Allgemeine Berichte | 20.02.2019

Ingeborg von Westerman plötzlich und unerwartet verstorben

Das soziale Herz der „Knasties“ schlägt nicht mehr

Bürgermeister Stefan Raetz, Ingeborg von Westerman (†), Kai von Westerman. Foto: EICH

Rheinbach. „Die am 3. Juli 1929 in Riga geborene Deutsch-Baltin Ingeborg von Westerman war eine beeindruckende Persönlichkeit. Noch im Januar hat sie uns bei der Ur-Aufführung ihrer verfilmten Erinnerungen zur Arbeit mit den Inhaftierten in ihren Bann gezogen und begeistert. Ingeborg von Westerman war eine mutige Frau mit Herz, die sich immer für die Menschen eingesetzt hat, die am Rande der Gesellschaft stehen. Sie hat ihnen Hoffnung und Perspektive geben. Der Verein für soziale Eingliederung trägt ihre Handschrift und wäre ohne ihren persönlichen Einsatz heute nicht das, was er ist. Ingeborg von Westerman hat unsere Welt ein Stück herzlicher gemacht“, sagte der Rheinbacher Bürgermeister Stefan Raetz zum Tod von Ingeborg Westerman.

Die Eheleute Ingeborg und Fritz von Westerman erfuhren 1974 zufällig, dass viele Gefangene in der Justizvollzugsanstalt Rheinbach keinerlei Außenkontakt mehr hatten. Sie boten Ihre Hilfe an, bekamen einen Namen genannt und nahmen Kontakt zu einem damals 24-jährigen lebenslang Verurteilten auf.

Anfang 1975 entstand eine Gruppe freier Bürgerinnen und Bürger aus Rheinbach, die „in den Knast“ ging. 1977 forderte der Landtag von den sogenannten „Kontaktgruppen“ aller Anstalten Nordrhein-Westfalens eine Stellungnahme zu der beabsichtigten Erstellung eines „Merkblattes für ehrenamtliche Betreuer im Strafvollzug NRW“. Die Rheinbacher Gruppe entsandte Frau von Westerman zu dieser Veranstaltung.

Zu Beginn des Jahres 1978 entstanden Gesprächsgruppen. Mitglieder der „Kontaktgruppe Rheinbach“ gründeten im Februar 1978 den Verein „Die Gesellschaft für soziale Eingliederung e. V. Rheinbach“, auch die „Rheinbacher Gruppe“ genannt.

20 Jahre lang war Ingeborg von Westerman Mitglied des Vorstandes, davon fünf Jahre als Vorsitzende.

Ingeborg von Westerman war Gründungsmitglied

1984 entstand der „Zusammenschluss ehrenamtlicher Betreuer im Strafvollzug NRW e. V.‘‘. Er sollte, wie der Rheinbacher Verein vor allem Ansprechpartner für Kirche, Justiz und Politik ganz allgemein sein - hier jedoch vor allem auf Landesebene. Die Eheleute von Westerman gehörten zu den Gründungsmitgliedern. Frau von Westerman war über viele Jahre stellvertretende Sprecherin dieses Gremiums.

Nach langer Vorbereitung, einem Spendenaufruf und der Übernahme zu Mietpatenschaften wurde 1985 von der „Gesellschaft für soziale Eingliederung e. V. Rheinbach“ eine Wohnung in Rheinbach für Haftentlassene angemietet. Diese Wohnung bot bis zu drei Wohnplätze.

1988 fand im Landtag NRW eine Anhörung zur Weiterentwicklung des Strafvollzugs statt. Alle relevanten landesweit organisierten Verbände, wie z.B. Richterbund, Beamtenbund, die damalige ÖTV (Gewerkschaft Öffentlicher Dienst, Transport und Verkehr) und auch der Zusammenschluss ehrenamtlicher Betreuer im Strafvollzug NRW sollten dazu aus ihrer Sicht Stellung nehmen. Für den „Zusammenschluss ehrenamtlicher Betreuer im Strafvollzug NRW e.V.“ formulierte Frau von Westerman die zusammengetragenen Erkenntnisse und trug diese als ehrenamtliche Betreuerin der Justizvollzugsanstalt Rheinbach auch mündlich im Düsseldorfer Landtag vor.

Die Rheinbacher Gesellschaft war 1992 maßgebliche Mitbegründerin eines Entschuldungsfonds für Strafgefangene an der JVA Rheinbach.

JVA Bonn wurde geschlossen

Mitte der 90er Jahre gab es eine Veränderung der Arbeitsbedingungen für die „Rheinbacher Gruppe‘‘. Fast alle der von ihr betreuten Gefangenen wurden in die neue Anstalt nach Aachen verlegt. Dafür wurde die JVA Bonn geschlossen und die dort Inhaftierten in Rheinbach untergebracht - vor allem Untersuchungsgefangene und Kurzstrafen-Insassen.

Das hieß, auch für Sie: die Vorlaufzeiten für die Entlassungsvorbereitungen wurden kürzer, obwohl die Problematik hier nicht anders geartet, sondern vielfältiger und oft schwieriger war. Es ergab sich recht bald die Notwendigkeit zur Einstellung einer Teilzeitfachkraft, einer Sozialarbeiterin bzw. eines Sozialarbeiters. Hierzu benötigten die Eheleute von Westerman jedoch Finanzierungshilfe von außen.

Die „Rheinbacher Gruppe“ war landesweit, auch in der Justiz, in Ministerien und in Wohlfahrtsverbänden bekannt. Frau von Westerman und Ihr Gatte beschrieben Ihre Arbeit so: „Strafvollzug hat heute, gesetzlich im Vollzugsziel formuliert, neben der selbstverständlichen Sicherheitsgewährung, einen pädagogischen Auftrag. Erreicht werden soll eine möglichst häufige und dauerhafte Eingliederung Strafentlassener in die Gesellschaft. Sieht man es modern und ganzheitlich, so kann es für das Image einer relativ kleinen Stadt mit einer relativ großen Haftanstalt nicht schädlich sein, eine fest auf gesetzlicher Basis stehende lebendige Bürgerinitiative zu haben, die sich der sozialen Eingliederung Haftentlassener verschrieben hat.“

Film beeindruckte die Zuschauer

Der WDR hat am 21. Juni 1999 in der Aktuellen Stunde unter dem Titel „Stille Helden - die von Westermans“ über das Wirken der Eheleute Ingeborg und Fritz von Westermann berichtet.

Am 13. Januar 2019 fand im vollbesetzten Ratssaal die Uraufführung des von ihrem Sohn Kai und ihrer Schwiegertochter Agnieszka Karas initiierten Films „44 Jahre Knast“ statt. Ingeborg von Westerman berichtet in dem Film über ihr Wirken für mehr Menschlichkeit.

„Es war ein beeindruckender Filmabend und der letzte öffentliche Auftritt von Ingeborg von Westerman. Ich werde Ingeborg von Westerman vermissen“, so Bürgermeister Raetz bei der Bekanntgabe des Todes von Ingeborg Westerman.

Die Beisetzung von Ingeborg von Westerman fand am gestrigen Freitag statt.

Bürgermeister Stefan Raetz, Ingeborg von Westerman (†), Kai von Westerman. Foto: EICH

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