Aktion Erntefest“, erschossen die deutschen Besatzer ca. 18.000 Juden. Im Winter 1943/44 war Majdanek Mordstätte für kranke Häftlinge aus anderen Konzentrationslagern und Opfer der „Todestransporte“, die meisten waren polnische Zivilisten.

Wer diese Massenverbrechen der SS – die Forschung geht von 170.000 bis 250.000 Toten in Majdanek aus - überlebt hatte, geriet dann in die Evakuierungstransporte. Mit der rasch vorrückenden russischen Front nahm Anfang 1944 die Unruhe immer mehr zu. Eine Auflösung des Lagers war höchstwahrscheinlich - aber die Häftlinge wussten nicht, wie sie erfolgen würde: durch ihre „Liquidation“ wie bei der „Aktion Erntefest“ einige Monate zuvor oder aber durch ihre Verlegung in westlich gelegene Konzentrationslager. Die Gefühle schwankten zwischen der Hoffnung auf Befreiung durch die Rote Armee und die Partisanenverbände einerseits und der Angst vor der Vernichtung durch das SS-Wachpersonal andererseits.

Am 19. März 1944 wurde offiziell die Evakuierung des Lagers angeordnet. Die eigentliche Räumung begann am 1. April 1944 mit dem Abtransport von mehreren hundert Kindern und einem Transport von 2.000 Männern und Frauen nach Auschwitz.

An Palmsonntag, dem 2. April 1944, gingen dann 1.200 Häftlinge aus dem KZ Majdanek auf Transport. 700 Männer wurden in das KZ Natzweiler und 500 in das KZ Bergen-Belsen (bei Hannover) verschickt. Die dafür vorgesehenen Häftlinge steckte man im letzten Augenblick in gestreifte Häftlingskluft und verteilte Holzschuhe. Lebensmittel und ähnliches nahm man ihnen weg. Zum Schluss wurden sie noch einmal durchsucht („gefilzt“). Dann verließen die Häftlinge gruppenweise, von Aufsehern und Hunden begleitet, Majdanek.

Die für das KZ Natzweiler vorgesehenen 700 Häftlinge waren in einer Liste vom 6. April 1944 aufgeführt. Für sie hatte die Leitung des KZ Majdanek festgelegt, dass jeder dort Geführte als Lebender zu gelten habe, auch wenn er schon tot sei. Die Toten seien mit zu verladen, dann würden sie als unterwegs Gestorbene angesehen. Wie es in einem Bericht weiter heißt, wurden die Häftlinge - diese „Menschengerippe“ - in mehreren Schichten wie Säcke auf die Wagen verladen. Über 80 Leichen packte man, von der SS streng bewacht, so mit den Lebenden und als Lebende in die Viehwaggons. Dann wurden die Waggons verplombt und mit der Aufschrift „Munition“ beschriftet.

Die Fahrt ging ins Ungewisse. Ein unbekannter Häftling, der wenige Tage später einem anderen Transport angehörte, drückte die Gefühle so aus:

„Hier in Majdanek, fühlten wir uns – wenn auch im Lager – gewissermaßen unter Euch. Nicht nur Euer konkretes Denken an uns, nicht nur die ständige Verbindung mit Euch und Eure weitgehende materielle Unterstützung hießen uns so denken, sondern der ständige Blick auf die Häuser von Lublin erinnerte uns immer daran, dass hier in der Nähe, um uns herum, die Unsrigen sind, dass in den Wäldern die Unsrigen sind, die uns wirklich nicht vergessen.“

Joachim Hennig

Gedenkstätte Konzentrations- und Vernichtungslager Lublin-Majdanek, heute. (Foto: Ralf Lotys, CC BY 2.5,

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