„Denkbares“ holte den Kabarettisten Josef Brustmann nach Höhr-Grenzhausen
Das wirklich Wichtige im Leben
„Spaß haben, sein können, machen, träumen, frei sein“, lautet die Moral des Wolfratshauseners
Höhr-Grenzhausen. „Ich bin so frei“ heißt das Musik- und Kabarettprogramm des bayrischen Künstlers Josef Brustmann, das er am Samstagabend im Kultur-Kasino in Höhr-Grenzhausen präsentierte. Der Titel kann, je nachdem, wie man ihn versteht, mindestens zwei Bedeutungen haben: Brustmann nimmt sich gewisse Freiheiten heraus - oder: Brustmann ist so unwahrscheinlich frei. Am Ende des Abends werden sich die meisten Besucher bei der Beantwortung dieser Frage vermutlich für beide Varianten entscheiden: Brustmann erlaubt sich viel und genießt eine schier grenzenlose Freiheit. Die geht zum Beispiel so weit, dass er sich auf den Rücken eines Besuchers setzt, den er vorher in seine Wanderorgel gequetscht hat und der dort mit den Händen die Pedale bedienen muss, während Brustmann obendrauf die Tasten bedient. Eine Regie hätte es nicht besser hinbekommen können, dass nämlich dieser zufällig ausgewählte „Assistent“ aus dem Publikum Prospero mit Vornamen hieß. Selbst der vielgereiste und scheinbar durch keine Überraschung erschütterbare Brustmann musste bei diesem Namen zweimal nachfragen.
Josef Brustmann ist auch so frei, sich über seine oberbayerische Heimatstadt Wolfratshausen lustig zu machen. Hier lebt der Totengräber und Leichenwäscher Toni Tretter, der, als er über 80 Jahre alt ist, vom Sohn ins Altenheim abgeschoben werden soll. „Es ist ja nicht für lang“, hat der Sohn gesagt. Toni Tretter wusste auch um die Probleme bei der Beerdigung von Franz-Josef Strauß: Für vier Sargträger war der zu schwer, und für sechs war der Sarg zu kurz.
In Wolfratshausen wohnt auch der fanatische Vogelstimmenimitator Franz Hupf, der einen Sommer lang über den Nachbarszaun hinweg jeden Abend akustischen Kontakt zu einem Käuzchen hatte. Bis seine Ehefrau im Gespräch mit der Nachbarin herausfand, dass auch deren Mann seit mehreren Wochen allabendlich einen Kauz imitiert. „Wolfratshausen – spart’s euch den Weg!“, beendet Brustmann die humoristische Beschreibung seiner oberbayerischen Heimat. Er kann derb sein, sarkastisch, beinahe verletzend – und im selben Moment wechseln in eine poetische, romantische Stimmung voller Gefühl. Dann setzt er sich an die Zither und trägt lyrische Lieder von Gottfried Keller vor.
Ernst oder Ironie – das ist oft die Frage
Es sind ständige Wechsel von derbem Humor, einfachen Wahrheiten, tiefsinnigen philosophischen Überlegungen und emotionalen Musikbeiträgen, die Josef Brustmann seinem Publikum zumutet. Und das hat Spaß daran, genießt die Abwechslung und rätselt manchmal: Hat er das jetzt ernst gemeint, oder war das wieder eine ironische Spitze? Brustmann liebt die Überraschung, das Unerwartete, und ist darin einem großen Münchner Komiker ähnlich, nämlich Karl Valentin. Den Brustmann im Verlauf des Abends auch einbaut: Valentin habe zum Ende des Zweiten Weltkriegs, als München jeden Nachmittag bombardiert wurde, an einem Tag aber keine Bomber kamen, zu seiner Tochter gesagt: „Es wird ihnen doch nix passiert sein?“
Und gleich im Anschluss singt er an der Gitarre die Hymne auf die Isar, seinen in der Erinnerung verklärten Kinderspielplatz, wo Franz, sein bester Freund, der Häuptling Abendwind vom Stamm der Delawaren war. In solchen Momenten ist der große, kräftige Josef Brustmann wie der kleine Josef, der in kurzer Lederhose fröhlich am Isarufer entlang rennt. Und er formuliert seine Moraltheorie daraus: „Das ist doch das Wichtigste am Leben, dass man seinen Spaß hat, dass man das, was man ist, sein darf, dass man das, was man kann, machen kann, dass man sich zu träumen traut, dass man sich von den anderen nicht dumm oder unfrei machen lässt, aber auch nicht von seiner eigenen Ohnmacht.“
In der Ankündigung zu dem literarisch-musikalischen Abend stand sehr treffend: „Weil Brustmann ein begnadeter Mulit-Instrumentalist ist, findet sich die Brüchigkeit seiner Texte auch in den Musikeinlagen wieder. Zu Ziehharmonika oder Gitarre singt er erst ein böses Gstanzl, um dann ein altes Volkslied anzustimmen, das eigentlich nur sagt, dass die Liebe ‚wiara Bach‘ ist, und dabei wird der sarkastische Wortkaskadeur auf einmal zum sanften Poeten.“
Vom Gymnasiallehrer zum „Jodelwahnsinn“
Josef Brustmann, geboren 1954, studierte Musik und arbeitete zunächst zehn Jahre lang als Musiklehrer an einem Münchener Gymnasium. Brustmann wurde bekannt als Kreativkopf der Kabarettmusikgruppe „Bairisch Diatonischer Jodelwahnsinn“. Für sein erstes Soloprogramm „Leben hinterm Mond“ in der Münchner Lach- und Schießgesellschaft gewann er den Paulaner Solo- und Kabarett-Wettbewerb 2005. Zusammen mit Marianne Sägebrecht entwickelte er die CD „Sterbelieder fürs Leben“. Seit 2010 widmet er sich zusätzlich intensiv der Lyrik. 2013 wurde er in die Süddeutsche Literatenvereinigung Münchner Turmschreiber aufgenommen. 2015 erhielt er den Sonderpreis des Deutschen Kabarettpreises.
Die philosophischen Fragen der Zeit aufgreifen
Der Abend im Kultur-Kasino Höhr-Grenzhausen fand statt im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Westerwälder Literaturtage“ und wurde organisiert von „Denkbares - Begegnungen mit Menschen und Büchern“, einem Veranstaltungsformat, hinter dem Prof. Dr. Dr. Holger Zaborowski und Martin W. Ramb stehen. Zabarowski ist Professor am Lehrstuhl für Geschichte der Philosophie und philosophische Ethik der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar. Martin Ramb führte in den Abend und das Thema ein. Zur aktuellen Situation auf der Welt sagt der „Denker“ Martin Ramb: „Wir sehen chaotische Systeme, überall. Die Welt ist ziemlich in Unruhe. Es herrscht ein großer Orientierungsbedarf. Deshalb sind solche Formate, die auch philosophische Fragen und Fragen der Zeit aufgreifen, wichtige Formate, um sich zu vergewissern und Orientierung zu geben. Orientierung findet man im Gespräch und im Nachdenken, auf keinen Fall in Ideologien. Momentan beobachten wir eine Neigung zum Extremismus. Die Mitte geht verloren. Die Extreme ziehen die Leute aus der Mitte heraus und spalten die Gesellschaft. Dadurch werden Gesellschaften unfriedlich. Das ist es eigentlich, was wir gerade erleben.“ Wer Josef Brustmann gesehen und gehört hatte, wird sich extremen Strömungen sicher nicht so schnell anschließen.
Wie sehr Brustmann das Publikum beteiligt, erfuhr Zuschauer Prospero: Der Künstler machte vor, wie es geht. Anschließend wurden die Rollen getauscht.
